Gesichtet

„Politische Korrektheit ist charakterlos“

Im zweiten Teil seines BN-Interviews mit Gereon Breuer zeigt sich Bischof Athanasius Schneider (ORC) als Gegner der politischen Korrektheit – ob in der katholischen Kirche oder darüber hinaus. Vielmehr ist er ein Freund der Wahrheit.

BlaueNarzisse.de: In Ihrer Kritik an Amoris laetitia schreiben Sie, dassUnterwürfigkeit und politische Korrektheit […] dem Leben der Kirche ein unheilvolles Übelverursachten. Wie würden Sie dieses Übel konkretisieren?

Bischof Athanasius Schneider: Unterwürfigkeit und politische Korrektheit bedeuten sogar im rein menschlichen Bereich Charakterlosigkeit und Unehrlichkeit. Sie stellen ein sittliches Übel dar und können als solche nie in Wahrheit positiv sein. Wenn solche Untugenden sich im Leben der Kirche breitmachen, dann haben sie noch schlimmere Folgen. In der Kirche geht es letztlich darum, nicht den Willen der Menschen und nicht einmal den persönlichen Willen eines Papstes zu tun, sondern den Willen Gottes, wie er im geschriebenen und im mündlich überlieferten Wort Gottes geoffenbart ist und vom Lehramt der Kirche beständig und unverändert überliefert wurde, um dadurch Seelen für das ewige Leben zu retten.

Es gab und es gibt außerordentliche Situationen, in denen zweideutige Aussagen von kirchlichen Vorgesetzten und selbst eines Papstes die Verkündigung mancher geoffenbarter Wahrheiten oder die praktische Befolgung des klaren Willens Gottes, wie in unserem Fall in Bezug auf die Unauflöslichkeit der Ehe, erschweren. In diesem Falle darf man nicht unterwürfig und politisch korrekt sein.

Denn es würde heißen, gegen das eigene, durch das Wort Gottes und die beständige Lehre der Kirche geformte, Gewissen zu handeln. Hier gilt, was der heilige Paulus sagte, dass wir uns bemühen müssen, vor Gott und den Menschen immer ein reines Gewissen zu haben (vgl. Apg. 24, 16). Der heilige Paulus selbst gab den ersten Christen und den Christen aller Zeiten ein beredtes Beispiel gegen kirchliche Unterwürfigkeit und kirchliche politische Korrektheit. Als der erste Papst, der Apostel Petrus, durch sein unehrliches und zweideutiges Verhalten gegenüber den Heidenchristen in Antiochien Ärgernis gab, und indirekt die diesbezüglichen Beschlüsse des Apostelkonzils über die mosaischen Ritualvorschriften durch sein Verhalten, also durch die Praxis, unterwanderte, da widerstand ihm Paulus ins Angesicht und zwar öffentlich, d.h. vor allen Gläubigen (vgl. Gal. 2, 11 – 14).

Diese öffentliche brüderliche Zurechtweisung eines kirchlichen Oberen, in diesem Fall sogar des obersten Hirten der Kirche, schien dem hl. Paulus so wichtig zu sein, dass er durch die Eingebung des Heiligen Geistes die Tatsache und somit auch die Möglichkeit einer solchen, wenn auch im Ausnahmefall eintretenden, Zurechtweisung, als Wort Gottes für alle christlichen Generationen festhalten wollte. In unserer Zeit haben wir diesbezüglich ein leuchtendes Beispiel in den vier Kardinälen Walter Brandmüller, Joachim Meisner, Carlo Caffarra und Raymond Burke, welche ihre Fragen zu Amoris laetitia an Papst Franziskus im Angesicht der ganzen Kirche veröffentlicht haben.

Sie zitieren in Ihrer Kritik auch den Bischof und Theologen des Konzils von Trient, Melchior Cano OP, mit den Worten: „Petrus braucht nicht unsere Lügen und unsere Schmeicheleien. Jene, die blind und unterschiedslos jede Entscheidung des Papstes verteidigen, sind jene, die am meisten die Autorität des Heiligen Stuhls untergraben: sie zerstören seine Fundamente anstatt sie zu stärken.“ Wo sind heute diese Lügen und Schmeicheleien vor allem auszumachen?

Die erwähnten vier Kardinäle haben ein mutiges Zeugnis abgelegt gegen das heute in der Kirche weitverbreitete Übel der oft charakterlosen, manchmal götzendienerischen Unterwürfigkeit und politischen Korrektheit, hinter denen sich nicht selten auch ein Streben nach eigenem Vorteil verbirgt. Diese vier Kardinäle haben hier sicher ganz im Geiste des hl. Paulus gehandelt. Lügen und Schmeicheleien zeigen sich am deutlichsten unter dem Klerus darin, dass nämlich bestimmte Kleriker ohne zu erröten lügen und schmeicheln, entweder um die eigene Karriereposition zu behalten oder um eine noch höhere Stelle zu erhalten.

