Gesichtet

Wertgemeinschaften und Ökonomismus

Nach Theodor Geiger ist es ein Verhängnis der demokratischen Politik, sich die Sache viel zu einfach zu machen. Das heißt, gerade da auf Ideologie und Stimmungsmache zurückzugreifen, wo Aufrichtigkeit und Sachlichkeit nicht erfolgversprechend sind.

Kurzsichtigkeit und krampfhaftes sich-an-der-Macht-halten verderben die Demokratie, zum Behuf des Machterhalts gemachte Versprechungen kompromittieren die Politik. Wo „Volksaufklärung“ – in Form allgemeiner schulischer Bildung, aber auch in Form von ausdrücklich „politischer“ Bildung – der für die Demokratie lebensnotwendigen Intellektualisierung der Massen entgegenwirkt, kommen Ideologen und Stimmungsmacher hoch.

Erträgliches Dasein für „Einser“

Unter solchen Verhältnissen steht ein wirklich sachverständiger Politiker weder bei seinen Kollegen und Parteifreunden, noch beim einfachen Wähler in der Gunst. Umgekehrt werden in einer ideologisierten („politisch aufgeheizten“) Atmosphäre Fanatismus und Querulantentum zum Hemmschuh einer jeden sachlichen Politik.

Trotzdem hält es Geiger nicht für unmöglich, dass eines Tages die Menschen soweit intellektualisiert sein werden, dass sie auf „Werte” ganz verzichten und somit Politik ohne Leidenschaft und Ideologie treiben können. Nicht „zum Wohle aller” – das wäre ja selbst wiederum Ideologie –, sondern um so vielen Einzelnen – Geiger nennt sie „Einser“ – wie möglich ein erträgliches Dasein zu sichern.

Toleranz: „wertfrei“ oder „vergemeinschaftender Wert“?

Heutzutage heißen die meisten „Wertgemeinschaften” gar nicht so, geben sich also nicht durch den Namen als solche zu erkennen. Fest steht allerdings, dass, wo ein Wert, da auch der Anspruch auf entsprechende -gemeinschaft. Fest steht ebenfalls, dass die Wertgemeinschaft denen, die den Wert nicht teilen und auch nicht gewillt sind, sich auch nur äußerlich nach ihm zu richten, sich als ein ihnen feindlich gesinntes Gebilde darstellt.

Gegen fremde Wertgemeinschaften wird also grundsätzlich Widerstand geleistet: erst zum Zwecke der Selbstverteidigung, dann um sie zu bekämpfen, schließlich um sie zu zerstören. Subjektiv wird Opposition gegen eine einem fremde Wertgemeinschaft als Notwehr verstanden. Im Bewusstsein, Notwehr auszuüben, kann man dann so ziemlich alles anstellen. Mit allerbestem Gewissen. Als Beispiel mag die Toleranz gelten: Als zu verteidigenden-behauptenden Wert wird mit ihr zugleich der zu bekämpfende-auszurottende Unwert, die Intoleranz, der Fanatismus, der Obskurantismus, der Chauvinismus, die Borniertheit usw. mitgesetzt.

Unabhängig davon, ob Toleranz nun ein Wert ist oder nicht, bewährt sich die Richtigkeit des Satzes, dass man der Intoleranz gegenüber nicht tolerant sein darf. Toleranz als Wert ist dabei genau so ein Widerspruch wie die „wertfreie“ Toleranz, welche dennoch Werte duldet. Toleranz kann richtig verstanden nur darin bestehen, den bestehenden Wertpluralismus d.h. die derzeitige Anarchie der Werte, nur solange zu tolerieren, wie die verschiedenen Wertantagonismen sich gegenseitig begrenzen und damit in Schach halten.

Durch dieses gegenseitige Begrenzen und in-Schach-halten wird eine einheitliche Frontbildung vermieden, welche die Gesellschaft ansonsten spalten würde. Ein bloß zweckmäßiges Zusammenleben aber von Einzelnen in einer wertfreien Gesellschaft, wo niemand  „öffentlichen Werten huldigt“, braucht nicht tolerant zu sein und muss sogar intolerant sein gegenüber Menschen, welche mit sich selbst Werte und, damit, Ansprüche auf eine entsprechende Gemeinschaft geltend machen.

