Rezension

Vorsicht! Für Deutsche gefährlich!

„Kulturrevolution von rechts“ von Alain de Benoist ist wieder auf Deutsch verfügbar. Es bleibt zu hoffen, daß daraus keine Mißverständnisse entstehen.

Armin Mohler verglich das politische Bewußtsein der Franzosen einmal mit einem zweistöckigen Haus. Im Obergeschoß wohnen die großen Ideen der Philosophen und der Sonntagsreden. Im Erdgeschoß die praktische Politik, die der ins Deutsche schwer übersetzbaren Maxime on se débrouille folgt. Sie bedeutet soviel wie: „Wir schlagen uns so durch“, oder auch „wir wissen uns zu helfen“.

Das besonders Französische – so Mohler – liege nun darin, daß zwischen diesen beiden Stockwerken keine Treppe liege, sie folglich voneinander vollkommen isoliert wären. Mohler, der „gaullistische Wanderprediger“ meinte das nun keinesfalls abwertend. Im Gegenteil, in der Fähigkeit, zwischen den schönen Ideen, die das Herz beschwingen und die Reden schmücken und dem tatsächlichen Leben eine klare, unüberschreitbare Trennlinie zu ziehen, erblickte er die spezifisch politische Begabung des französischen Volkes, von der sich die Deutschen eine Scheibe abschneiden könnten.

Kaffee, Rauch und Diesel

All das muß man im Gedächtnis bewahren, wenn man Alain de Benoists Schrift Kulturrevolution von rechts (zuerst: 1985) zur Hand nimmt, die der Jungeuropa Verlag nach über dreißig Jahren wieder in deutscher Sprache herausgebracht hat. Denn dies ist ein sehr französisches Buch. Auch wenn hier ein Mann der Rechten schreibt, vom Denk- und Schreibstil her sind Foucault und Bourdieu nicht so weit entfernt. Den inzwischen von Kebabausdünstungen verdrängten Geruch des Pariser Intellektuellen, die Melange aus starkem Kaffee, Gauloiseszigaretten und Dieselabgasen kann man aus den Seiten riechen.

Eine natürliche Freude am ésprit durchzieht dieses Werk, die mit einer von Kant oder Hegel verkörperten deutschen Geistigkeit zu verwechseln gefährlich ist. Am ehesten läßt sich dieses Problem so formulieren: Kulturrevolution von rechts ist ein ernstzunehmendes Buch, welches man aber auf keinen Fall auf die Art und Weise ernst nehmen sollte, auf die Deutsche Dinge für gewöhnlich ernst zu nehmen pflegen.

Gute Gründe Benoist zu lesen

Keine Probleme bereitet hier Benoists Rechtsgramscismus, der meist als Kern dieses Buches gilt, welches vielmehr eine Sammlung von acht lose miteinander verbundenen Essays ist. Sein Rechstgramscismus ist einer der guten Gründe, warum in Deutschland Benoist gelesen wird. Kurz gesagt besteht er in der schlichten, aber gerade für viele Praktiker schwer zu akzeptierenden und noch schwieriger umzusetzenden Einsicht, daß sich in Weltanschauungskämpfen dauerhafte Erfolge weder durch einen Putsch noch durch demokratische Wahltaktiererei einstellen.

Wie das beständige Zurückweichen der bürgerlichen Rechten zeigt, die doch die überwiegende Zeit, wie es heißt „an der Macht waren“, bedeutet derlei bestenfalls eine Verzögerung feindlicher Siege, wenn keine kulturelle Hegemonie des eigenen Denkens erreicht werden kann.

Schlechte Gründe Benoist zu lesen

Die schlechten Gründe, aus denen Benoist in Deutschland gelesen wird, hängen fast alle mit seinem Hang zum entscheidungslosen Intellektualismus zusammen. Benoist sieht die Welt durch die Augen des geistigen Connaisseurs. Außerordentlich gelehrt, leidet er unter einer verfeinerten Art der Krankheit, die er selbst mit den Worten beschreibt: „Ich kenne Leute, die so gebildet sind, daß sie nichts mehr schreiben können. Sobald sie einen Satz zu Papier bringen, sehen sie sogleich derart viele Gegenargumente, daß sie darauf verzichten, überhaupt noch irgendetwas zu sagen.“

Bei ihm äußert sich dies nicht in einer Schreibblockade, sondern in dem Widerwillen gegen die politische Entscheidung. Als Intellektueller ist er besessen davon jenseits der Extreme die Nuancen seines „dritten Weges“ genau abzuwiegen. Nun ist gegen eine nuancierte Weltbetrachtung überhaupt nichts einzuwenden.

