Rezension

Der absolute Gegenstoß

Slavoj Žižek holt zum absoluten Gegenstoß aus. Sein Opfer ist der Materialismus. Zwischen hegelianischer Dialektik und lacanianischer Analyse hat dieser wenig zu lachen.

Als Enfant terrible der zeitgenössischen Philosophie hat Žižek die für sich ideale Existenz gefunden. Alljährlich wirft er ein Buch auf den Markt, in dem er die Welt erklärt und sie sich gerne so macht, wie sie ihm gefällt. Letzteres ist jedenfalls immer Teil der Kritik akademisch etablierter Philosophen, denen auch Žižeks häufige Wiederholungen ein besonderer Dorn im Auge sind. In seinem aktuellen Werk, in dem er nichts weniger als den „Versuch einer Neubegründung des dialektischen Materialismus“ unternimmt, ist von diesen Wiederholungen indes keine Spur.

Zudem sollte auch niemand annehmen, es hier mit einem der eher politischen Bücher Žižeks zu tun zu haben. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Fortsetzung seines 2014 erschienenen Werkes Weniger als nichts. Der Slowene mit dem zotteligen Bart und der ungepflegten Haartracht liefert also schwere philosophische Kost. Die gewisse Sperrigkeit seiner Formulierungen kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier mehr als die Hegel von Schopenhauer vorgeworfene „Windbeutelei“ betrieben wird. Dieses Mehr hat für Žižek seine ganz praktische Ursache im Leben des Menschen und seinem Sein in der Welt, was ein immer wiederkehrendes Motiv in seinem Gesamtwerk ist und in Die Tücke des Subjekts bis ins kleinste Jota ausbuchstabiert wurde.

Die wahrgenommene Realität ist nicht neutral

Wer das Gesamtwerk Žižeks nicht kennt, der wird Absoluter Gegenstoß zwar etwas abgewinnen können, aber die Kenntnis des Gesamtwerks ist in jedem Fall eine wichtige Verständnishilfe. Ansonsten gerät die Lektüre bereits nach wenigen Seiten zu einer mühsamen Wanderung durch dichte Nebelbänke, bei der sich die Orientierung schnell verlieren lässt.

Für diese Orientierung ist es wichtig, Žižeks Fixsterne zu kennen. In Gestalt von Hegel und Lacan markieren sie die Spurbreite seiner intellektuellen Wanderungen. So ist beispielsweise auch der Titel dem zweiten Teil der „Wissenschaft der Logik“ Hegels entnommen. Darin heißt es: „Die Reflexionsbestimmung, indem sie zugrunde geht, erhält ihre wahrhafte Bedeutung, der absolute Gegenstoß ihrer in sich selbst zu sein, nämlich dass das Gesetztsein, das dem Wesen zukommt, nur als aufgehobenes Gesetztsein ist und umgekehrt, dass nur das sich aufhebende Gesetztsein das Gesetztsein des Wesens ist.“

Auch eingefleischte Philosophen haben mit Zeilen wie diesen ihre liebe Mühe. Für  Žižek bedeuten sie, dass „in einer Reflexionsbeziehung […] jeder Begriff (jede Bestimmung) durch einen anderen (sein Gegenteil) gesetzt (vermittelt)“ wird. Trivial formuliert kann es also in Žižeks von Hegel übernommenem Weltbild das Licht nicht ohne die Dunkelheit, die Kälte nicht ohne die Hitze oder die Höhe nicht ohne die Tiefe geben. Weil die genannten Begriffe aber Menschenwerk sind, ist dann auch nur ein subjektiver Zugang zur Realität möglich. Eine neutrale Existenz der Realität ist für Žižek ausgeschlossen.

Sand im Getriebe

Deshalb erscheint ihm auch ein direkter Zugang des Menschen zur Realität nicht möglich, sondern lediglich eine Annäherung, die transzendental überdeterminiert ist: „Wie sehr es mir auch gelingt, mich als ein Phänomen innerhalb der ‚großen Kette des Seins’, als von einem Netzwerk natürlicher (oder übernatürlicher) Ursachen determinierte Wirkung darzustellen, dieses kausale Bild ist immer schon durch den transzendentalen Horizont überdeterminiert, der meine Annäherung an die Realität strukturiert.“

Das bedeutet im letzten Schluss die Wahrnehmung der Welt im Rahmen der eigenen Lebenswirklichkeit, was ideologische Prägungen, wie sie bei Žižek immer wieder durchscheinen, ausdrücklich einschließt. Lacan, Žižeks zweiter Fixstern, hatte es ähnlich gesehen, als er in „Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten“ schrieb: „Da ist allerdings Sand im Getriebe […]. Damit er [der Kastrationskomplex] genau das ist, was uns hier interessiert, strukturbildend für das Subjekt, konstituiert er wesentlich jene Spanne, die alles Denken vermieden, übersprungen, umgangen oder zugepappt hat.“

Die Determination der Wahrnehmung der Wirklichkeit kann also auch diese Wirklichkeit beschädigen. Der Mensch weiß dann nicht mehr, was wirklich ist, sondern muss sich darauf verlassen, dass seine Annahmen über die Wirklichkeit zutreffen. Das ist linke Ideologie im wahlweise besten oder schlechtesten Sinne. Am Ende lässt diese Geisteshaltung problemlos zu, dass sich die Sonne um die Erde dreht oder der Regen von unten nach oben fällt.

