Rezension

Der Neubau des Hauses

Mit „Politik und Polis“ ist nun der zweite Band Hans-Dietrich Sanders bei Arnshaugk erschienen. Er enthält eine Sammlung von Aufsätzen gegen den Verfall der Politik.

Wenn Sander vom „Verfall der Politik in seiner ganzen Breite und Tiefe“ schreibt, dann geht es nur an der Oberfläche um die zahlreichen öffentlichen Missstände, die unser Land plagen. Sanders gewohnte Polemik kommt an zahlreichen Stellen durch, doch geht es ihm um den Verfall des Begriffs der Politik im Bewusstsein der Zeit, dem der Verfall des Staatsbewusstseins folgt und an dessen Ende „Politik“ ein Sammelbegriff für einen Haufen schmutziger Geschäfte ist.

Das größere Bild wird leicht übersehen

Sanders persönlicher Lebensweg bringt es leider mit sich, dass der größte Teil seines Denkens nur fragmentarisch in einzelnen Aufsätzen vorliegt. Politik und Polis ist eine Sammlung und Aktualisierung solcher Aufsätze aus über zwei Jahrzehnten. Gedanken, die normalerweise im geordneten System einer Monographie vorlägen, sind so auf achtunddreißig Aufsätze verstreut. Für die Lesbarkeit des Buches ist dies von großem Vorteil. „Politik und Polis“ ließt sich weit besser, als es eine systematische Abhandlung je könnte, zumal Sanders Sprache von einer seltenen Mischung aus Eleganz und Ausdruckskraft ist.

Es ist zu hoffen, dass die literarische Leichtigkeit diesem Buch weitere Leserkreise erschließt. Auf der anderen Seite wäre es nur zu bedauern, wenn es gerade deshalb ein Dasein als Erbauungslektüre fristen sollte. Die Erscheinungsform verführt doch auch dazu, es während der Lektüre bei einer Handvoll Eindrücke zu belassen und das größere Bild zu übersehen.

Politik und Staat

In weiter Hinsicht ist „Politik und Polis“ eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Begriff des Politischen“ Carl Schmitts, dessen irregulärer Schüler Sander in den Sechzigern und Siebzigern war. Schmitt hatte den Staat vom durch die Freund-Feind-Unterscheidung her bestimmten „Politischen“ aufgezogen. In einer deutschen Rechtswissenschaft, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch gewohnt war, Politik über den Staat zu definieren, war dies eine bewusste Provokation. Ihr folgte in Schmitts Denken bald darauf die Abkehr vom klassischen Staat.

In einer Zeit, in der sich die wenigsten bei dem Wort Staat noch mehr vorstellen können, als eine Summe von Behörden, ist es nicht weniger provokant, wenn Sander dieses Verhältnis wieder umkehrt und die Politik wieder vom „idealtypischen Artefakt“ der Polis herleitet, in welcher er eine Parallele zum neuzeitlichen Staat erblickt. „Politik“, so Sander „ist seit der Renaissance, das Handlungsgeflecht, das zum Aufbau, zur Entwicklung und Wahrung eines Staates notwendig ist: nach innen wie nach außen.“

Die absolute Republik

Sander richtet sein Augenmerk allerdings nicht auf eine stupide Wiederherstellung des vergangenen Staates. Stattdessen ist ihm daran gelegen, dass endlich der Durchbruch zu dem gelinge, was er die absolute Republik nennt. Gegen das Schulgeschichtsbild, in welchem sich die politische Ordnung vom Feudalismus zur absoluten Monarchie entwickelte, von dieser weiter in die konstitutionelle Monarchie, um schließlich in die parlamentarische Republik zu münden, sieht Sander in den letzten beiden Staatsformen Verfallserscheinungen.

Das wichtigste Merkmal des Staates ist für Sander die Bändigung der partikularen Gewalten. In der Aufteilung der Macht unter die pluralen Kräfte sieht er einen Rückfall in quasifeudale Verhältnisse, in denen die Befriedung und Rechtsetzung durch den Staat nicht mehr aufrecht erhalten werden könne. Da eine Rückkehr zur absoluten Monarchie nicht möglich ist, will Sander nach vorne. In der Absoluten Republik soll das allgemeine Wahlrecht auf die Gemeinden und Kommunen beschränkt werden, auf denen sich dann schrittweise die höhere Verwaltung und Staatsführung erheben soll, bis hinauf zu einem Präsidenten mit nachgeordneten Fachministerien.

Ein Ziel dieses Staatsaufbaus besteht darin, die Kaperung des Staates durch das Parteienwesen zu verhindern. Zum Anderen aber soll so wieder echte Herrschaft möglich werden, die Sander von der bloßen Machthabe, die sich „in der Funktionalität ihrer Mechanismen [erschöpft]“, unterscheidet. Herrschaft ist ihm dagegen die „repräsentative Souveränität“. Nur durch die damit erlangte Autorität könne der Herrscher Recht schaffen, dass über den Charakter einer Maßnahme hinausgeht.

Ein Buch für den Wiederaufbau

Es ist vielleicht der größte Vorzug von Politik und Polis, dass Sander sich der Grenzen der Reformierbarkeit des Status Quo trotz aller hochfliegenden Absichten bewusst bleibt. Ihm gelingt damit ein Spagat, an dem die meisten scheitern, die sich in unserer Zeit mit der Frage „Wohin jetzt?“ befassen. Sie wollen entweder mit ein paar Reförmchen in die alte BRD zurück, oder glauben, mit einem großen Sprung ein wie auch immer geartetes Ideal verwirklichen zu können.

Sander schreibt hingegen, um zuerst einmal die nötigen Grundlagen eines Wiederaufbaus ins Gedächtnis zurückzurufen. Dazu gehört auch, sich die Grenzen zu vergegenwärtigen, die uns selbst im günstigsten Falle gesetzt sein werden:

„Die Neue Weltordnung war, schon als Bush senior sie ausrief, ein Euphemismus für globales Chaos, das alle befallenen Länder vor Aufgaben stellt, die herkulischer Anstrengungen bedürfen, ohne daß herkulische Figuren in Sicht wären. Es kann deshalb im 21. Jahrhundert gar nicht um eine wie auch immer beschaffene Ordnung der Welt gehen. Es gilt ganz schlicht, das einzelne Haus wieder in Ordnung zu bringen – soweit das Haus als Metapher reicht: vom Wohnsitz über die Gemeinde bis zum Staat – weiter nicht.“

Hans-Dietrich Sander Politik und Polis. Herausgegeben von Heiko Luge. 2016. 271 S. ISBN 3-944064-35-6 Gb. 26 Euro.

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