Rezension

150 Jahre Diakonissen Frankfurt

„Nehmen Sie unsere Festschrift Unter der Haube ruhig mit“, ermuntert mich Alexander Liermann, der neue Pfarrer des Diakonissenhauses im Holzhausenviertel. Das große und schöne Buch zu 150 Jahre Pflege, Erziehung und Gemeinde-u nd Bildungsarbeit im Geist der Diakonissen und ihrer geistlichen Kultur liegt am Ausgang der Diakonissenkirche. – „Gerne.“

Pfarrer Liermann war zuvor zwölf Jahre Militärseelsorger in Mainz, bevor er vor einem Jahr seinen Dienst zwischen Holzhausen- und Cronstettenstraße aufnahm. Der Übergang ins Diakonissenhaus fiel ihm relativ leicht. „Das lag nicht nur daran, dass es hier wie bei der Bundeswehr eine klare Hierarchie gibt, und die Schwestern eine Art Uniform, nämlich ihre Tracht, tragen.“

Da mittlerweile alle der wenigen noch lebenden Schwestern im Frankfurter Mutterhaus um die 85 Jahre alt sind und sich keine neuen mehr der Diakonissengemeinschaft anschließen, ist die Umgestaltung bzw. Umwidmung des Diakonissenhauses ein Gebot. „Es geht darum, ihr Werk, ihren Besitz und ihre liturgisch geprägte Geistlichkeit in fähige und vertrauenswürdige Hände weiterzugeben“, sagt Liermann. Ob die Transformation gelingt?

Apfelbaum im Geiste Luthers

In Anlehnung an den Reformator Martin Luther  – Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen – hat das Diakonissenhaus zum Abschluss seines 150-jährigen Jubiläums Anfang November jedenfalls hoffnungsfroh einen Apfelbaum auf seinem Gelände im Holzhausenviertel gepflanzt.

Doch was droht unwiderruflich zu enden? Die Jubiläumsschrift, die ich nach Hause trage, offenbart sich später bei der Lektüre als eine Reise mit der Zeitmaschine in eine „wunderliche“, vergangene Welt. Im Folgenden Exzerpte in aufsteigenden Seitenzahlen, bei denen Sie vielleicht auch aktuelle Bezüge entdecken:

Auf die jungen Frauen, die während und nach dem 2. Weltkrieg den Weg ins Diakonissenhaus fanden, wartete ein ungewohntes Leben in strenger Ordnung, was offensichtlich seine positiven Seiten hatte. Viele Mädchen, die als Diakonissen eintraten, seien „förmlich aufgeblüht“, nachdem sie den regelmäßigen Tagesablauf des Hauses – immer zur selben Zeit aufstehen, frühstücken usw. – für sich akzeptierten.

Christliche Gebete und muslimische Kinder

In den Kindergärten der Gemeinden waren die Schwestern tolerant, legten dabei aber Wert auf die religiöse Ausrichtung ihres Kindergartens. Kinder muslimischer Eltern mussten an den Gebetszeiten teilnehmen. Schwester Gerda erklärte den Eltern: ‚Sie müssen wissen, wir beten mit den Kindern, wir singen mit den Kindern, wir erzählen den Kindern biblische Geschichten, und ich kann dann Ihr Kind doch nicht jedes Mal vor die Tür setzen. Da müssen Sie mit einverstanden sein, und wenn Sie das nicht sind, dann geht das nicht!‘ Es habe aber nie Schwierigkeiten bei dieser Ansage gegeben. Eine Muslima habe ihr Kind sogar taufen lassen.

Im Diakonissenkrankenhaus wendeten sich die Schwestern den Patienten intensiv zu. Schwester Gisela blickt zurück: „Durch die körperliche Nähe, unser Sprechen und die Berührungen bei den Behandlungen entstand oft das Vertrauen, über das Leben und manche Nöte zu sprechen. Wie wir unsere Patienten behandelt haben, ist kaum vorstellbar für die Zeit von heute, es ist, als ob man hundert Jahre zurückversetzt wird.“

Ebenso menschlich und professionell und ohne Scheu kümmerten sich die Ärzte um die vielen HIV-Infizierten. Darum wissend, dass nur Zungenküsse und Geschlechtsverkehr ansteckend sind. Wenn es den Infizierten besser ging, nahmen sie auch am Abendmahl teil. Der damalige Pfarrer Wilhelm Göbel erinnert sich: „In der großen Runde stand neben einem jungen Mann von 27 Jahren der Chefarzt Huth, das Abendmahl kam erst zu den Kranken und dann zu dem Professor, nicht in kleinen Einzelkelchen, sondern wir hatten den Gemeinschaftskelch, durch die Serviette gedreht und hygienisch gereinigt, für jeden einsehbar. Dann bekam  zunächst der HIV-Patient den Kelch, dann der Chefarzt usw. Das war in gewisser Weise eine Art beispielhafter Demonstration in diesem Haus.“

