Gesichtet

Die Deutschen und ihre Geschichte

Wer meint, den westlichen Demokratien sei die Idee der Staatsreligion abhanden gekommen, wird diese Ansicht spätestens nach genauerer Betrachtung der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland überdenken müssen.

Der Kelch der dauernden politischen, wirtschaftlichen und militärischen Paralyse ist an Deutschland zwar vorübergegangen. Im Angesichte des heraufziehenden Kalten Krieges erschien die materielle Wiederaufrichtung der Deutschen sinnvoller als ihre dauerhafte Niederhaltung. Umso mehr ist dafür aber das Verlangen erkennbar, diese Nation moralisch einzuengen. Bemerkenswert ist wohl, dass die Anregungen dazu heute hauptsächlich von den hiesigen politisch-sozialen Eliten selbst ausgehen, was nur dadurch erklärt werden kann, dass ihr Herrschaftsanspruch heute eben auf dem Anspruch ruht, das zu verkörpern, was als wahre Lektion der Geschichte zu gelten habe.

Vergangenheit, die nicht vergehen will

Zur Aufrechterhaltung dieses Herrschaftsanspruchs bedarf es daher der dauernden Präsenz des »Dritten Reiches« in allen Winkeln des öffentlichen Lebens. Diese Aufgabe erfüllt die »Vergangenheitsbewältigung«. Dabei offenbart schon dieser Begriff die nackte Lust an der Irreführung. Zu keiner Sekunde ging es darum, die nationalsozialistische Vergangenheit im eigentlichen Sinne des Wortes zu bewältigen, sondern vielmehr darum, sie im Sinne moralisch-politischer Bemächtigung zu konservieren.

Auch hierin mag gewissermaßen eine Spielart des »deutschen Sonderweges« liegen: Während sich die Eliten anderer Länder durch die Emporhebung des eigenen Volkes und seiner Geschichte legitimieren, erreicht das heute in Deutschland herrschende Establishment dies durch die Degradierung des eigenen Volkes zur hermetischen Buß- und Sühnegemeinschaft. Es ist daher in seinem eigenen Interesse unabdingbar, an der Verengung des Blicks auf die deutsche Geschichte auf die zwölf Jahre des Nationalsozialismus festzuhalten und das Urteil über die Kriegsgeneration immer möglichst harsch ausfallen zu lassen.

Im Ausland werden historische Schuldfragen kontrovers diskutiert

Dies treibt zum Teil seltsamste Blüten. