Gesichtet

Jenseits von Afrika – eine Gegenlese der Apartheid (III)

Eine der Horrorvisionen von Hendrik Verwoerd war der sogenannte „Black Englishman“, der Typus des westlich gebildeten Eingeborenen, meistens aus der Königsfamilie seines Stammes, der die westliche Kultur äußerlich absorbiert hatte, um sie dann mit ihren eigenen Waffen schlagen zu können.

Während in der Vision der Bantustans die Schwarzen in ihren eigenen Traditionen und in ihren angestammten Gebieten auf eine höhere kulturelle Stufe kommen sollten, handelte es sich bei den Black Englismen laut der Apartheids-Ideologie um denaturierte Phänomene, die zu ihren Ursprüngen zurückgeführt werden müssten, schon allein wegen der Unmöglichkeit, die schwarzen Massen zu der geneideten wie propagierten westlichen Zivilisation führen zu können.

Der 1912 gegründete African National Congress (ANC) war eine Ansammlung solcher Black Englishmen, die sich in ihren Anfängen vom Vorbild Mahatma Gandhis, der um diese Zeit unter den Indern Südafrikas wirkte, leiten ließen. Zunächst richtete sich ihr gewaltloser Kampf gegen die rassische Segregation und für die gleichberechtigte Teilhabe an der westlichen Kultur im Land. Mit Beginn der großflächigen staatlichen Apartheid erhielt dieser Kampf eine neue Intensität, die bald auch aus dem Ausland befeuert wurde.

Die Rolle von Nelson Mandela

Der Panafrikanische Kongress verurteilte auf seinen Zusammenkünften die Passgesetze, und die ökumenische Bewegung der Kirchen, in deren Schulen viele der afrikanischen Führer ausgebildet worden waren, übte scharfe Kritik am Regime. Auch die Olympische Bewegung verbannte Südafrika 1970 aus ihren Reihen, was in dieser Form ein Novum darstellte. Bei den Westmächten wiederum machte sich zwar Unwohlsein über die Apartheid breit, doch blieb der Protest noch einige Zeit verhalten, zumal sich der Staat am Kap stramm antikommunistisch gab. Erst 1977 konnte die UN ein Waffenembargo durchsetzen. Unter den Buren selbst gab es vereinzelte kritische bis oppositionelle Stimmen, meist im Umkreis der Zeitschrift „Sestiger“.

1944 war der Jurist Nelson Mandela (1918-2013) in den ANC eingetreten. Der charismatische Spross einer Königssippe der Thembu, eines Unterstammes der Xhosa, war das Paradebeispiel eines Black Englishman, der es geschickt verstand, zum internationalen Aushängeschild der Bewegung zu werden. Er verschrieb sich anfangs ganz der gewaltlosen Protestkultur des ANC, der Zellen in allen Townships unterhielt. Als es im März 1960 zu einem Massaker im Township Sharpeville gekommen war, bei dem Polizisten in eine größtenteils friedliche Protestkundgebung schossen, trat ein Wendepunkt in der Strategie des ANC ein.

Die Gewaltfrage

Zwar wurde im selben Jahr ANC-Chef Albert Luthuli (ein Zulu) wegen seines Beharrens auf der Gewaltlosigkeit mit dem Friedensnobelpreis bedacht, doch konnte er den von Mandela eingebrachten Vorschlag zur Gründung eines bewaffneten Arms nicht unterbinden. In der Gruppierung Pan Africanist Congress (PAC, nicht zu verwechseln mit dem Panafrikanischen Kongress) war in diesem Punkt eine unwillkommene Konkurrenz zum ANC entstanden, welche gewalttätige Aktionen, angereichert mit schamanistischen Kampfritualen, früh populär machte. Später sollte sich noch die Zulu-Bewegung Inkatha hinzugesellen, die durch das Schüren von Unruhen und die Zerstörung von Gandhis einstiger Farm auffiel.

