Anstoß

„It‘s okay to be white.“

Sind die Vereinigten Staaten der europäischen Entwicklung einfach voraus? Oder gehen wir getrennte Wege? Für die europäische Rechte kann das zur Schicksalsfrage werden.

Sehen wir in Amerika das Europa von morgen? Die Frage ist im Verlauf des letzten Jahres brennender geworden und die Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten ist nicht der Grund dafür, lediglich das sichtbarste Symptom, noch nicht einmal das aussagekräftigste.

Trump kann man noch unter erfolgreichen Populismus packen. Ein hochintelligenter Milliardär, der einen Moment der Schwäche des politischen Establishments vorausgesehen und geschickt ausgenutzt hat.

Horror vor dem Harmlosen

Die jüngst erfolgte Kampagne „It‘s okay to be white“, hingegen ist, was die praktischen Auswirkungen betrifft, mit Trump verglichen lächerlich, läßt aber tiefer blicken. An einer Reihe von Universitäten tauchten Zettel auf – mehr war es nicht, Druckerpapier mit schwarzer Schrift, mit Klebeband irgendwo hingepappt, jeder normale Kampagnenkoordinator würde das ablehnen. Zu unprofessionell, signalisiert einen niedrigen Sozialstatus, mit einem Wort: zu gammlig.

Die Botschaft war noch langweiliger als der Zettel: „It‘s okay to be white.“ Und alles rastete aus! Dabei hatte der Mainstream sehr schnell gemerkt, was mit der Kampagne bezweckt werden sollte. Die 4chan-Protokolle, in denen sie entwickelt worden war, standen noch zugänglich im Netz. Die Washington Post hatte sehr schnell bekannt gemacht, daß das Ziel der Aktion von Anfang an darin bestanden hatte, die Linken mit einem ganz harmlosen Satz zum Durchdrehen zu bringen und damit die Sympathien normaler Leute auf die eigene Seite zu ziehen.

Wenn Anti-Rassismus die Gegenseite stärkt

Diese wohlmeinende Aufklärungsarbeit scheint nicht viel genützt zu haben. Die Linke explodierte trotzdem. Universitätspräsidenten hielten es für nötig, offiziell zu verlautbaren, wie sehr sie dieses Zeichen des Rassismus verabscheuen und daß so etwas keinen Platz an ihrer weltoffenen und vielfältigen Institution hätte.

Natürlich, auch wir in der Alten Welt sind da einiges gewöhnt, doch das ist noch einmal eine deutliche Spur schärfer. Als an meiner Universität die ersten Aufkleber der Identitären Bewegung auftauchten, ließ der ASTA eine ziemlich langweilige Verlautbarung anschlagen und verteilte kostenlos Spachtel, damit engagierte Studenten mit ganz viel Zeit und Zivilcourage die rechte Propaganda wieder entfernen konnten. Das war beim ersten Mal und seitdem ist nichts mehr passiert.

Jetzt schon eine Minderheit

Neugeborene Weiße sind in den Vereinigten Staaten inzwischen eine Minderheit, wenn ethnische Gesichtspunkte, nicht bloß der Migrationshintergrund, als ausschlaggebend betrachtet wird. Sind also die Zustände in den Vereinigten Staaten einfach nur Europa in zehn bis zwanzig Jahren? Was das bedeuten könnte, zeigt sich, wenn wir uns den Erfinder des „It‘s okay to be white.“-Memes anschauen. Das ist ein Mann namens Mike Enoch, berühmt geworden mit seinem Podcast „The Daily Shoah“.

Die Empörung über das Harmlose und der größtmöglichen Stinkefinger, als von vielen akzeptierte Reaktion auf die unakzeptablen Folgen der Politik, zeigen nicht nur die bloße Polarisierung Amerikas, sondern vor allem, was dort noch möglich ist. Etwas, das sich in den turbulenten Ereignissen der letzten Jahre, von Black Life Matters bis zur Wahl Donald Trumps, erst ankündigte und inzwischen zur Zerrüttung des politischen Systems geführt hat.

Hinkt Europa Amerika bloß hinterher?