Gefährdung der Gesellschaft durch Werte

Menschen, die mit ihrem Auftreten Werte in eine ansonsten wertfreie individualistische Gesellschaft einbringen, stören den sozialen und politischen Frieden, zerstören den äußeren Zusammenhalt. Solidaritätsschleife, Abzeichen, Farben, bestimmte Worte und Sprüche, gewisse Kleidungsstücke, Haar- und Barttrachten usw. sind Symbole und Kennzeichen eingebildeter Wertgemeinschaften, soweit mit ihnen gemeinschaftliche Wertvorstellungen verbunden sind.

Sich ihnen gegenüber tolerant bzw. indifferent zu zeigen, ihnen zu gewähren, im öffentlichen Raum „nach ihrer Façon selig werden“ zu dürfen, würde, abgesehen davon, dass es gesellschaftlichen Suizid bedeutet, ein Wertprivileg schaffen, welches sofort durch die Aufstellung gegnerischer Werte in Frage gestellt würde. In einer wertfreien individualistischen Gesellschaft wäre ein solches Privileg keine „Ungerechtigkeit“ gegenüber Individuen und Gruppen, welche bezüglich ihrer eigenen Werte durch das Privileg benachteiligt würden.

Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sind ja mitsamt den „Werten“ aus der Welt geschafft. Die Benachteiligung ist eine Schädigung dieser Individuen und Gruppen. Jede Schädigung von Individuen und Gruppen, die bisher dieser Gesellschaft zugehörig waren, offenbart einen Bruch in der Gesellschaft. Durch diesen dringen aufs Neue Werte ein und machen sich auch fleißig daran, die Gesellschaft immer weiter zu spalten und zu zersetzen.

Genau so, wie gewisse Enzyme durch die Spaltung von Eiweiß Muskelfasern zersetzen, zersetzen bestimmte Werte und mit ihnen verbundene Weltanschauungen eine bestehende Gesellschaft. Plötzlich sind die Leidenschaften und, mit ihnen, die Kämpfe wieder da. Der nächste und folgenschwerste, der endgültige Bruch, ist der Schiffbruch der ganzen Gesellschaft.

Ordnungsprobleme an der Schwelle der Zeiten und Zivilisationen

Wie der Schiffbruch einer ganzen Zivilisation aussieht, ist in Alejandro Amenábars Film „Agora – Die Säulen des Himmels“ dargestellt. Zwischen seiner Darstellung des Untergangs einer genauso großartigen wie „aufgeklärten“ heidnischen Spätantike und Geigers Gesellschaftsmodell besteht ein Zusammenhang: im Übergang zum christlichen Mittelalter bestand die Lösung der Probleme der sozialen und politischen Ordnung im Übertritt zum Christentum von Herrschern und ganzen Völkern.

Christliche Religion und Theologie wurden zu den neuen Grundfesten. Damit aber war die Ordnungsproblematik auf eine höhere Ebene gerückt. Der totale Glaubens- und Gemeinschafts- aber auch Wahrheitsanspruch der antiken Gemeinwesen blieb nicht nur erhalten, sondern wurde durch den Monotheismus sogar noch verstärkt. Was auf der einen Seite unter dem Symbol der Heiligen Dreifaltigkeit und -einigkeit und unter Hinzuziehung der politisch-theologischen Spekulation um Christi mystischen Leib Stabilität und Einheit versprach, war auf der anderen Seite Sprengstoff, wie die ganze Geschichte des Abendlands – aber auch die Geschichte von Byzanz – bis in Geigers eigene Gegenwart (1950) beweist.

Es gibt nur noch technische Auswege im ökonomisch-wissenschaftlichen Zeitalter

In Anschluss an Auguste Comtes Positivismus meinte Geiger, dass das theologische und metaphysische Stadium der Menschheit durch das wissenschaftliche abgelöst gehöre. Sein Verweis auf unseren durch Wissenschaft ermöglichten Daseinsapparat, auf wirtschaftliche Interdependenz sowie auf den technischen Fortschritt, die zusammen genommen weit vernünftiger seien als die von ihnen getragene Menschheit, hat den Ökonomismus zur Grundlage.