Manche Kirchenväter (z.B. Origenes, Beda Venerabilis) verglichen solche Kleriker mit den Verkäufern der Tauben im Tempel von Jerusalem, welche Christus aus dem Tempel hinausgetrieben hatte. Die Taube bedeutet die geistlichen Gaben, die Gläubigen oder das kirchliche Amt. Lügen und Schmeichelei zugunsten des weiteren Besitzens oder des neuen Erwerbs eines kirchlichen Amtes kann bildlich mit dem Verkauf der Tauben im Tempel (d.h. in der Kirche) verglichen werden. Der hl. Thomas von Aquin kommentierte das so: „Deshalb warf der Herr sie hinaus, weil die Priester hierbei nicht die Ehre Gottes im Sinn hatten, sondern den eigenen Nutzen“ (Comm. in Ioan. Lectio II, 5).

Das glückliche Leben besteht laut Augustinus in derFreude der Wahrheit“. Wo sehen Sie diese Wahrheit in der Kirche auch außerhalb von Amoris laetitia verletzt?

Die Freude der Wahrheit oder die Freude an der Wahrheit wird in unseren Tagen überall dort verletzt, wo die reine und durch zweitausend Jahre unveränderlich weitergegebene Lehre Christi verdunkelt wird. Wir erleben heute in der Kirche das Klima eines allgemeinen lehrmäßigen, sittlichen und liturgischen Relativismus, was eine Verdunkelung, Verwirrung und Entstellung vieler Wahrheiten des katholischen Glaubens mit sich bringt.

Hier nenne ich nur die bekanntesten Wahrheiten und beständigen Bräuche der Kirche, welche heutzutage durch die Aufstellung neuer Theorien Opfer des Relativismus geworden sind:

  1. Eine vor- und nachkonziliare Kirche im Sinne eines Bruches, wobei man die echte Kirche als die „Konzilskirche“ betrachtet und den Begriff einer neuen Kirche, nämlich der „Kirche des II. Vatikanums“, erfindet.
  2. Andere Religionen und christliche Konfession sind objektive Wege des Heils.
  3. Frauen sollen den Zugang zum Weihesakrament erhalten, zumindest zum Diakonat. Ein Bestreben, welches durch die weit verbreitete Praxis der weiblichen Altardiener (Akolythen) und Lektoren gefördert wird.
  4. Zweifel über die immerwährende Jungfräulichkeit der Allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, auch in Bezug auf ihre körperliche Unversehrtheit bei der Geburt Christi (virginitas in partu).
  5. Die Hl. Messe sei vornehmlich ein Mahl und der Opferaspekt gelte nur sinnbildlich als Lobopfer. Das wird durch die Praxis der Zelebration „zum Volk hin“, also durch einen typischen Mahlstil (Bankett) gefördert.
  6. Der Mangel des Glaubens an die eucharistische Wesensverwandlung (Transsubstantiation) und an die reale Gegenwart Christi im Geheimnis der Eucharistie, was durch die Praxis der Handkommunion, wenn es auch viele nicht zugeben wollen, aber in der Tat enorm gefördert wird.
  7. Das Bischofskollegium hat auch eine ordentliche und höchste Regierungsgewalt über die ganze Kirche. Dadurch wird eine Art Doppelhaupt der Kirche geschaffen, was allerdings gegen die grundlegend monarchische Verfassung der Kirche ist, so wie sie Christus auf lokaler und universaler Ebene gestiftet hat.
  8. Falsche Anwendung des Prinzips der bischöflichen Kollegialität, indem Bischofskonferenzen auf nationaler und internationaler Ebene die individuelle Lehr- und Regierungsautorität des einzelnen Ortsbischofs schwächen und manchmal lähmen.
  9. Die Hölle sei nicht ewig, selbst nicht für die gefallenen Engel oder sie sei von menschlichen Seelen leer.
  10. Zweifel über die Notwendigkeit der Sühne für die zeitlichen Strafen hier auf Erden und im Fegfeuer.
  11. Naturalistische Sicht des christlichen Lebens, sodass Aktivismus, soziales Engagement und materielle und rein zeitliche Aspekte (Umwelt, Migration) vorrangig werden zum Nachteil der Verkündigung der Wahrheit, der Bekehrung der Ungläubigen und der Sünder, des Gebets und der Anbetung Gottes.
  12. Verteidigung der Sittlichkeit der künstlichen Empfängnisverhütung.
  13. Anerkennung der objektiven Unordnung und Unsittlichkeit von homosexuellen Akten und der Homoerotik, Anerkennung der objektiven Unsittlichkeit von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, also letztlich Anerkennung der Sodomie.
  14. Einebnung des wesentlichen Unterschiedes zwischen dem besonderen und dem allgemeinen Priestertum, was durch die systematisch betriebene Praxis der sogenannten Kommunionhelfer noch implizit gefördert wird.
  15. Versuche, die auf die Apostel zurückgehende und von der Kirche überlieferte Praxis des priesterlichen Zölibats abzuschaffen.

