Gesichtet

Buchmesse für Meinungsfreiheit?

Die Frankfurter Buchmesse hat eine mehr als 500-jährige Tradition und zieht jedes Jahr hunderttausende Besucher an. Ich gehörte bislang nicht dazu – ziemlich kulturbanausenhaft und ein Umstand, den ich dieses Jahr dringend ändern wollte.

Dies umso mehr, als dass auf der Frankfurter Buchmesse neben zahlreichen sympathischen christlich-konservativen Verlagen auch die Junge Freiheit, Antaios, Manuscriptum und der Jungeuropa-Verlag zu den Ausstellern zählen und natürlich auf Leser und Interessenten warten.

Ein fahrlässiges Sicherheitskonzept

Also wagte ich am Samstag, dem ersten Publikumstag, den Besuch. In der U-Bahn-Station Frankfurt-Messe angekommen, erwartete mich nach dem obligatorischen Ticketkauf zunächst die erschreckend lasche Sicherheitskontrolle. Wohl auf Grund der abertausenden Besuche wurde auf ein Abtasten verzichtet und lediglich ein flüchtiger Blick in den Rucksack riskiert. Es wäre ein Leichtes gewesen, eine Pistole oder Sprengstoff in die Messe einzuschleusen.

Unvorstellbar, was ein Attentäter dort hätte anrichten können. Das „Sicherheitspersonal“ bestand dann im Wesentlichen aus jungen Frauen und Studenten, die zum Teil schon mit den Tücken des Alltagsbetriebs einer derart überlaufenen Messe überfordert schienen, was man ihnen auch kaum verdenken kann. Jedes Verständnis fehlte mir auch für zwei Messebesucher, die in vollständigen, enorm detailgetreuen paramilitärischen Uniformen mit Sturmhaube und Gefechtshelm erschienen.

Der eine erinnerte regelrecht an den Attentäter von Halle. Die Eigen- und Fremdgefährdung, die von solchen Verkleidungen im Ernstfall auf einer derartigen Veranstaltung ausgeht, sollte eigentlich auf der Hand liegen. Dass den Personen der Zutritt trotzdem gewährt wurde, ist ein weiterer Offenbarungseid für das Sicherheitskonzept.

Von Yücel, Kurden und Amnesty International

Nach der Kurzkontrolle bewegte ich mich in Richtung Halle 4.1, wo die rechten Verlage auf der „Buchmesse für Meinungsfreiheit“ in einer Sackgasse angesiedelt wurden. Der Weg dorthin war auf Grund der Menschenmassen und der etwas verwirrenden Ausschilderung kein leichtes Unterfangen. Von einem gläsernen Durchgang aus blickte ich hinunter auf den Messehof, wo sich neben mobilen Restaurantwagen, einem kleinen knallroten TAZ-Stand und Amnesty International auch eine Protestaktion gegen Bücherverbote in der Türkei abspielte.

Im weiteren Tagesverlauf, so erfuhr ich aus Twitter, wurde auch die ARD-Bühne von kurdischen Feministinnen kurzzeitig besetzt. Auf der Veranda oberhalb des Hofes entdeckte ich einen vor Fernsehkameras gestikulierenden Deniz Yücel – sozusagen als Begrüßung für meinen ersten Buchmessebesuch.

Cosplayer auf Sinnsuche?

Auf dem schier endlosen Weg zur den rechten Verlagen fielen mir darüber hinaus die erstaunlich zahlreichen, nahezu überall auftauchenden „Cosplay“-Verkleideten auf. Neben eher peinlichen und sogar abstoßenden, die eigene Körperrealität verkennenden Verkleidungsversuchen waren auch wirklich kunstvolle, unheimliche, sinnliche und lustige Verkleidungen dabei. Insgesamt erschienen mir die mehrheitlich noch sehr jungen Leute, deren Zentrum der eindeutig unterdimensionierte Manga- und Cosplay-Bereich in Halle 4.0 war, als eher unglücklich und auf der Suche nach etwas, das sie selbst nicht so recht beschreiben können.

Viele saßen mit ausdrucksloser bis trauriger Miene auf dem Boden und die zahlreichen umgebundenen „Free Hugs“-Schilder wirkten angesichts der breiten Nichtannahme des Angebots irgendwie hilflos. Insgesamt ein Fluchtversuch in eine andere Welt von einer Jugend, die materiell alles hat und in einem ideell verarmten Zeitalter mit völlig unklarer Zukunftsperspektive aufwächst?

Beim Bier über die Regierung schimpfen

In der Halle 4.1 hätte es jedenfalls eine Antwort auf die Sinnfrage im Hier und Jetzt gegeben. Dort machte die Junge Freiheit mit einem hohen Standbanner elegant auf sich aufmerksam, so dass zumindest diejenigen, die zu den rechten Verlagen wollten, diesen Weg auch fanden. Insgesamt war es durchaus voll in der „rechten Ecke“.

Zahlreiche Patrioten waren vor Ort und es war eine besondere Freude, Bekannte wiederzutreffen, die man schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Auch neue Bekanntschaften wurden geschlossen und das kostenlos bei Antaios ausgegebene ostdeutsche Flaschenbier ermöglichte tatsächlich das zuvor proklamierte Motto, beim Bier gemeinsam ausgiebig über die Regierung zu schimpfen, Realität werden zu lassen.

Reden mit Linken

Insbesondere der JF-Stand und die dortigen Podiumsdiskussionen zogen Besucher an und der stetige Strom hin zu und weg von den Ständen von Antaios, Jungeuropa Verlag, JF und Manuscriptum deutete darauf hin, dass doch auch viel Durchschnittspublikum einmal in die dunkle Ecke hineinschauen wollte. Umgekehrt wollten sich auch die Gäste, die eigens für die nonkonformen Verlage angereist waren, nicht in ihrem Milieu einmauern und besuchten auch andere Hallen und Verlage.

Dabei kamen durchaus auch interessante und konstruktive Diskussionen an linken Ständen zustande – zumindest solange, bis den dortigen Standbetreibern offenbar wurde, dass ihr Diskussionspartner ein Rechter war und das Gespräch oft abrupt beendet wurde.

Ein weltoffener Rucksack

Besonders interessant war für mich noch die Halle 3.1, in der die religiöse Literatur untergebracht war. Neben zahlreichen evangelikalen Missionswerken war auch der DVCK e.V. um Mathias von Gersdorff vor Ort, der eine wichtige Stimme des traditionellen Katholizismus darstellt.

Einen großen Stand hatte auch die finanziell gut ausgestattete Ahmadiyya-Gemeinde. Neben einer Biographie von Sun Myung Moon, dem Gründer der Moon-Sekte, packte ich auch ein interessantes Werk von Sufi-Muslimen ein, sodass mein Bücher-Rucksack am Ende ein so weltoffenes und buntes Sammelsurium darstellte, dass man ihn womöglich als Ausstellungsstück für einen liberalen, vielfältigen Geist am Stand der Amadeu Antonio Stiftung hätte gebrauchen können – wären da nicht auch noch die Werke von Ellen Kositza und dem Jungeuropa Verlag. Sozusagen das „Ostpack“ in meinem Eastpack.

(Bild: Buchmesse 2018 mit Deniz Yücel, von: Birte Fritsch, CC BY 2.0)


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