Rezension

Klassiker neu lesen

Was haben eine Horde zweihörniger Nashörner, Herr von Ribbecks goldene Birnen und die Nibelungensage gemeinsam?

Richtig, sie sind Teile eines gewaltigen Puzzles, das den literarischen Horizont des 21. Jahrhunderts  erklären und zugleich verändern kann. Günter Scholdt, Germanist und Historiker, hat mit einer „literarischen Musterung“ die alten Klassiker neu gelesen.

Gute Literatur ist mehrdimensional

Scholdt fischt in der Weltgeschichte und zieht nicht nur konservative Fische, sondern auch brandaktuelle Schätze an Land. Literarische Schätze, die schon immer bekannt waren, aber meist von Seiten der kulturschaffenden Feuilletonlinken zwecks Untermauerung ihrer eigenen Maxime missbraucht wurden. Die hohe Kunst des Schreibens, so äußert sich Scholdt, ist gerade nicht die einseitige Lesart, sondern die mehrdimensionale Anwendung auf verschiedene gesellschaftliche und politische Entwicklungen.

Ein Klassiker ist dementsprechend kein Stück, das sich durch qualitative Wertigkeit oder gar große Reichweite auszeichnet, sondern ein Werk, dass in jeder Epoche neu analysiert werden muss, da es im Laufe der Jahre und Jahrzehnte seinen Brennpunkt verschiebt. Die Schätze der europäischen Literatur wurden seit 50 Jahren von Linken gelesen – und aus ihrer Sichtweise interpretiert. Scholdt zeigt in seinem knapp 400-seitigen Buch, das es an der Zeit ist, einen Großteil der Romane, Theaterstücke, Dramen und Gedichte wieder zurück in konservative Gefilde zu führen, wo sie eigentlich herkommen.

Sich wandelnder Totalitarismus

Eines dieser herausstechenden Beispiele ist die Invasion durch Nashörner im populären Theaterstück Eugène Ionescos, das 1959 uraufgeführt wurde, und zu den herausragenden Werken des „Absurden Theaters“ zählt. „Die Nashörner“, so die dominierenden Stimmen von Feuilleton und Kritik, ist eine Parabel auf das totalitäre System per se, im Besonderen natürlich auf den Nationalsozialismus im okkupierten Frankreich. Kurz zusammengefasst: Die Überflutung mit fremden Nashörnern überrollt die Heimatstadt des Protagonisten Behringers – und den Leuten gefällt es. Nach und nach „kippen“ immer mehr Freunde Behringers um und er fühlt sich stärker an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die Menschen der Stadt werden schließlich selbst zu Nashörnern. Dass ein solches Stück auf die Situation der „Resistance“ in Frankreich mindestens genauso passt wie auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte kann niemand bezweifeln.

So verhält es sich mit den meisten Stücken, die Scholdt in seinem Buch darstellt. Gesellschaftspolitische Phänomene wurden vor Jahrzehnten, teilweise Jahrhunderten, von Künstlern aufgearbeitet, und von der linksliberalen Bildungsavantgarde, oft nicht ohne Grund, vereinnahmt. Viele Stücke und Werke wurden durch zahlreiche „Neuinterpretationen“ allerdings derartig entstellt, dass man sich einen Theaterbesuch oder eine Rezension sparen kann. Wir befinden uns wieder in einer Phase des Umbruchs und des dynamischen Umschwungs. Und hier beginnt sich die Wirkkraft der Klassiker zu entfalten, die sich wie von Zauberhand getrieben gegen das linke Establishment und den abknickenden, feigen Massenmenschen wendet. Zuckmayer und Dürrenmatt, Brecht und Huxley, Frisch und Fontane haben ihre Intention posthum geändert.

Intrinsisch konservativ

Wer erinnert sich nicht an das Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“? Auch die bekannte Ballade von Theodor Fontane ist intrinsisch konservativ. Der generationenüberdauernde Birnbaum ist der Inbegriff der Solidarität, der Freigiebigkeit und der Verantwortung, über den Tod des Ribbecks hinaus. Das einzige, was heute mit Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität gepflanzt wird, sind die Schuldenbäume der EU und der Staaten, wie Scholdt betont.

