Anstoß

Twittersäuberung

Twitter sperrt reihenweise Profile in Reaktion auf die Wahl Donald Trumps. Betroffen sind vor allem führende Persönlichkeiten der amerikanischen Rechten.

Twitter versteht sich als Plattform mit politischer Aufgabe. Die offiziell selbstauferlegte Mission des Microbloggingdienstes lautet nicht anders als „jedem die Macht zu geben, Ideen zu schaffen und zu verbreiten, sofort und ohne Hindernisse“. Seit dem Arabischen Frühling – mitsamt dem darauf folgenden sehr, sehr heißen Sommer – ist das Wort „Twitterrevolution“ fester Bestandteil der politischen Sprache. Als jüngste Twitterrevolution, deren Sommer noch aussteht, könnte man die Wahl Donald Trumps bezeichnen. Diese Revolte gegen ein in den traditionellen Medien fest verbunkertes Establishment wäre ohne die alternativen Medien nicht möglich gewesen. Twitter stand auch hier an vorderster Front gegen die Tyrannei.

Nur scheint das Unternehmen auf diesen Erfolg in der eigenen Heimat bei weitem nicht so stolz zu sein wie auf die Beihilfe zum Sturz morgenländischer Despoten. Eine Woche nach der Niederlage des amerikanischen Establishments zeigt es sich mit den alten Herrschern solidarisch und sperrt eine ganze Reihe von Profilen, die für den unangenehmen Wahlausgang mitverantwortlich gemacht werden.

Hauptziel: Das National Policy Institut

Gesperrt wurden eine ganze Reihe individueller Profile, darunter auch, bereits zum zweiten Mal, dasjenige Ricky Vaughns. Vaughn ist nicht irgendwer. Wegen des immensen Netzverkehrs auf seinem Twitterprofil landete er auf Platz 107 der MIT-Liste der einflussreichsten Entitäten während der vergangenen Wahl. Für eine Einzelperson ohne größere finanzielle Mittel ist das enorm.

Die Hauptstoßrichtung dieser Säuberung richtet sich aber eindeutig gegen das von Richard Spencer geleitete National Policy Institut. Dieses ist eine rechtsalternative Denkfabrik, die in den Vereinigten Staaten in etwa den Platz einnimmt, den bei uns das Institut für Staatspolitik besetzt. Sowohl Spencers persönliches Profil, das des Instituts, des daran angeschlossenen Magazins Radixjournal und des Verlages Washington Summit Publishers wurden auf einen Schlag gesperrt.

Profilsperrungen hat Twitter auch bereits während des Wahlkampfes vorgenommen. Das größte Aufsehen erregte der Fall von Breitbarts Enfant terrible, dem Trump-Unterstützer und der selbsternannten „gefährlichen Schwuchtel“ Milo Yiannopoulos. Doch damals handelte es sich erstens immer noch um Einzelfälle, zweitens wurden die Sperrungen in der Regel mit der Verletzung der Netz-Etikette begründet. Es handelte sich, zumindest offiziell noch, um Maßnahmen gegen Trolle.

Die Zensur handelt aus einer Position der Schwäche

Mit der koordinierten Sperrung zahlreicher, einer nicht genehmen politischen Richtung angehöriger Profile auf einen Schlag hat Twitter eine neue Eskalationsstufe der Zensur in den sozialen Medien erreicht. Bei einschlägigen Organisationen steht der Kampf gegen „Hass-Sprache im Internet“ allerdings bereits seit längerer Zeit ganz oben auf der Prioritätenliste. Das in Washington ansässige Southern Poverty Law Center fordert die Betreiber sozialer Netzwerke offen dazu auf, missliebige Stimmen zum Verstummen zu bringen. Es liefert zudem Listen „Memoryhole“-würdiger Denkdeliquenten gleich mit und veröffentlicht nach erfolgten Sperrungen Siegesmeldungen im Tonfall eines endlich zu seinem Recht Gekommenen. Doch der Triumph dürfte für diese Bande zu spät kommen.

Denn die Verschärfung der Zensur kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nicht mehr aus der Position eines übermächtigen Meinungskartells heraus erfolgt. Die Sperrung durch Twitter schadet, ja, aber sie kann die immer stärker anwachsende Gegenöffentlichkeit nicht mehr vor den Zaun abgegrenzter Diskurse setzen. Dafür sind sowohl diese Gegenöffentlichkeit als auch die von ihr angesprochenen Probleme einfach zu groß geworden. Damit steigt automatisch auch das Interesse, dass selbst die Alteingesessenen ihr entgegenbringen müssen. Angesichts des Twitterbanns auf der einen, einer deutlich gestiegenen Anzahl von Interviewanfragen andererseits, verhängte Spencer bereits zusammen mit Jared Taylor, dem Geschäftsführer von American Renaissance, einen Interviewboykott und den Ausschluss von sämtlichen Veranstaltungen gegen alle Medien, die nicht öffentlich gegen die von Twitter verhängten Sperrungen protestieren. Das ist ein Zeichen wachsender Bedeutung, die sich auch in Form von Marktmacht zeigt.

Twitter fehlt das Geschäftsmodell

Womit wir beim Thema Markt und Marktmacht sind: Obwohl Twitter bereits seit zehn Jahren am Markt ist, hat es bis heute kein Geschäftsmodell vorzuweisen, dass in absehbarer Zeit Gewinne abwerfen könnte. Im Gegenteil: Seit 2011 hat das Unternehmen über zwei Milliarden Dollar Verlust gemacht. Die Aktie fiel von einem Höchststand von 68 Dollar kurz nach dem Börsenstart Ende 2013, auf knapp über 14 Dollar im Juni diesen Jahres und dümpelt zur Zeit zwischen 18 und 19 Dollar herum. Kein Wunder, kam es doch bisher zu keiner einzigen Dividendenausschüttung.Wie auch ohne Profit?

Die von Twitter Gesperrten wechseln derweil zum Konkurrenten Gab, der explizit mit seinem Eintreten für die freie Rede wirbt. Gemessen an der Gesamtzahl der Twitter-Nutzer (etwa 300 Millionen) sind das nur eine Handvoll. Doch wenn Twitter weiter damit fortfährt gerade seine interessanten Gäste vor die Tür zu setzen, ist nicht zu sehen, wie es mit dem Unternehmen noch einmal aufwärts gehen sollte. In der Zeit des Internets kann die Zensur durch eine Handvoll globaler Netzkonzerne drückender sein, als ehemals die durch so manche Regierung. Doch das Gute an der Sache ist: Wenn solche Unternehmen anfangen ihre Nutzer vor den zu Kopf stoßen, sind sie auch ganz schnell weg vom Fenster.

Bild: Twitter-Erfinder Jack Dorsey, von: Joi Ito, flickr, CC BY 2.0

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