Rezension

Vergessene Gesten

„Was ist konservativ?“, fragen sich seit Jahrhunderten die Anhänger der Nichtideologie. Der Autor Alexander Pschera hat jetzt eher ungewollt eine Antwort darauf gegeben.

In seinem neuen Buch Vergessene Gesten – 125 Volten gegen den Zeitgeist spürt Pschera diese feinen Nuancen des Konservativismus auf und will eigentlich nur das schöne und erhaltenswerte Verhalten zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Umwelt konservieren. In Kleinkapiteln erklärt Pschera den Jüngeren und erinnert die Älteren, stilsicher, mit einer gewissen Nonchalance, die verblassenden Gesten einer älteren Generation in Zeiten hektischer Betriebsamkeit und ökonomischem Rationalismus.

Leise sein, abtasten, sammeln

Pschera erinnert an das „leise Leben“, eine vergessene „Geste“ im 21. Jahrhundert. Jeder stellt sich zur Schau, schreit in der Gegend herum und will seinen Marktwert erhöhen. Besonders trauert Pschera dem „Flirt“ nach, wobei sich dem Autor allein bei diesem Wort die Fußnägel hochrollen würden. Das gegenseitige Abtasten zwischen Mann und Frau, angefangen beim ersten Blick, bis zum spannungsvollen „Feuer geben“, bis schließlich zum „Hofmachen“, wurde innerhalb der letzten Jahrzehnte ausradiert und ist dem zumeist platten und spannungslosen Kennenlernen gewichen.

Aber Pschera fasst diese „Gesten“ weit und fängt beim Technischen an: Wie schön es doch sein kann, einen alten Lichtschalter im Keller herumzudrehen, bis es laut klickt und man endlich im Hellen steht. Oder die Erinnerung an die alten Klospülungen, die in luftiger Höhe montiert waren und mit einer Kette aktiviert werden mussten. Weiter geht der muntere Ritt bis zum vergessenen Handkuss, den man aber auch mit viel Wollen nicht so einfach wiederbeleben kann, ohne sich zum Affen zu machen, bis zu fast vergessenen Kinderritualen wie dem Eidechsensammeln und der Blutsbruderschaft, die in der heutigen Zeit ohnmächtige Kinder und entsetzte Eltern hervorrufen würden.

Das sparsame Du

Der liebe Gott gehört gesiezt wie eigentlich jeder Fremde auch. Das „Du“ ist sparsam einzusetzen. Männer sollen sich die Bussi-Bussi-Manier abgewöhnen und der Sieg des Damengedecks – (Orangensaft und Sekt) über das Herrengedeck (Bier und Schnaps) schmerzt sicherlich nicht nur den Autor. Kaffee sollte man ohnehin schwarz trinken.

Pschera teilt munter aus: „Wenn der Milchverbrauch am Kaffeeautomaten höher ist, als derjenige der Kaffeebohnen, dann weiß man, dass man im Latte-Macchiato-Zeitalter angelangt ist. Latte-Macchiato-Zeiten sind Zeiten der Auflösung und der Zersetzung: von Kontur und Konsistenz, von Farbe und Gestalt, von Geschlecht und Charakter.“

Auch der moderne Umweltschutz kommt nicht gut weg. Um der Natur wirklich zu helfen, muss man mit ihr in Berührung kommen. Immer mehr Museen bieten „interaktive Ausstellungen“ an, während die echten Exponate in Archiven schlummern.

Haltung bewahren

Mitunter schwingt Ernst und auch ein Hauch Melancholie in Pscheras Texten mit. Dabei driftet er nie ins Kitschige oder Mitleidige ab. Pschera schreibt stilsicher und prägnant, mit viel Witz und scharfer Sprache. Ein Jammerton würde er zu den Stillosigkeiten des 21. Jahrhunderts zählen. Es gilt also „Haltung zu bewahren“, oder noch besser: „Contenance“.  Einige schöne Atavismen haben, abseits des Mainstreams, die Zeit überdauert. So auch der Besuch eines Stierkampfes: „Um in einem Leben, das im Wesentlichen aus Banalität besteht, wenigstens einmal einen Augenblick der Wahrheit zu erleben.“ Ganz vergessen ist auch die Nelke im Knopfloch, mit Ausnahme einiger Gecken, die die kraftvolle Geste als Mittel der Selbstinszenierung missbrauchen. Die Nelke wurde von französischen Adligen auf dem Weg zum Schafott getragen. Sie zeigten: Wir haben keine Angst!