So entstand Mandelas „Umkhonto we Sizwe“ („Speer der Nation“), die offiziell getrennt von den friedlichen Kampagnen des ANC und in Kooperation mit den Kommunisten operieren sollte. Nelson Mandela selbst reiste u.a. zum algerischen FLN, wo er eine Ausbildung im Guerillakampf absolvierte.

Die Eskalationsspirale war angestoßen und auch der südafrikanische Staat reagierte mit zunehmend brutaler Gewalt unter Einschluss halblegaler Todesschwadronen der Polizei, wie der berüchtigten Vlakplaas-Einheit – benannt nach der Farm, in der Aktivisten „verschwanden“. Zur Ikone wurde Nelson Mandela aber weniger durch tollkühne Unternehmungen als durch die Jahrzehnte währende Haftstrafe auf der von Antarktis-Winden umtosten Insel Robben Island. Am Ende des Prozesses, der ihn 1964 auf die Gefängnisinsel bringen sollte, erklärte er mit Pathos: „Seit einem halben Jahrhundert kämpft der ANC gegen Rassismus. Wenn er siegt, wird er diese Politik ändern!“ Er sollte sich irren.

Südafrika kam in den 70er und 80er Jahren immer mehr unter Druck, so dass unter Präsident Botha erste Reformen angestoßen wurden, die eine moderne Apartheid zum Ziel hatten. Nach einer aggressiven Rede 1985, die als „Rubicon-Rede“ in die Schlagzeilen geriet, erhielt Pieter W. Botha von der Weltöffentlichkeit wie von der heimischen Wirtschaft massive Kritik, die das Regime an den Rand des Bankrotts brachte.

Frederik W. de Klerk, Bothas Nachfolger, dessen Ex-Ehefrau Marike 2001 durch einen schwarzen Hausangestellten ermordet wurde, leitete ab 1989 das Ende der Apartheid ein, das mit Inkrafttreten der neuen Verfassung 1994 besiegelt wurde. Der Rest ist bekannt oder kann in Lauren Southerns wichtiger Videoreportage Farmlands angeschaut werden.

Hörbare Zukunftsmusik: Entflechtung oder Entfesselung

Im Feuilleton des Online-Formats der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Juli 2018 wird, obwohl es dort um ein anderes Thema geht, die kühne Forderung aufgestellt, der bundesdeutsche Staat müsse dafür Sorge tragen, dass das Eigene vom Fremden her gedacht werden könne, wollte er keinem Systemdenken Vorschub leisten. Abgesehen davon, dass der Staat andere Aufgaben hat als philosophische Theoreme auf ihre Praxistauglichkeit zu prüfen (gleichsam ad experimentum), enthält diese Aussage ungewollt die Begründung für Apartheid. Vermutlich kennt man Völker nur dann wirklich gut, wenn man gegen sie Krieg geführt hat. Man denke nur an die Israelis mit ihrer nüchternen Kenntnis der Araber.

Die Buren kannten jedenfalls ihre afrikanische Umgebung sehr gut und wussten, wie das ihnen Eigene mit den fremden Augen der Stammeskulturen um sie herum betrachtet wurde. Sie gehörten eben nicht zu den reinen Kolonialvölkern, denen eine solche Einsicht oft verwehrt blieb. Weil sie dies wussten, griffen sie zur Apartheid als ihrem umstrittenen Schutzschild. Ihr „Systemdenken“ sollte sie vor dem Aussterben bewahren.

Private Apartheid

In der bundesdeutschen Realität ist eine offizielle Implementierung einer auch nur seichten Form von Apartheid bislang nicht denkbar. Der Blick ins Grundgesetz genügt, um solch ein Vorhaben scheitern zu lassen. Darüber hinaus erlauben sowohl die Zusammensetzung der hiesigen Gesellschaft, die in allzu vielen Bereichen durchmischt und fragmentiert ist, als auch die ihr zugrundeliegende Mentalität nicht einmal den Ansatz einer solchen Idee. Nach welcher Kriteriologie sollte man auch vorgehen? Wen wollte man a priori ausschließen?