Selbst bei „typisch“ deutsch-traditionellen Werken wie dem Nibelungenlied tun wir uns heute immer schwerer. Nicht nur, dass die deutsche Urerzählung schlechthin von überbezahlten und staatlich geförderten Kunstbeschmutzern durch die Arena geschleift und mit Dreck beworfen wird, wir alle haben uns von Siegfried, Hagen und Kriemhild entfremdet. Da helfen auch keine kritischen Neuinterpretationen: „Insofern sind uns Konflikte und Normen in geradezu spektakulärer Weise fremd geworden. Und diese Inkompatibilität mit unserem Zeitgeist ist vielleicht sogar die wichtigste Botschaft jenes alten Textes.“

In Zeiten der kollektiven Feigheit, des staatlichen Rechtsbruches und des gewünschten Wegschauens ist das fast 800 Jahre alte Epos so aktuell wie nie. Die Frage, die sich stellt, ist allerdings, ob wir überhaupt den Weg durch tagtäglichen Verblödungsfunk, Bestseller über Darmprobleme und sanften Totalitarismus zur deutschen Literatur zurückfinden können oder ob es dafür nicht schon zu spät ist.

Mit linken Ikonen der Weltliteratur gegen Linkstotalitarismus

Ganz so negativ schließt Scholdt sein Buch jedoch nicht. Denn besteht nicht immer die Möglichkeit in monte-christianischer Manier den Scharlatanen das Handwerk zu legen? Können wir als Dissidenten wie Edmond Dantés den Lügnern und Betrügern, den Strippenziehern und Staatsprofiteuren irgendwann doch vielleicht das Handwerk legen? Können nicht selbst im größten Leid der Wille der Opfer, ihr Mut und ein Wink des Schicksals ausreichen um etwas zu verändern? Ob die Geschichte des Grafen von Monte Christo ein literarisches Meisterwerk bleibt, oder doch in die Realität überschwappen könnte, hängt wohl von uns allen ab.

Das unglaublich kurzweilige Buch taucht durch die unterschiedlichsten literarischen Epochen und zeigt, dass die Konservativen die künstlerisch-historische Deutungshoheit in den Meisterwerken der europäischen Geschichte innehaben. Eigentlich. Denn das Problem an der Sache ist: Wir haben uns, wie so oft, die Butter durch schreiende Luftikusse vom Brot nehmen lassen. Doch die Realität holt sie ein. Die Verschiebung ins Linkstotalitäre ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass man sogar die Ikonen des linken Theaters gegen die aktuellen Gleichmacher ins Feld führen kann.

Scholdts Buch taugt aber nicht nur als geistiges Rüstzeug in intellektueller Diskussion, sondern ist hervorragende Unterhaltung mit tausenden Querverweisen, Details und Anekdoten, die selbst aufmerksamen Verfolgern des Geschehens nicht durchgehend bekannt sein dürften. Um eine solche Verdichtung zu erreichen, muss man einige Jahre auf dem Buckel und die Jahrzehnte aufmerksam verfolgt haben. Vor allem aber muss man eines lieben: Das Lesen. Und genau das ist die dritte und womöglich größte Stärke, die dieses Buch vorweisen kann. Man schaltet den Laptop aus und klappt ein Buch auf. Einen Klassiker, den man selber „neu lesen“ will.

Günter Scholdt: Literarische Musterung. Warum wir Kohlhaas, Don Quijote und andere Klassiker neu lesen müssen. Antaios. 22 Euro. 368 Seiten. Schnellroda 2017. Bestellung hier möglich!

(Bildhintergrund: Hagen versenkt den Nibelungenschatz im Rhein, Bronzeplastik von Johannes Hirt, 1905, in Worms am Rheinufer; EPeiCC BY-SA 3.0)

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1 Kommentar

  1. Alles was der aufmerksame Leser braucht, um in bestimmten Fällen auch zur Kontralektüre fähig zu sein, ist ein eigenständiger Geist. Woran es vielen Menschen, um nicht gleich zu sagen: den Massenmenschen, dann doch ganz offenkundig mangelt. Entweder man versteht sich auf das Lesen, wie es schon Gómez Dávila erörterte, oder eben nicht. Letzteren hilft auch kein Leitfaden zum „scharfsinnigen Lesen“ wirklich. Außerdem müsste man dann konsequenterweise fortfahren mit Film, Theater usw., eine Sisyphusarbeit mit zweifelhaften Erfolgsaussichten. An eine „Nachhaltigkeit“ solcherlei Bemühens können wir ohnehin nicht glauben.

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