Rezension

Sieferle: Epochenwechsel (IV)

Rolf Peter Sieferle stellt das Aufkommen der nachbürgerlichen demokratischen Verwaltungsregierung in den Horizont der Wirtschaftsglobalisierung und des politischen Universalismus.

Die drei Geschichtsentwicklungen laufen zeitlich nebeneinander her und sind des Öfteren miteinander verwoben. Da eine globalisierte Wirtschaft mit weltweit austauschbaren Arbeitskräften den Rahmen des Sozialstaates mit seinem Ausschließungsprinzip sprengt und etwa einen Straßenkehrer in Berlin mit einem aus Indien gleichsetzen will, kommt eventuell der Nationalstaat mit seinen Fähigkeiten an ein Ende.

Den Staatsbehörden wird es umso mehr schwerfallen, die nötigen Steuern einzuziehen, als sie sich anstrengen, eine an sie heranstürmende Menschenansammlung zu kontrollieren und unterzubringen. Die Grenzen werden sich auflösen, da die Staatsbehörden weder die Mittel noch die Durchhaltekraft werden aufbringen können, Asylbewerber und wandernde Arbeitsanbieter auszusperren. Der Nationalstaat als Fortschreibung der Bürgergemeinde mit ihren fürsorgerischen Anstalten für Angehörige wird jetzt abgelöst und in einem sich immer erweiternden Netz der weitauseinandergezogenen Absatzmärkte und angebotenen Dienste aufgehen.

Ökologie und humanitärer Universalismus

Den westlichen Eliten fällt es nur minimal ein, daß zwischen ihrem humanitären Universalismus und ökologischen Sorgen ein krasser Widerspruch steht. Mit der Aufschließung der Nationalgrenzen in einer humanitär-universalistischen Politiklandschaft werden sich Massenmengen aus der Dritten Welt nach Wohlstandsländern fortbewegen, ein Reigen, der in Westeuropa und Nordamerika schon lange eröffnet ist.

In „liberaldemokratischen“ Gesellschaften beziehen die Neuankömmlinge staatlich geschenkte Leistungen sowie fachmännische und nichtfachmännische Stellen zuungunsten der einheimischen Arbeiterschaft, die sie preislich unterbieten können. Natürlich entspricht dieser stete Zuzug der Fremden der multikulturellen Amtsideologie der nachbürgerlichen Staats- und Bildungsordnung sowie ihrer publizistischen Priesterschaft, aber für den überforderten Nationalstaat bedeutet er die reinste Verheerung.

Bruchstückhafte Ordnungszentren

In einer kraftvollen Zusammenfassung unterstreicht Sieferle die Ironie eines verfehlten Universalismus, der stufenweise zu der „harten Ordnung des Behemoth, dem Sieg der Stärksten, Skrupellosesten, und Durchsetzungsfähigsten, die den Schwachen nur insofern Schutz gewähren, als sie sich in ihren Interessenzonen befinden“, hinüberführt. Des Weiteren: „Der vollendete humanitär-ökonomische Universalismus hatte sich dann als Mittel zur Durchsetzung seines extremen Gegenteils erwiesen: des segmentären Partikularismus. Am Ende stünde nicht die durchgeführte Menschheitsunmittelbarkeit des atomisierten Individuums, sondern der Klientelverband disziplinierter Abhängiger innerhalb neuer dezentraler Machtstrukturen.“

Obwohl Sieferle mit seinem Behemoth-Abbild eine zersetzte Gesellschaft mit bruchstückhaften Ordnungszentren skizziert, die zur Förderung eines minimalsten Friedens zu Gewalttaten greifen müssen, sei es möglich, daß er das Ausmaß des vorhergesagten Umfalls unterschätzt. Statt von mafiaverwandten Banden beschützt zu werden, kann es auch eintreten, daß die autochtonen Bevölkerungen vielerorts so durch und durch mit antifaschistischen, multikulturellen Grundsätzen durchdrungen sind, daß sie nicht mehr den Mut aufbieten könnten, einer muslimischem oder einer beliebig antichristlichem Herrschaft standzuhalten.

Brasilianische Verhältnisse oder noch schlimmer?

Das staatlich betriebene Gehirnwaschen dürfte weiterwirken, auch wenn das zusammengestürzte Staatsgefüge nicht mehr in der Lage wäre, die Glücklosen mit der alten Leier zu nudeln. In Deutschland besteht die Möglichkeit, daß die herausposaunte Willkommenskultur immerwährend nachhallen dürfte, auch wenn die einströmenden Fremden überall die reinste Hölle auslösen. Nicht alle Westeuropäer sind so schlau wie die Österreicher, die eine multikulturelle Regierung abwählten.

Es spricht Bände, daß Sieferles beste Hoffnung sowie Nachfolgeordnung für einen zersetzten Nationalstaat ein Notbehelf aus verbrecherischen Banden und ethnischen Minderheiten ist. Es übersteigt nicht die Glaubwürdigkeit, daß in etlichen westlichen Ländern die Todesqual eines überforderten Nationalstaates noch schlimmer ausfallen könnte.

Ein schwieriges Verhältnis zur deutschen Identität

Zur kurzgefassten Nachschrift: An Sieferles zwiespältigem und qualvollem Verhältnis zu einer ausdrücklich deutschen Identität dürfte der Neugierige herumrätseln. Einerseits kehrt Sieferle einen bloß behaupteten Bezug des deutschen Nationalismus zum Dritten Reich hervor und rät ernstlich (oder so scheint es) seinen deutschen Mitbürgern jede Rückkehr zu einer deutschnationalen Gesinnung ab. Darüber hinaus versucht er, den Blick seiner Landsmänner auf das geteilte Los der benachbarten Industriegesellschaften zu lenken, damit sie ihre Problemlage in einen postnationalen Zusammenhang stellen werden.

Zum zwingenden Beweis erbringt er seinen von Schmitt ausgeliehenen Begriff des Nationalstaates, dessen Stifter Volksgruppen und Volksgemeinsamkeit aussgeschlachtet haben, um die staatspolitische Einheit zu erwirken. Bei der Nationalstaatlichkeit handelt es sich nicht in erster Linie um eine Volksgemeinschaft sondern um die Struktuierung einer Staatsform, die beiläufig eine Nationalität mit einschließt.

Die ökologische Katastrophe

Zuallerletzt ist erwähnenswert, daß sich der Verfasser seinem Berufszeichen nach als ein umweltbewusster Zeithistoriker ausgewiesen hat. Im Ganzen gesehen war Deutschland als „einzelnes Territorium“ weniger erhaltenswelt als eine schon überlastete Naturwelt. Während Sieferle viele Gründe anführt, um eine Völkerwanderung aus der Dritten Welt zu beanstanden, so waren dennoch für ihn die etwaigen ökologischen Auswirkungen vorrangig. Man konnte Gesellschaften, wenn auch notdürftig, wieder einrichten. Schwerer wäre es jedoch, Zigmillionen ressourcenverschwenderischer Auswanderer aus Asien und Afrika wieder einzuordnen, ohne die Belastbarkeit der Naturwelt unwiderruflich zu beschädigen.

Ohnedies verhalten sich die Zugezogenen weniger naturschonend als die eingeborenen Europäer. Zur Berücksichtigung der Umstände gehört nicht nur die Unzahl der kulturell Fremden sondern auch, daß die Einwanderer mehr als die Autochthonen dazu angetan sind, mit der europäischen Umwelt Raubbau zu treiben. Es versteht sich, daß sie in ihren Ursprungsländern nicht mit der üppigen Ausstattung der Wohlstandszonen versehen waren und nicht über dieselbe Gelegenheit verfügten, die Natur zu verpesten.

Bildhintergrund: Regina Sieferle (privat)CC-BY-SA 4.0

Hier geht es zu Teil eins, zwei und drei.

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