Das Problem mit Benoist liegt aber darin, daß er als Intellektueller eine Geistesrichtung, den Egalitarismus und Universalismus der letzten zwei Jahrtausende zum Hauptfeind erklärt, gleichzeitig aber vor realpolitischen Feinderklärungen zurückschreckt, aus der Furcht, dadurch den Anderen in seiner Verschiedenheit zu mißachten. Wenn das dazu führt den „antiarabischen Rassismus“, also den Haß der Algerienvertriebenen auf die Araber, die sie gestern noch vertrieben und totgeschlagen hatten, um ihnen heute nach Marseille hinterherzuziehen, als „politisch gesehen de[n] stupideste[n] von allen“ zu diffamieren, dann war das bereits Mitte der Achtziger kein Ruhmesblatt politischer Weitsicht.

Kein Doktrinär

Man muß jedoch eines verstehen: Alain der Benoist ist kein Doktrinär, sondern ein intellektueller Seiltänzer. Der politische débrouillard scheint an den verschiedensten Stellen dieses Buches immer wieder durch. Es wäre sehr zu wünschen, wenn es in diesem Sinne auch in Deutschland gelesen würde. Kulturrevolution von rechts verdient mit all seinen Widersprüchen gelesen, anstatt zur Phrasengewinnung ausgeschlachtet zu werden.

Hier geht es zu dem Buch!

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1 Kommentar

  1. Freund, Feind – Entscheidung?

    „… gleichzeitig aber vor realpolitischen Feinderklärungen zurückschreckt, aus der Furcht, dadurch den Anderen in seiner Verschiedenheit zu missachten. Wenn das dazu führt den „antiarabischen Rassismus“, also den Haß der Algerienvertriebenen auf die Araber, die sie gestern noch vertrieben und totgeschlagen hatten, um ihnen heute nach Marseille hinterher zuziehen, als „politisch gesehen de[n] stupideste[n] von allen“ zu diffamieren, dann war das bereits Mitte der Achtziger kein Ruhmesblatt politischer Weitsicht.“ („Vorsicht! Für Deutsche gefährlich!“ von Johannes K. Poensgen, 31. Juli 2017)

    Das ist u.a. das Problem bei Alain de Benoist, und der Franzose ist dahingehend seinen Weg konsequent weitergegangen, so daß einerseits die offensichtliche heutige Deutungshoheit der intellektuellen französisch-russischen Achse A. de Benoist – A. Dugin im politischen Diskurs der europäischen Rechten uns durchaus als problematisch erscheint, und andererseits mit der Ukrainerin Olena Semenyaka, polemisch zugespitzt, zu hinterfragen wäre, inwieweit obengenannte Denkachse, samt ihren Anhängern in der sogenannten Neuen Rechten, noch als politisch rechts zu sehen ist (Olena Semenyaka „Die dritte Position – eine geopolitische Betrachtung aus ukrainischer Sicht“ Gegenlicht 1/2017, Seite 48; A. de Benoist dort auf Seite 57). Daß das Buch „Kulturrevolution von rechts“ von Alain de Benoist und seine Rezeption einen anhaltend großen Einfluß auf die politische Rechte europaweit ausübten, bleibt hierbei unbestritten. Und wir stimmen der These von einer notwendig zu erringenden kulturellen Hegemonie, als eine Voraussetzung für einen echten politischen Wandel, in einem bestimmten Kontext auch durchaus zu. Kurzum: wir halten Alain de Benoist für einen sicher lesenswerten und intellektuell inspirierenden politischen Schriftsteller, sehen dabei aber ebenso über all die Jahre die unüberbrückbaren geistig-politischen Differenzen, deren Wurzeln nicht zuletzt in der unterschiedlichen Geschichte Frankreichs, Russlands und Deutschlands liegen!

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