Da man aber spätestens seit dem Spätsommer 2015 dem massenhaften Zugriff des ganz und gar Fremden ausgeliefert ist, kommt eine Segregation irgendwann von ganz allein durch die Hintertür ins Bewusstsein vieler Bürger. Eine solche „Apartheid“ kann im Grunde nur privat gelebt werden und dies im Zusammenhang mit dem Knüpfen eines Netzwerks von eigenen „Gesinnungsgesellschaften“.

Im Klartext bedeutet dies zu wissen, mit wem man Umgang pflegt und mit wem nicht. Es bedeutet, sich bewusst zu machen, welche Unternehmen oder Dienstleister man als Kunde fördert und welche nicht. Es bedeutet, zu wissen, an wen man den eigenen Grund und Boden verkauft und an wen nicht. Es bedeutet klar zu erkennen, auf wen man zählen kann und auf wen nicht etc.

Die oben skizzierte Situation der deutschen Gegenwartsgesellschaft bietet in ihrer Beziehung zu manch eingewanderter Kultur, etwa der türkischen, den Anblick einer völlig zerrütteten Beziehung. In solch einem Fall ist Trennung besser als ein erzwungenes Zusammenleben.

Literaturhinweise
Kenney; Henry: Verwoerd. Architect of Apartheid, Jeppestown 2016.
Dubow, Saul: Apartheid 1948 – 1994, Oxford 2014.
Mandela, Nelson: Der Kampf ist mein Leben. Gesammelte Reden und Schriften, übers.von Anne Schulze-Allen, Dortmund 1986.

Hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.

(Bild: Mandela-Statue)

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2 Kommentare zu “Jenseits von Afrika – eine Gegenlese der Apartheid (III)

  1. Klaus-P. Kurz

    Zu den »tollkühnen Unternehmungen« des Nelson Mandela vielleicht noch eine Ergänzung: Er wurde 1964 wegen der Planung eines bewaffneten Kampfes schuldig gesprochen und verurteilt. 156 Terroranschläge gingen nach vorsichtigen Schätzungen auf sein Konto . Nach dem Urteil setzte seine Organisation ihre Aktivitäten fort. Bombenanschläge auf Kirchen und Einkaufszentren, vor allem zur Weihnachtszeit, folgten. Seine Opfer waren vor allem Kinder. Ganze Schulbusse wurden in die Luft gesprengt. Denn er wollte den Nachwuchs der Weißen treffen. Die Inhaftierung Mandelas war somit keinesfalls ein grausamer, unmenschlicher Akt. Kein demokratischer Staat der Welt hätte Mandela damals laufen lassen. Er war schließlich der Anführer einer terroristischen Vereinigung, die unter anderem auch 50 000 Landminen von der UDSSR erhalten und verwendet hatte. Also: Vorsicht mit Mitleid und jede Überhöhung Mandelas ist unangebracht. Er war ein Verbrecher.

  2. „Man denke nur an die Israelis mit ihrer nüchternen Kenntnis der Araber.“ (Manuel Ionas, 28. Januar 2019)

    Da sagen Sie was. Wie uns diese Palästinenser-Hysterie auf Seiten der Rechten nervt, können wir hier gar nicht wiedergeben!

    „Im Klartext bedeutet dies zu wissen, mit wem man Umgang pflegt und mit wem nicht.“ (Manuel Ionas, 28. Januar 2019)

    Richtig, damit fängt alles an!

    Alles andere zum hiesigen Thema hat im Prinzip Klaus-P. Kurz bereits hinzugefügt.

    Zu den Literaturhinweisen möchten wir noch beisteuern:

    Arthur Kemp „Dritter Burenkrieg – Der Kampf der südafrikanischen AWB und ihres Führers Eugene Terre Blanche“ Nation Europa Verlag, Coburg 1994

    Eugène Terre` Blanche (1941-2010, wurde am 3. April 2010 ermordet)

    Claus Nordbruch „Volksbetrug am Kap – Richtigstellung zur jüngsten Geschichte Südafrikas“ VGB, Berg 1998

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