Sie zelebrieren das heilige Messopfer regelmäßig im überlieferten Ritus. Warum ist dieser Ritus wichtig für das Leben der Kirche und gerade im modernistisch geprägten 21. Jahrhundert erhaltenswert?

Die tiefste Einsicht, die mir beim Zelebrieren der überlieferten Form der Messe zuteil geworden ist, ist diese: Ich bin nur ein armseliges Instrument einer übernatürlichen und höchst heiligen Handlung, deren Hauptzelebrant Christus, der Ewige Hohepriester, selbst ist. Ich empfinde, dass ich während des Zelebrierens der Messe in gewisser Weise meine individuelle Freiheit verliere, da die Worte und Gesten selbst in den kleinsten Details vorgeschrieben sind, und ich kann nicht über sie verfügen.

Ich fühle dabei zutiefst in meinem Herzen, dass ich nur ein Diener bin, mich ganz zurücknehmen und jede Gefahr einer Show meiden muss. Durch die Beachtung auch der kleinsten sichtbaren Details verkündet der traditionelle Ritus der hl. Messe auf machtvolle Weise die Menschwerdung Gottes und das Erscheinen des unaussprechlich heiligen und unermesslichen Gottes im Kleinen, im Sichtbaren, im Detail unserer menschlichen Natur. Diese Liturgie ist ausgeprägt inkarnatorisch, d.h. die Tatsache der Menschwerdung Gottes berücksichtigend. Ferner drückt sie viel deutlicher und konkreter die Heiligkeit und die Übernatürlichkeit der Gottesverehrung aus. Dadurch atmet sie mehr den Geist des Evangeliums, der Apostel und der Kirchenväter als der neue Ritus.

Der traditionelle Ritus verkündet auf eine eindrucksvolle Weise die Wahrheit des „Gott-mit-uns“ in der Feier der Liturgie. Dieser Ritus ist in seiner konkreten Gestalt mehr als tausend Jahre alt. Nicht einmal das Konzil von Trient wagte ihn zu verändern. Der Ordo Missae vor und nach dem Konzil von Trient ist nachweislich derselbe. Die Wiederherstellung dieses Ritus durch Papst Benedikt XVI. betrachte ich als eine epochale Tat und als die bedeutendste Handlung seines Pontifikats. Der überlieferte Ritus der Messe ist eine höchst kunstvolle und zugleich machtvolle Verkündigung des Evangeliums.

Deshalb zieht er spontan vor allem Kinder, Jugendliche und selbst Nicht-Katholiken an. Man lasse diesen Ritus so vieler Heiliger und unserer Vorväter frei und er wird sich selbst – wie ein Löwe – verteidigen. Er ist zweifellos eines der geeignetsten Werkzeuge der Neu-Evangelisierung und das gibt Hoffnung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person: Athanasius Schneider ist das jüngste von vier Kindern einer schwarzmeerdeutschen Familie und wurde am 7. April 1961 im nordkirgisischen Tokmok geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren seine Eltern von den Sowjets von Berlin in den Ural verschleppt worden. Erst 1973 durfte die Familie nach Deutschland zurückkehren und ließ sich in Rottweil nieder. Athanasius Schneider trat nach seinem Abitur dem Orden der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz (ORC) bei. Sein Theologiestudium absolvierte er unter anderem an der ordenseigenen Hochschule im brasilianischen Anápolis, wo er am 25. März 1990 zum Priester geweiht wurde, und an der Dominikaneruniversität Angelicum in Rom. 1997 wurde er mit einer Dissertation zum Thema „Propter Sanctam Ecclesiam Suam: Die Kirche als Geschöpf, Frau und Bau im Bußunterricht des Pastor Hermae“ promoviert. Am 2. Juni 2006 weihte ihn Angelo Kardinal Sodano zum Bischof. Seit dem 5. Februar 2011 ist er Weihbischof im Erzbistum der Allerheiligsten Jungfrau Maria in Astana.

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Jahrgang 1986, hat Soziologie und Politikwissenschaft studiert und lebt als selbständiger Autor in Köln. Für die Schriftenreihe BN-Anstoß hat er bereits zwei Bände beigesteuert: Geopolitik. Das Spiel nationaler Interessen zwischen Krieg und Frieden (2015). Sowie: Die ganze Wahrheit. Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument (2016).

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