Absolute Infragestellung des eigenen Denkens

Žižek wäre es hoch anzurechnen, wenn sich sein absoluter Gegenstoß gegen diese fehlgeleiteten materialistischen Annahmen richten würde. Dann aber müsste er sein linkes Weltbild aufgeben, dessen Verteidigung in neun Kapiteln auf fast 600 Seiten zuweilen sehr vergnüglich erscheint. Denn Žižek wäre nicht Žižek, wenn er die mitunter als Krankheit zum Tode wirkende Philosophie nicht im unterhaltsamen Sinne verstehen würde. Das wirkt sehr anregend für das eigene Denken jedes Lesers, das auch dann rücksichtslos in Frage gestellt wird, wenn es Žižeks ideologische Grundkonstante teilt.

Hier ist der Philosoph ein absoluter Denker, der „das radikale Zusammenfallen von Gegensätzen, bei dem die Aktion als ihre eigene Gegenaktion erscheint“ als freudigen Anlass zum Denken ernst nimmt. Sein Gegenstoß betrifft dann nicht nur den Kapitalismus, der für ihn eine „rein virtuelle Idee“ ist, die aber dennoch den realen Menschen betrifft. Er zielt ab auf das Weltverständnis jedes Einzelnen und kann nur in diesem Sinne überhaupt zu einem allgemeinen ontologischen Prinzip werden. Žižeks Buch einfach nur als Kapitalismuskritik zu lesen, wäre deshalb zu kurz gegriffen. Vielmehr richtet sich die Kritik gegen Menschen, die Geld als Subjekt ansehen und sich davon ihr Leben bestimmen lassen. Eine solche Weltsicht vernichtet schließlich jede Verbindung zur Realität, so subjektiv sie auch sein mag.

Slavoj Žižek (2016): Absoluter Gegenstoß. Versuch einer Neubegründung des dialektischen Materialismus. S. Fischer, Frankfurt/M. 556 Seiten. 28 Euro.

(Bild: Secom UnB, flickr, CC BY 2.0)

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Jahrgang 1986, hat Soziologie und Politikwissenschaft studiert und lebt als selbständiger Autor in Köln. Für die Schriftenreihe BN-Anstoß hat er bereits zwei Bände beigesteuert: Geopolitik. Das Spiel nationaler Interessen zwischen Krieg und Frieden (2015). Sowie: Die ganze Wahrheit. Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument (2016).

1 Kommentar zu “Der absolute Gegenstoß

  1. Theosebeios

    Potz, das ist ja ein richtiger philosophischer Artikel!
    Hr. Breuer lässt sich allerdings (ein wenig) zu sehr von dem großen Rhetoriker u. Begriffsrabulisten beeindrucken. Habe mich seinerzeit durch »Weniger als nichts« gequält u. gestehe, etwa die Hälfte der über 1000 Seiten überblättert zu haben – ermüdet von den zahlreichen Wiederholungen u. dialektischen Alfanzereien.
    »Eine neutrale Existenz der Realität ist für Žižek ausgeschlossen.« Mein Gott, wie viele haben das schon behauptet! (Aber wohl keiner so wortreich wie Z.) Man lesen z.B. die Schriften des Soziologen Karl Mannheim.
    »die Kenntnis des Gesamtwerks ist in jedem Fall eine wichtige Verständnishilfe. Ansonsten gerät die Lektüre bereits nach wenigen Seiten zu einer mühsamen Wanderung durch dichte Nebelbänke, bei der sich die Orientierung schnell verlieren lässt.«
    Eben das spricht eindeutig gegen Z. Er kann sich nicht verständlich machen (»vermitteln«), egal, ob man nun die 500 S. des neuen oder 1000 Seiten des Werks von 2014 liest, nein 10.000 sollten es sein.
    Der englische Philosoph Sir Roger Scruton (»Green Philosophy«), der sich ausgiebig mit den sich als kommunistisch verstehenden Philosophen Badiou u. Z. beschäftigte, stellt am Ende die berechtigte Frage, ob Z. das selber ernst meint, was er schreibt. Vielleicht amüsiere er sich über die Heerschar seiner Jünger, die viel Lebenszeit vergeuden, um sein »anspruchsvolles« Werk zu verstehen. Bei Z. habe ich die bildhafte Vorstellung eines Wasserfalls: rauschend, für manche berauschend. Der Wasserfall ist jedoch nicht in der Lage, einen einzigen feinen klaren Wasserstrahl hervorzubringen.
    Aber ich mag natürlich keinen vom Lesen abhalten. Denn lesen bildet 🙂

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