Rezension

Mensch Ratzinger

Der Papst ist auch nur ein Mensch. Welche Facetten dieses Menschsein im Leben Benedikt XVI. hatte, machen „Letzte Gespräche“ mit Peter Seewald deutlich.

Wer im zarten Alter von 32 Jahren eine Professur erhält, der wird auch heute noch als Wunderkind gefeiert, selbst wenn er sich nur Juniorprofessor nennen darf. Als Joseph Ratzinger 1959 Ordinarius für Fundamentaltheologie an der Universität Bonn wird, da eilt dem „aufgehenden Stern am Himmel der Theologie“ der Ruf eines Querdenkers voraus, bei dem selbst der apostolische Nuntius Rat für seine Vorträge sucht.

Dass er einmal als „Panzerkardinal“ geschmäht oder gar auf dem Stuhl Petri Platz nehmen würde, konnte Ratzinger zu diesem Zeitpunkt kaum ahnen. So nahm die Freude den wesentlichen Raum in seiner Lehrtätigkeit ein. Er wollte begeistern und übervolle Hörsäle bestätigten ihm, dass er diese Begeisterung authentisch vermittelte. Wenn der Papst emeritus Benedikt XVI. diese Anfangsjahre seiner theologischen Karriere im Gespräch mit Peter Seewald schildert, dann wirkt das wie ein Bericht aus einer anderen Welt. Die Universität Bonn und weite Teile Deutschlands lagen noch in Trümmern, aber dennoch entwickelte sich in der Theologie eine euphorische Dynamik, die über die Konfessionsgrenzen hinausreichte. Erst dem II. Vatikanischen Konzil gelang es, diese Dynamik zu zertrümmern.

Die Heilsamkeit des Scheiterns

Dass der 1927 in Markt am Inn geborene Joseph Alois Ratzinger überhaupt eine theologische Karriere beginnen konnte, war nach seiner glänzenden Promotion 1953über „Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche“ keineswegs ausgemacht. Seine Habilitationsschrift über „Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura“ scheiterte im ersten Anlauf an dem Widerstand des Dogmatikers Michael Schmaus. Ratzinger durfte zwar nachbessern, aber seine öffentliche Habilitations-Vorlesung am 21. Februar 1957 ließ ihn fast scheitern.

Ihm blieben nur wenige Tage der Vorbereitung zu einem von der Fakultät vorgegebenen Thema aus dem Bereich der Systematischen Theologie. Sein Vorschlag eines historischen Themas war zuvor entgegen der üblichen Vorgehensweise abgelehnt worden. Im Gespräch mit Seewald macht Ratzinger deutlich, dass er sich am Abgrund gesehen habe, was er aber im Rückblick als heilsam empfinde. Der Mensch müsse immer wieder seine Armseligkeit erkennen und nicht als großer Held dastehen. Das gelte vor allem für junge Menschen, für die es gut sei, dass sie ihre Grenzen erführen. So viel Bescheidenheit und Demut hätte Ratzinger wahrscheinlich kaum jemand zugetraut. Hier wird aber deutlich, dass der Mensch Ratzinger spricht und nicht primär der emeritierte 264. Nachfolger Petri.

Den Glauben von den Ursprüngen her leben

Der Gesprächsband lebt maßgeblich von solchen Stellen, was ihn von Salz der Erde und Licht der Welt deutlich unterscheidet. War in Salz der Erde der Präfekt der Glaubenskongregation Gesprächspartner des nicht im Verdacht besonderer Katholizität stehenden Seewald, war es in Licht der Welt der Träger der universalen Lehrgewalt. Beides prägte den Stil dieser Gesprächsbände, in denen der Fokus eindeutig theologisch ist. In Letzte Gespräche geht es dagegen weniger um Theologie als Lehre, sondern darum, wie ein Mensch die Theologie des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägen konnte.

Nach dem glücklich abgewendeten Scheitern der Habilitation steht der akademischen Karriere nichts mehr im Wege. Sie erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt, als Ratzinger von 1962 bis 1965 als Berater des Kölner Erzbischofs Joseph Kardinal Frings und als Konzilstheologe am II. Vatikanum teilnimmt. Hier nimmt er maßgeblichen Einfluss auf die Beratungen des Konzils, indem er viele Reden für Frings schreibt und Konzilsdokumente für ihn aufbereitet. Wenn Ratzinger im Rückblick davon berichtet, dann geht es aber auch hier nicht um theologische Feinheiten. Für ihn stand der Enthusiasmus des Glaubens im Vordergrund, den Johannes XXIII. verkörperte und den es zu bewahren galt. Ratzinger sieht sich hier durchaus als Progressiven, der „nicht aus dem Glauben ausbricht“, sondern der „ihn besser verstehen lernt und ihn richtiger, von den Ursprüngen her, lebt“.

„Ich gehe nicht weg vom Kreuz“

Dieser Ursprung ist für Ratzinger das Kreuz Jesu Christi. Das wird besonders deutlich, wenn er über seinen Rücktritt als Papst spricht. Er wolle nicht weg vom Kreuz gehen, sagte er zu seinem Abschied. Hier sieht er nach wie vor seinen Ort, den eigentlichen Ort des Stellvertreters Christi. Seine Klausur in den Vatikanischen Gärten, in denen er sich ganz dem Gebet widmet, passt zu dieser Haltung. Dort ist er „dem leidenden Herrn verbunden (…), in der Stille des Schweigens, in der Größe und Intensität des Betens für die ganze Kirche“.

Fast schon wehmütig blickt er auf sein Pontifikat und die Erklärung seines Abschieds vom Papstamt am 11. Februar 2013 zurück und ihm kommen dabei sogar kurz die Tränen. Bereut habe er den Rücktritt aber nie. Er freue sich, dass mit Papst Franziskus „eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit, ein neues Charisma“ Raum greife. Ein Stück weit sehe er sich dadurch auch durch seinen Nachfolger korrigiert. Zum Abschluss der Fastenexerzitien für die Römische Kurie äußerte Benedikt XVI. vor dem Ende seines Pontifikats am 23. Februar 2013: „Glauben ist nichts anderes, als in der Nacht der Welt die Hand Gottes berühren und so – in der Stille – das Wort hören, die Liebe sehen.“ Dort ist der Mensch Joseph Ratzinger, „der Mann der Vernunft, der kühne Denker“ (Seewald), nun gänzlich angekommen. Sein Einfluss wird bleiben.

Benedikt XVI. (2016). Letzte Gespräche mit Peter Seewald. Droemer Verlag. 288 Seiten. 19,99 Euro.

(Bild: Mark Michaelis, flickr, CC BY 2.0)

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Jahrgang 1986, hat Soziologie und Politikwissenschaft studiert und lebt als selbständiger Autor in Köln. Für die Schriftenreihe BN-Anstoß hat er bereits zwei Bände beigesteuert: Geopolitik. Das Spiel nationaler Interessen zwischen Krieg und Frieden (2015). Sowie: Die ganze Wahrheit. Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument (2016).

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