Platten auflegen und Handschrift

Kritisch könnte man lediglich anführen, dass es bei 125 Volten geblieben ist, was wiederum der Lesbarkeit und der Kürze des Buches geschuldet sein wird. Trotzdem vermisst man einige schöne Gesten, die durchaus das Potenzial zu einer kleinen Wiedergeburt haben. Man denke an das „Platten auflegen“, das sich unter Musikliebhabern wieder wachsender Begeisterung erfreut, oder das Schreiben von Hand, dem Pschera kein eigenes Kapitel gewidmet hat.

Hoffen wir auf einen zweiten Teil des erfrischenden Buches, das sich zum Selberlesen gleichsam eignet, wie zum Gastgeschenk für Freunde, die vielleicht noch gar nicht wissen, was sie vermissen. Dadurch könnte man sogar auf den „Gastsalat“ verzichten, von dem wie immer viel zu viel zu Feierlichkeiten mitgebracht werden.

Aber zurück zum Anfang: Wenn jemand Sie fragt, was denn nun konservativ sei, und Ihr Blick durchs eigene Bücherregal schweift: Vergessen Sie Jünger, Burke, Mohler, Weißmann, Schrenck-Notzing und die anderen großen Namen. Das Meiste davon ist graue Theorie. Drücken Sie dem Unwissenden Pscheras „Gesten“ in die Hand, lupfen Sie ihren Hut, verabreden Sie sich zu einem gepflegten Umtrunk und fragen Sie Ihren Freund, wie ihm das Buch gefallen hat.

Wichtig: Fragen und aufmerksam zuhören! Nicht erzählen, was man selbst daran so toll findet. Und noch einen guten Rat Pscheras zum geplanten Abend: Seien Sie pünktlich. Einzelpersonen lässt man nicht warten. Egal ob mit oder ohne Smartphone.

Alexander Pschera: Vergessene Gesten, DVB Verlag, Wien 2018.

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3 Kommentare zu “Vergessene Gesten

  1. Es ist womöglich ein Zufall, daß »Vergessene Gesten« von Wien aus vertrieben wird, aber einen schöneren kann man sich kaum denken. Denn wenn man ein Gespür für die »Welt von Gestern« bekommen möchte, dann führen alle Wege in die ehemalige Residenzstadt des Heiligen Römischen Reiches.

    “Hier waren die Nibelungen gefahren, hier hatte das unsterbliche Siebengestirn der Musik über die Welt geleuchtet, Gluck, Haydn, und Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Johann Strauss, hier waren alle Ströme europäischer Kultur zusammengeflossen, am Hof, im Adel, im Volk war das Deutsche dem Slawischen, dem Ungarischen dem Spanischen, dem Italienischen, dem Französischen, dem Flandrischen im Blute verbunden, und es war das eigentliche Genie dieser Stadt der Musik, alle diese Kontraste aufzulösen in ein Neues und Eigenartiges, in das Östereichische, in das Wienerische. Aufnahmswillig und mit einem besonderen Sinn für Empfänglichkeit begabt, zog diese Stadt die disparatesten Kräfte an sich, entspannte, lockerte, begütigte sie; es war lind hier zu leben, in dieser Atmosphäre geistiger Konzilianz, und unbewusst wurde jeder Bürger dieser Stadt zum Übernationalen, zum Kosmopolitischen, zum Weltbürger erzogen.” (Stefan Zweig, »Die Welt von Gestern«, S. 32)

    Der letzte Satz ist mit Einschränkungen zu versehen. Da es früher üblich war, sich an Europa zu orientierten, wurde jeder Bürger logischerweise zum Europäer erzogen. Insofern ist es richtig, vom Übernationalen zu sprechen. Es ist aber viel zu hoch gegriffen, von einem »Weltbürgertum« auszugehen. Wenn man sich heutzutage bei Twitter umschaut, wird man auf unzählige Profile stoßen, die sich als weltbürgerlich und kosmopolitisch begreifen.