Amerika gerät außer Kontrolle. Die europäischen Beobachter sehen sich damit vor eine grundsätzliche Frage gestellt, von deren Beantwortung das eigene Verhältnis zu Amerika abhängen muß: Ist in Amerika die Entwicklung der – einheitlich gedachten – westlichen Welt bereits weiter vorangeschritten als in Europa? Möglicherweise bereits an einem Wendepunkt angekommen, den wir noch vor uns haben? In diesem Falle hätten wir nichts Eiligeres zu tun, als der amerikanischen Entwicklung nachzueilen.

Oder unterscheidet sich Amerika, trotz oberflächlicher Ähnlichkeit der Problemlage, so grundlegend von Europa, daß eine Ausrichtung am amerikanischen Vorbild zu verhängnisvollen Fehlentwicklungen führen müßte? Sollte das der Fall sein, so bestünde schon deswegen ein Problem, weil es aufgrund der Globalität der englischen Sprache kaum möglich sein dürfte, den Einfluß der äußerst mediengewandten amerikanischen AltRight auf die rechtsgerichtete Jugend Europas zu verhindern, selbst wenn man wollte.

Daß wachsende Teile der europäischen Jugend ihr Weltbild bei Mike Enoch und Kompagnons beziehen, das wird kaum zu verhindern sein. Aus diesem Grund wird uns das kennzeichnende Problem der AltRight auf jeden Fall betreffen: Ihr nur im amerikanischen Kontext verständliches Verhältnis zu Rasse und Identität.

In Deutschland würde niemand sagen: „Es ist in Ordnung, weiß zu sein.“ Und kein Franzose käme auf den Gedanken: „C‘est bien d‘être blanc.“ In Europa bezieht sich die Rechte auf die Nation, auf Europa als Kulturkreis, doch kaum auf die Rasse.

Weiß sein, das ist in Amerika mehr als Biologie

Hier droht das Mißverständnis: Weiß zu sein, ist im amerikanischem Kontext mehr als eine bloß biologische Eigenschaft. Es meint eine ebenso biologisch wie kulturell begründete Identität, die sich nur in diesem, eigentlich bloß eine Rasseneigenschaft bezeichnenden Wort ausdrücken kann. Amerika, Amerikaner, amerikanisch, diese Worte sind längst vom Establishment besetzt und multikulturalistisch umgedeutet. Den Amerikanern, deren Vorfahren die Vereinigten Staaten gegründet und aufgebaut haben, ist keine andere Selbstbezeichnung geblieben.

Es kann für Europa sehr gefährlich werden, wenn das als plattester Biologismus mißverstanden wird. Denn zum einen kann man die Ergebnisse der amerikanischen Rassenforscher nicht aus dem Fenster werfen, ohne die globale Migrationsproblematik unverständlich zu machen. Das droht aber, sobald man zwanghaft versucht sich von einem sogenannten „amerikanischen Rassenmaterialismus“ abzusondern.

Zum anderen kann der amerikanische Identitätsdiskurs aus den angeführten Gründen auch nur sehr schwer auf irgendeine europäische Nation übertragen werden. Solange die Idee der Nation in Europa noch dem Globalismus entgegensteht, anstatt, wie die amerikanische mit ihm identisch zu sein, solange wird es auch einen grundlegenden Unterschied zwischen der europäischen Neuen Rechten und der amerikanischen AltRight geben.

Sicher ist das für die Zukunft nicht. Auch in Europa gibt es Versuche, die nationalen Identitäten für multikulturelle Pseudonationen aus Unseren WertenTM  und brechreizerregenden Grinsegesichtern zu usurpieren.

(Bild: Pixabay)

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1 Kommentar

  1. „Weiß zu sein, ist im amerikanischen Kontext mehr als eine bloß biologische Eigenschaft. Es meint eine ebenso biologisch wie kulturell begründete Identität, die sich nur in diesem, eigentlich bloß eine Rasseneigenschaft bezeichnenden Wort ausdrücken kann.“ („It‘s okay to be white.“ von Johannes K. Poensgen)
    Schon der amerikanische Schriftsteller Jack London, dessen Werk zweifellos zur Weltliteratur gezählt werden darf, stellte für sich klar: Zuallererst bin ich ein weißer Mann und danach ein Sozialist! (frei zitiert) Zum derzeitigen US-Präsidenten bleiben wir, im Gegensatz zu einem Großteil der amerikanischen und europäischen Rechten, aber weiterhin auf kritischer Distanz.

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