Rezension

Verständnis für Nazis? Von einer SPD-Schriftstellerin?

Juli Zeh, Schriftstellerin, Verfassungsrichterin in Brandenburg und laut eigener Aussage seit dem „Martin-Schulz-Hype“ SPD-Mitglied, hat quasi in Echtzeit einen Roman „Über Menschen“ in Corona-Zeiten geschrieben. Er behandelt die großen politischen Kämpfe unserer Gegenwart im Alltag.

Corona-Hysteriker ringen darin mit Corona-Leugnern. Klimagläubige bekommen es mit Klimaleugnern zu tun. Gutmenschen geraten mit Nazis aneinander. AfD-Anhänger mit AfD-Hassern. Städter mit kauzigen Typen aus Käffern, die niemand kennt, und so weiter.

Mit Spannung durfte man diesen schnörkellosen Roman erwarten, weil Juli Zeh schon vor langer Zeit beinahe prophetisch vor einer Gesundheitsdiktatur warnte. 2009 veröffentlichte sie mit Corpus Delicti eine Dystopie über einen Staat, der aus dem Recht auf Gesundheit eine Pflicht zur Gesundheit macht. Zeh gehört also genauso wie Giorgio Agamben zu jenen linken Intellektuellen, die durch die vor etwas mehr als einem Jahr ausgebrochene Krise in einen argumentativen Konflikt mit dem Establishment geraten sind, weil sich ihre Befürchtungen leider bewahrheiteten.

Was macht Zeh nun daraus in Über Menschen? Ihre Protagonistin Dora, eine Werbetexterin, trennt sich von ihrem Lebensabschnittsgefährten, der sowohl in Bezug auf Corona als auch das Klima zu den Ängstlichen zählt. Um dem satten und surrealen Leben in Berlin zu entfliehen, wagt sie einen Neustart auf dem Land. Dort muß sie feststellen, daß sie fortan neben einem Nazi leben muß.

Wie sich die Beziehung zwischen Dora und diesem Dorfnazi entwickelt, ist das Interessanteste an diesem Roman. Auf manchen Seiten verfestigt sich der Eindruck, Zeh bediene lediglich die bekannten Klischees über den Osten. Dann aber bekommt sie wieder die Kurve und erzählt eine Geschichte, die dazu beitragen könnte, gegenseitiges Verständnis aufzubauen.

Verständnis für Nazis? Von einer SPD-Schriftstellerin? Lest selbst – und zwar nicht nur Über Menschen, sondern auch Corpus Delicti und Unterleuten!

(Hintergrundbild: Sven Mandel, Wikipedia, CC BY-SA 4.0)


Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Meißen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo