Rezension

(R)echter Rap: Ein Tabubruch

Rap lebt vom permanenten Tabubruch und dem Anziehen der Eskalationsschraube. Diese Kunstform lotet wie kaum eine andere seit jeher die Grenzen der Meinungsfreiheit aus, aber nicht nur das: Sie setzt damit gleichzeitig neben den neuen Freiheiten auch neue Grenzen, die von anderen Rappern wiederum übertreten werden müssen.

Diese Dynamik findet kein Ende; außer in der absoluten Verneinung jeglicher Moral, wie es in Amerika Eminem in nie zuvor gekannter Weise um die Jahrtausendwende tat. Mit dem Ergebnis, dass es im US-amerikanischen Rap keine Grenzübertretungen mehr gibt, außer jener des weißen Rassismus, die Eminem jedoch bereits in seiner Frühphase mit dem musikalisch und raptechnisch miserablen Track «foolish pride» übertrat. Man könnte zugespitzt sagen, dass die Geschichte des Rap als Provokationsmittel in den USA auserzählt ist. Stark zeitverzögert wird dies zwangsläufig auch in Deutschland einst der Fall sein.

Herdenglück

Nun wird in der deutschen Szene aber genau dieser provokative und emanzipatorische Ansatz bekämpft, weswegen auch seit Jahren keine Entwicklung zu beobachten ist: Keine Konsensstörung, sondern Konformismus ist hier gefragt. Wenn Provokation, dann darf sie sich ausschließlich auf «Splatter»-Elemente oder aber auf die regelmäßige und bereits klischeegewordene Wiederholung vergangener Provokationen beschränken (Frauen- und Homofeindlichkeit, Drogenkonsum, Gewalt oder zerrissene Jeans).

Chris Ares ist da anders. Wo liegt aber nun bei seiner Musik die Provokation für die Hip Hop-Szene? Die Frage ist schon falsch gestellt: Ares bricht nämlich nicht durch seine Texte, sondern – und das ist das Novum – durch seine bloße Existenz Tabus. Er ist alleine durch seine Grundhaltung ein wandelnder Affront, der die einstigen Tabubrecher wie regelversessene Beckmesser und Spießer dastehen lässt, die teils empört, teils neidisch auf die Frechheit schauen, mit der Ares das Herdenglück der ‚bösen Jungs’ stört: womit sie – nur scheinbar unfreiwillig – selbst in die Rolle jenes Establishments fallen, das sie vorgeben zu bekämpfen.

Er könnte über Blümchen und Bienchen rappen oder eine Strassenbahn-Story «tellen» und wäre aufgrund seiner Sozialisation dennoch ein empfindlicher Störfaktor auf der Kuhweide deutscher Sprechsänger. Spricht er sich dann auch noch für das eigene Volk, gegen die deutsche Einwanderungspolitik oder Demokratiedefizite vieler seiner Landsleute aus, ist das Fass übergelaufen. Es wird dann reflexhaft eingewandt, dass «Rechte» nichts von Hip Hop verstünden und sie sich diese Musikform «widerrechtlich» aneigneten. Sie benutzten sie ja nur «als Vehikel» für ihre «kruden Thesen».

Rap als politische Propaganda

Solche Kritiker gehen anscheinend davon aus, dass es einen Rap-Papst gibt, der Bannsprüche erteilt und darüber richtet, wer dazu gehört und wer nicht. Natürlich ist das Unsinn und zeugt weit mehr von dem autoritären Charakter, den man vorgibt überwunden zu haben, als von einem emanzipatorischen, der – neben dem Tabubruch – eine zweite Traditionslinie des Rap ist.

Als Public Enemy und – wesentlich radikaler – NWA Einzug in die Hip Hop-Kultur hielten, war Rap über Nacht nicht mehr die spaßige Mode aus den Suburbs und Problemvierteln, sondern eine Waffe derjenigen, die zuvor keine Stimme hatten. Rap wurde wortwörtlich «instrumentalisiert». Was zuvor reine Musik ohne politische Ansätze war, wurde nun als Multiplikator für gesellschaftspolitische Botschaften genutzt oder «als Vehikel» missbraucht, je nach Standpunkt.

Rap war von nun an auch Propaganda (dieses Wort darf man durchaus wertneutral betrachten und z.B. mit «politischer Werbung» gleichsetzen, ohne gedanklich gleich einen «Minister» daranheften zu müssen). NWA verband wie keine Rap-Band zuvor gesellschaftskritische Ansätze mit dem Tabubruch: einerseits wurde der Begriff «N*gger» erstmals über die Grenzen der Suburbs hinaus positiv besetzt und Teil der US-amerikanischen Popkultur, andererseits wurde das zwielichtige Leben des gewaltaffinen «Outlaw» erstmals schonungslos aus der Perspektive des «Ich-Erzählers» beschrieben und dadurch zu einem neuen Antiheldentum erhoben, dem selbst – oder gerade – weiße Mittelstandskids etwas abgewinnen konnten (und in den späten 90ern sogar die Hauptabnehmer wurden).