    Diese Profile sind aber immer in englischer Sprache verfasst, und obwohl die EU-Flagge oft beigefügt ist, steckt dahinter nur der Amerikanismus. Zeigen Sie mir bitte einen einzigen deutschen EU-päer, der sein Twitter-Profil zum Beispiel in Französisch oder Italienisch präsentiert. Ich fand bisher keinen, und derjenige würde auch nur die goldene Ausnahme darstellen.

    Wenn man sich jedoch an den USA orientiert, um ein »Weltbürgertum« unter Beweis zu stellen, ist es mit der Kultiviert- und Zivilisiertheit meist nicht weit her. Es gibt eben doch einen krassen Unterschied zwischen Châteauneuf du Pape und Coca Cola.

    »Die wahre Gefahr für Europa scheint mir im Geistigen zu liegen, im Herüberdringen der amerikanischen Langeweile, jener entsetzlichen, ganz spezifischen Langeweile, die dort aus jedem Stein und Haus der numerierten Straßen aufsteigt, jener Langeweile, die nicht, wie früher die europäische, eine der Ruhe, eine des Bierbanksitzens und Dominospielens und Pfeifenrauchens ist, also eine zwar faulenzerische, aber doch ungefährliche Zeitvergeudung: die amerikanische Langeweile aber ist fahrig, nervös und aggressiv, überrennt sich mit eiligen Hitzigkeiten, will sich betäuben in Sport und Sensationen. Sie hat nichts Spielhaftes mehr, sondern rennt mit einer tollwütigen Besessenheit, in ewiger Flucht vor der Zeit: sie erfindet sich immer neue Kunstmittel, wie Kino und Radio, um die hungrigen Sinne mit einer Massennahrung zu füttern, und verwandelt die Interessengemeinschaft des Vergnügens zu riesenhaften Konzernen wie ihre Banken und Trusts. Von Amerika kommt jene furchtbare Welle der Einförmigkeit, die jedem Menschen dasselbe gibt…« – Stefan Zweig, »Die Monotisierung der Welt«

    Im 21. Jahrhundert, ist Europa als letztes »Bollwerk des Individualismus« (Stefan Zweig) längst gefallen. Dafür hat die »Revolution« der 68er-Generation gesorgt. Ein Großteil des linksliberalen Volkes, kann sich mittlerweile keine schönere und bessere Welt mehr vorstellen, als die in allen Bereichen des Lebens durchamerikanisierte, in der wir dazu verdammt sind, unser armseliges Dasein als Konsumenten zu fristen. Auf der linken Seite des politischen Spektrums, hat man panische Angst vor einem »Rollback« in die Welt von Gestern. Viele Konservative und Rechte dagegen, ergehen sich in Defätismus, und sind davon überzeugt, es könne kein zurück geben. Dennoch werde ich nicht müde zu wiederholen:

    »Lasst uns zum Alten zurückkehren, es wird ein Fortschritt sein.« – Guiseppe Verdi

    Wenn wir uns an der Höflichkeit, der Tugendhaftigkeit, den Moden und an den Umgangsformen unserer Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert orientieren, wäre das kein Rückschritt, sondern ein zivilisatorischer Quantensprung. Herr Müller zeigt das mit seiner Buchbesprechung sehr gut auf. Man könnte sich auch in Erinnerung rufen, daß Französisch die Sprache unserer Kaiser und Könige war, nicht die primitive, kinderleicht zu erlernende englische Sprache, die von dem deutschen Sprachgenie Jean Paul als »Bootsmannpfeife« bezeichnet wurde.

