Rezension

Grüße aus der Großen Heimat

Dimitri Leonidowitsch Oblomow ist Generalbevollmächtigter Reichsrat der Eurosibirischen Föderation.

Dieser archäofuturistische Staat, in dem Hochtechnologie mit vorindustriellen Lebens- und Wirtschaftsweisen harmoniert, ist ein Zusammenschluß eurosibirischer Regionalstaaten zwischen Lissabon und Wladiwostok, deutlich an den regionalistischen Europaentwürfen der Nouvelle Droite ausgerichtet, der Guillaume Faye (1949-2019) vor seinem Bruch mit Alain de Benoist angehört hatte.

Benoist hat das Buch „l‘Archéofuturisme“ (1998), dem die jetzt erstmals auf Deutsch verlegte Erzählung Fayes „Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow“ ursprünglich als illustrative Erzählung angefügt war, als eine groteske Übertreibung in Grund und Boden kritisiert. Auch der Übersetzer des vorliegenden Bandes, Martin Lichtmesz, nennt die Erzählung „eine andere Art Ende der Geschichte“, in der in einer befriedeten Welt die verbliebenen ökonomischen Differenzen von weisen Reichsräten geschlichtet würden.

Dozent Oblomow

Doch damit treffen beide den falschen Punkt. Was an dieser Erzählung als weltanschauliche Fragwürdigkeit erscheint, hat seine Ursache mindestens zur Hälfte darin, daß Faye zwar ein politischer Visionär, aber ein schlechter Erzähler war. „Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow“ ist keine Geschichte, sondern eine Rundfahrt durch Fayes Idealstaat.

„Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow“ leidet an der typischen Krankheit intellektueller Belletristik: Der Autor konnte der Versuchung zu dozieren nicht widerstehen. Die Aufgabe des Dozierens überträgt Faye an Oblomow, der während einer Fahrt im unterirdisch verlegten Hochgeschwindigkeitszug von Brest nach Komsomolsk Nafissa der Tochter eines indischen Maharadschas Geschichte und Verfassung der Eurosibirischen Föderation erklärt.

Was als seichter Utopismus daherkommt, ist, daß Faye noch nicht einmal versucht hat, seine Charaktere über funktionale Abziehbilder hinaus zu entwickeln, oder sie in eine Handlung zu verwickeln.

Oblomow beschreibt lapidar, daß die Gründung der Eurosibirischen Föderation nach der großen Konvergenz der Katastrophen und dem Krieg gegen die muslimische Invasion alles andere als friedlich verlaufen sei. Doch das ist zum Zeitpunkt der Erzählung ein halbes Jahrhundert her.

Gerechterweise muß man hinzufügen: Hier ins Detail zu gehen hätte den Autor möglicherweise auch mit der Justiz in Konflikt gebracht. Für eine zwei Jahre nach „l‘Archéofuturisme“ erschienene Veröffentlichung zum Islam wurde Faye wegen Aufstachelung zum Rassenhaß verurteilt. Wäre „Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow“ eine für sich stehende Science Fiction Erzählung, dann wäre damit alles gesagt.

Das Zweiebenensystem der Technik

Die Erzählung ist jedoch hauptsächlich dazu gedacht, Fayes Konzept des Archäofuturismus verständlicher zu machen. Der Archäofuturismus beinhaltet eine Kernidee, die auch dann diskutiert werden muß, wenn man sie, wie ich, für prinzipiell undurchführbar hält:

Ein Zweiebenensystem des Umgangs mit Technologie, bei dem ein vorindustriell lebender Bevölkerungsteil mit einem hochtechnologisierten Bevölkerungsteil zusammenlebt. Einen ähnlichen Gedanken äußerte Alex Kurtagic, der die afrikanische Frage dadurch lösen wollte, daß Afrika auf seinen vorkolonialen Status zurücksinkt und der Rest der Welt den Kontinent nicht mehr betritt.

Hier gestaltet sich das Zusammenleben zwar nur noch als Zusammenleben auf demselben Planeten, aber das Kernproblem ist dasselbe, daß irgendwie die zwischen diesen Systemteilen von selbst entstehenden Dynamiken unterbunden werden müßten, um es auf Dauer zu stellen.

Fayes Archäofuturismus entstand jedoch nicht, wie manche Kritiker meinen, aus einer postpubertären Mischung aus Mittelalterromantik und Science Fiction-Begeisterung, die sich nicht zwischen der gemütlichen Hobbithöhle und der Brücke des Raumschiffs Enterprise entscheiden konnte.

Apokalyptiker des Verstandes

Faye begriff, wie wenige andere seiner Generation, sowohl in welche inhärenten entwicklungsgeschichtlichen Sackgassen die Technologie geführt hatte, als auch die lachhafte Wirkungslosigkeit jener Sorte Technikkritik, die ihren ehrlichsten Ausdruck im Luddismus gefunden hatte.

Der Archäofuturismus und der „Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow“ sind als positive Gegenerzählung eines Mannes zu lesen, der trotz bisweiliger Anfälle prophetenhaften Missionseifers, ein Apokalyptiker des Verstandes war.

Guillaume Faye: Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow, Eine Chronik aus dem Zeitalter des Archäofuturismus, Jungeuropa Verlag, Dresden 2020, 128 Seiten.


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