Das darf nicht Wunder nehmen. „Ökonomik“ ist nämlich das genaue Gegenteil von Theologie und sogar von Religion und Glauben. Geigers praktischer Wertnihilismus ist selbst nichts anderes als eine kritische, vielleicht sogar pessimistische Form von Ökonomismus. Sein positivistisches Gesellschaftsmodell dient der definitiven Lösung von Problemen des sozialen und politischen Zusammenlebens innerhalb eines Zeitalters, das wissenschaftlich und ökonomisch ist, sowie einer Gesellschaft, dessen höchstes Baugesetz der „Individualismus“ ist.

Geigers Lösungsvorschlag ist immer noch sehr zeitgemäß. Zur Lösung des Ordnungsproblems aber trägt er nicht das Geringste bei. Globalisierung – die Geiger übrigens beim Namen nennt – und immer mehr fortschreitender Individualismus sind schicksalhaft miteinander verknüpft. Den Problemen, die sich daraus ergeben, ist mit einer „inneren Lösung“, wie sie durch Werte geordnete Gemeinschaften versprechen, nicht zu begegnen.

Bezüglich aller gemeinschaftlichen Werte und Ideale kann unser ganzes Zeitalter für abgeschrieben gelten. Es kann nur noch äußere Zusammenfassung und Versachlichung, kurz Rationalisierung geben. Zu dieser gehört notwendig die Intellektualisierung von Individuen, die ihren Interessen nachgehen, sich die Werte aber längst aus dem Kopf  geschlagen haben. Wie man auch immer über seinen Lösungsvorschlag denken mag, Geigers Gesellschaftsmodell besticht gerade wegen seiner grundsätzlichen Gangbarkeit.

(Bild: Pixabay)

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7 Kommentare zu “Wertgemeinschaften und Ökonomismus

  1. Fürchterlicher Unfug.
    Mit dem Fall der Antike vollführte sich ein kollektiv-geistiger Rückschritt der seinesgleichen sucht. Von einer polytheistischen Kollektivpsyche freigeistiger Eliten zur dualen Geistespsyche dogmatisch religiöser Fanatiker. Den absoluten Todesstoß gab der monotheistische Mob, welchem letztlich nur mehr mit einem aus dem völligen Chaos kreierten Christentum beizukommen war. Die ›Ökonomie‹ selbst sucht ihr Motiv in einem ursächlich unerklärten Völkerwanderungschaos und erhielt angeblich ihre Konstante von Kaiser Konstantin aus Byzanz. Ein rudimentär wissenschaftlich oberflächliches wie banalchristlich materielles Geld- und Zeitmotiv, daß sich aufgrund dieser erfahrenen und verdrängten ephesischen ›Dunklen Epoche‹, ala‹ ->‹Heinsohn Horizon‹, am eigenen Schopfe aus dem üblen Sumpf zog und seither bis heute anstelle eines sich gerade in der Entstehung befindlichen freien ›Antiken‹ Gesellschaftsgeistes, so desaströs degeneriert schaltet und waltet, Je nach belieben.
    »Wo keine Götter sind walten Gespenster«. Novalis.

  2. Naja, der Rekurs auf ein »wissenschaftliches Stadium« der Menschheit überzeugt insofern nicht, als es – entgegen der landläufigen Annahme – auch in der Wissenschaft keine wertfreien Räume gibt. Auch wissenschaftliche Erkenntnisse sind häufig nur Ergebnisse einer wertenden Bewertung des Subjekts. Ein Ausweg aus der Wertegesellschaft ist die reine Ökonomie daher nicht.