    In seinem letzten Buch “Civilisation”, Untertitel “Wie wir Amerikaner wurden”, beschrieb der französische Philosoph Régis Debray, wie amerikanisch die französische Kultur innerhalb eines Jahrhunderts geworden ist. Noch mehr habe sich nur das deutsche Volk amerikanisiert. In vielerlei Hinischt vertritt der erzlinke Prof. Debray – ehemaliger Kampfgenosse von Che Guevara – die gleichen Ansichten wie der als rechstextrem verschrieene Dr. Dr. Thor von Waldstein bei uns in Deutschland, obwohl die beiden Männer aus völlig gegensätzlichen politischen Lagern stammen. Warum geht das eigentlich nicht immer so?

  2. Starke Besprechung

  3. Carlos Wefers Verástegui

    Es ist ein leicht versnobtes Vorurteil, zu meinen, der Konservatismus könnte ohne theoretische Rüstung bestehen, d.h. immer noch etwas Altes am Leben halten, was aus unerfindlichen Gründen (weil´s schön ist? weil´s älter als fuffzig, hundert Jahre ist?) zu Leben verdient hat. Burke hat hier grossen Schaden angerichtet vermittels der deutschen historischen Schule, Savigny, Eichhorn, Ranke, wobei zumindest Ranke später theoretisch nachgezogen hat. Historische Schule und Romantik sind nicht zufällig im Sande verlaufen, sondern wegen ihrer Theorielosigkeit. Ein »Konservativer«, welcher theoretisch nicht irgendwie auf Stahl, Frantz, Leo, Hegel, Fichte, Vico, die Scholastiker, Aristoteles, Plato – um nur die markantesten zu nennen – fusst, ist eigentlich nur ein Verspäteter gegenüber den »Fortschrittlichen«, d.h. heute ist die Dampflok romantisch, morgen die E-Lok usw. gegenüber Intercity-Express oder was da kommen mag. Oder Celluloid, Galalith Bakelit, Plexiglas, Akryl und anderweitiges Kunstharz gegenüber PVC, PU, PET. Und politisch ist ein »Konservatismus« der Verspätet auch nur das: eine Angelegenheit für Leute, die zu-spät-kommen für schön, für eine Tugend halten. Also heute liebend gern das Sakko aus Opas Jugendjahren oder auch seinen Hut tragen würden, Frack, gestärkter Kragen, Schleife und Zylinder Uropas aber für »to much« befinden, falls sie einen so tollen Uropa gehabt haben sollen. Der Porzellanschalter ist romantisch, er fühlt sich kühl und hart an, seine Oberfläche besitzt einen eigenartigen, reizenden Glanz, man muss Kraft aufwenden, ihn zu betätigen, dann macht er ein schnalziges »Klack«, und es wird Licht. Aber auch der Drehschalter aus Bakelit ist schön, weil er haptisch schön anzufassen ist, auch einen merkwürdigen, eigentümlichen Glanz besitzt und ebenfalls »Klack« macht. Industrieform, Werkbund, Bauhaus usw. sind schön, auch wenn sie einmal die »Moderne« bedeuteten. Biedermeier sowieso, vielleicht auch Art Déco und davor Jugendstil, »Historismus«. Heute ist die Postmoderne unentwegt mit dem Zersetzen aller Form beschäftigt, oder mit dem Vermengen aller möglichen und unmöglichen Formen, was ebenfalls eine Auflösung ist. Heute schon geht das Licht auf Klatschen, Wortbefehl oder programmiert an, zum kotzen ist das. Die neuesten Kaffeemaschinen funktionieren mit diesen blöden Kartuschen, nix mehr mit Kaffee selber mahlen und ihn schwarz trinken.

    Die Geste ausser Kontext ist sinnlos, hilflos, bezuglos, und daher Subjektivismus, pure Willkür des Einzelnen. Siehe Tocquevilles Interpretation der adligen bzw. Gesten des Ancien Regime nach der Revolution. Leider gibt es viel zu viel »Politiker«, viel zu viel »Verspätete«, aber auch viel zu viele unfreiwillige Comtisten – vom »Positivismus« Auguste Comtes – unter den »Konservativen.

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