Glocken, die läuten

Ob die Diakonissengemeinschaft in einer säkularisierten Gesellschaft noch gebraucht wird? Schwester Hannah meint: „Bei uns läuten ja dauernd die Glocken, morgens um 8 Uhr zum Morgengebet, um 12 Uhr zum Mittagsgebet und abends zum Nachtgebet. Bis jetzt haben wir keine Beschwerden von unseren Nachbarn. Manche sagen: Es ist schön, wie auf dem Land. Eine Frau sagte: Wenn ich die Glocken höre, dann weiß ich, dass die Schwestern jetzt beten. Und das tut mir gut.“

Für manche gilt der Architekt Bruno Paul, dessen Arbeitszimmer auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 mit einem Grand Prix ausgezeichnet wurde, als Begründer der modernen Innenarchitektur. Ihn beauftragte die Stifterin Rose Linvingston für den Bau des Nellinistift, das 1913 als Heim für ältere und unverheiratete Damen eingerichtet wurde.

Es war seinerzeit das schönste Damenstift Deutschlands. Denn der Baumeister konnte ohne finanzielle Einschränkungen ein Gesamtkunstwerk von gestalteten Räumen bis hin zur Architektur des Gartens errichten. „Das Nellinistift war Höhepunkt und Ende einer künstlerischen Entwicklung, die wie nahezu alles in dieser Zeit durch den Beginn des ersten Weltkriegs abrupt unterbrochen wurde.“

Keine Diskriminierung in der NS-Zeit

Senatspräsident Dr. Heinrich Heldmann, der Vorstandvorsitzende des Frankfurter Diakonissenhauses, wendete nach einem Vorstandsbeschluss im Jahr 1935 den im April 1933 von der Reichsregierung erlassenen Arierparagraphen nicht an, so dass während der Nazizeit niemand wegen „seiner Rasse“ diskriminiert oder entlassen wurde.

Pfarrer Karl Christian Hofmann, der Vorsteher des Diakonissenhauses, wusste, dass mit der Abzeichnung des nationalsozialistischen Regimes am Horizont 1932 eine „Bedrängung für die christliche Gemeinde“ kommen würde. Als Adolf Hitler Reichskanzler wurde, sagte er zu Oberin Elly Schwedtke: „Das gibt Krieg! Wir müssen Vorräte anlegen.“

Trotzdem schrieb er im Schwesternbrief vom 11. April 1933: „Nach allem, was jetzt geschieht, ist der Ausdruck nationale Revolution treffend und richtig. Damit kommt zum Ausdruck, dass wir nicht am Ende einer Entwicklung stehen, sondern am Anfang und dass es noch in unserem Volk brodelt und gärt wie im Most. Wenn nur klarer und edler Wein herauskommt! Deswegen wollen wir die Hände falten und weiter bitten, dass Gott der Herr unseren alten Reichspräsidenten und die jetzt verantwortlichen Führer des deutschen Volkes segnen und in seiner Zucht halten wolle, damit sie in allen tun, was vor Gott recht ist.“

Nach drei schweren Fliegerangriffen schrieb der gleiche Pfarrer am 29. März 1944 im Schwesternbrief: „Von der geliebten Kirche stehen nur noch die Mauern (…), kein Altar, keine Kanzel, keine Orgel, kein Gestühl mehr. Gott, der Herr, hat die Stätte Seiner Anbetung uns genommen. Das verstehen wir nicht.“

Hysterie als Frauenkrankheit

Ende des 19. Jahrhunderts plagten die Menschen: Lungentuberkulose, Typhus, Influenza (oft epidemieartig), Knochenentzündungen, Polyarthritis rheumatica, Brustfellentzündungen, Bronchitis und Magenkatarrhe. Die Modekrankheiten waren Nervenschwäche, Manie, Melancholia und die als reine Frauenkrankheit diagnostizierte Hysterie.

Es wurde sogar der Plan diskutiert, ein Heim für weibliche Gemüts- und Nervenkranke zu erbauen, „wofür ein großes Bedürfnis in Frankfurt gesehen wurde“. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs litten die weiblichen Patienten auch an Bleichsucht bzw. Chlorose. „Diese ‚Jungfrauenkrankheit‘ korrespondierte mit dem zeittypischen Frauenideal der blassen und schwächlichen Frau“ um die Jahrhundertwende.

1914 richtete das Diakonissenhaus auf insgesamt 17 externen Stationen Lazarette für Kriegsverwundete ein. Das doppelseitige Foto am Ende der handwerklich sehr gut gemachten und lesenswerten Festschrift zeigt Schwester Anna Heitz und Schwester Emma Rosenbaum inmitten von türkischen Verwundeten.


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