Freiheitsimpuls vs. Pharisäertum

Was dem allen gemeinsam ist: Es sind emanzipatorische Impulse, die diese Form des Raps kennzeichneten. Und hier, in diesem Streben nach Rede-/Meinungsfreiheit, gesellschaftlichem Einfluss und Anerkennung, liegt die Wurzel jenes Raps, den Chris Ares ebenfalls vertritt. Nicht die Ethnie, die politische Haltung oder Regelwerke sind das entscheidende Kriterium des imaginierten «Rap-Papstes», sondern diese freiheitlichen Impulse, die sich so zahlreich äußern können, wie es Menschen gibt.

Ice-T sagte in «Freedom of Speech»

(…) I want the right to talk
I want the right to speak, I want the right to walk
Where I wanna, yell and I‹m gonna
Tell and rebel every time I‹m on a
Microphone on the stage cold illin‹ (…)

Und nicht:

I want the right for BLACK PEOPLE to talk
I want the right for ETHNICAL MINORITIES to speak, I want the right for DEMOCRATS to walk (…)

Es geht also zuvörderst um das Recht auf freie Rede, ohne vorhergehende Selektion der Adressanten. Die deutschen Rapper (bzw. deren Medien, da das Gros der heutigen deutschen Rapper leider Artikulationsschwierigkeiten hat) gehen hingegen einen konsensorientierten, normative Werte und Begriffe bestätigenden Weg und es findet dementsprechend (wie auch in der deutschen Politik und Gesellschaft) ein ganz anderer Kampf statt: nämlich der zwischen Menschen, die keine Stimme haben, und jenen, die ihre Stimme verkauften und sie zum Sprachrohr ihrer neuen Besitzer machten. Oder um es sehr provokant auszudrücken: Hausneger vs. N*gger.

Gesellschaft im Wandel

Die hypothetische Frage, die sich erstere stellen könnten, wäre: wem stünde der Black Panther-Sprössling und politische Provokateur Tupac Shakur typologisch wohl näher: Casper oder Chris Ares? Die Antwort würde ihnen sicherlich weh tun. Nur optisch unterscheiden sie sich noch vom klassischen Spießer. In ihren Köpfen herrscht jedoch derselbe enge Geist, der den Nachbarn wegen einer zu hohen Hecke vor Gericht stellt und bei einem Scheitern in Revision geht.

Einer der größten Denkfehler, den diese angemaßten Rap-Instanzen in Bezug auf den Minderheitenbegriff begehen, ist, dass sie sich die Gesellschaft statisch vorstellen. In einer statischen Gesellschaft wäre der Schwarze tatsächlich immer unterdrückt und der Weiße immer der Unterdrücker – die Zeit und alle emanzipatorischen Prozesse in ihr, werden bei dieser zutiefst irrationalen Weltdeutung komplett geleugnet.

Nicht nur das: es wird bewusst übersehen, dass wir heute in Gesellschaften leben, in denen sich sowohl der Status ethnischer Minderheiten als auch die mediale und politische Repräsentation ehemaliger Mehrheiten radikal verändern und die gestrigen Hierarchien durch neue ersetzt werden können.

Welche ethnische/politische Minderheit sich gerade wie äußert, ist letztlich von der Dynamik sich wandelnder Rahmenbedingungen abhängig und daher für eine allgemeine Beurteilung untauglich. Dass sie sich äußern hingegen nicht, weil dies die einzige Konstante über allen gesellschaftlichen Veränderungen bildet. Und nur hier sollte der Fokus liegen, sofern man an einer ernsthaften Diskussion interessiert ist.

Die letzten Grenzen

Ein weiterer Aspekt dieser Musik ist – nach der nur oberflächlichen Neubesetzung von negativ behafteten Begriffen – die Umwertung von Werten. Wenn Provokation oftmals bloßer Selbstzweck ist, ist sie hier eine brutale Reaktion auf – als Kerker empfundene – gesellschaftliche Konventionen bis hin zu ernstgemeinter „praktischer“ Moralkritik, wie es ebenfalls bei Eminem oft vorhanden war. Hier sind die Gewaltfantasien Gewaltfantasien, ohne ethischen Subtext. Perversionen Perversionen. Und Hass Hass.

Eminem wurde nun zu alt und dementsprechend abgekühlt, um mit diesen Begriffen noch assoziiert werden zu können. Dennoch zeigt sein Beispiel, dass im Rap keinerlei moralische oder politische Imperative angelegt sind – es sei denn, der Künstler entscheidet sich für sie. Ares entspricht diesem destruktiven Typus zwar nicht, aber er dürfte es.

Wenn es also keinen Rap-Papst gibt, sondern nur Tausende höchst unterschiedlicher Rapper, von denen jeder Einzelne einen möglichen, aber nicht zwingenden Weg pflasterte, dann ist die mittlerweile über vierzigjährige Geschichte des Raps die einzige Instanz, die darüber befinden könnte, wer dazu gehört und wer nicht. Ob dieses Urteil im Sinne der derzeitigen deutschen Rap-Prominenz ausfallen würde, darf zumindest bezweifelt werden.

Falls Rapmusik also einerseits die Kunstform des permanenten Bruchs mit Konventionen und andererseits das Sprachrohr vernachlässigter bzw. übergangener Teile der Gesellschaft sein soll, dann kann sie in Deutschland nicht mehr links sein.


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