    Auch werden die Vorbehalte gegen die Wertegesellschaft nicht wirklich klar. Es wird suggeriert, eine solche Wertegesellschaft legt bis in ihre letzten Ecken spezifische Werte fest, an die sich die Mitglieder der Gemeinschaft zu halten hätten. Richtig ist gerade in pluralistischen Gesellschaften aber, dass sich das gemeinsame materielle Wertefundament auf einen demokratischen Grundkonsens beschränkt. Es werden also nur wenige fundamentale Werte festgelegt, im übrigen gilt der »Konsens über den Dissens«. Neben die wenigen matriellen Festsetzungen treten dann insbesondere die Organisation der Gemeinschaft und die Verfahren demokratischer Teilhabe der unterschiedlichen Gesellschaftsinteressen.

  3. Carlos Wefers Verástegui

    @Einherier

    Novalis hat auch das »Christentum« (»oder Europa«) verfasst. Oder, war er gerade da nicht beisinnen?

    @ Notabene

    Natürlich haben Sie Recht. Es ging mir nur um Geigers Grundsätzliche Position die ich interessant fand.

  4. @C.W.Verastegui,

    …ein durchaus berechtigter Einwand. Doch in Anbetracht von Novalis jungem Alter und frühem Tod wird diese latent schizophrene Irrung verständlich. Diesbezüglich besteht in der Tat ein Widerspruch zu seinem Götterzitat. Man kann nur vermuten ob sich sein Weltbild mit höherem Alter objektiviert hätte. Angesichts seiner Äußerungen wäre dies jedoch anzunehmen. Ein gereifter ›Linker Geist‹ wechselt mit einhergehender Lebenserfahrung bestenfalls auch zum Konservativismus über…..

  5. Die Idee halte ich nicht für den Stein des Weisens. Die Wissenschaft als quasi neutrale Instanz, die den Weg in die Zunkunft weist, war vielleicht noch zu Lebzeiten Geigers denkbar. Damals galt die Wissenschaft noch als politisch nicht oder kaum umkämpfter Bereich (nur in Randbereichen umstritten – z.B. Erblehre Lyssenkoismus in der UdSSR). Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt wurde von nahezu allen politischen Richtungen als erstrangiges Ziel betrachtet. Umstritten war zu dieser Zeit die politisch-ökonomische Steuerung des Produktionsapparates, nicht der Wunsch die Erzeugung von Gütern mit allen Mitteln zu steigern. Dies ist heute mitnichten mehr der Fall. In Zeiten der Umwelt- und Demographiekrise ist selbst Wissenschaft und Technik ein politisches Kampffeld geworden. Ich verweise nur beispielhaft auf die Konfliktfelder Kernenergie und Gentechnik. Im übrigen ist auch die Technokratenherrrschaft, die ich hier wittere nicht ohne Nebenwirkungen.

  6. @C.W.Verastegui,
    …ein durchaus berechtigter Einwand. Doch in Anbetracht von Novalis jungem Alter und frühem Tod wird diese latent schizophrene Irrung verständlich. Diesbezüglich besteht in der Tat ein Widerspruch zu seinem Götterzitat. Man kann nur vermuten ob sich sein Weltbild mit höherem Alter objektiviert hätte. Angesichts seiner Äußerungen wäre dies jedoch anzunehmen. Ein gereifter ›Linker Geist‹ wechselt mit einhergehender Lebenserfahrung bestenfalls auch zum Konservativismus über…..

  7. Carlos Wefers Verástegui

    @Jonas

    Ihr Einwand ist voll berechtigt, schon bei der Abfassung des Artikels war ich mir entsprechender Einwände bewusst, Carl Schmitt hat sich ja dem Problem der Neutralität von Wissenschaft, Technik bzw. »Technologie« und Wirtschaft mehrmals gewidmet. Geiger stand tatsächlich der Technokratenherrschaf nahe, wie seine sehr kritische Rezension Burnhams beweist. Geiger hat sehr viel unhaltbares, aber, gerade die Unhaltbarkeit seines Lösungsvorschlags zeigt das Dilemma auf, speziell die Wertproblematik. Das sollte uns vom Wahn kurieren, wir hätten den Stein der Weisen, und es hinge alles nur noch von der Ausführung ab.

    @Einherier

    Weiss nicht genug über Novalis. Sein »Christentum« aber fand ich ganz hübsch.

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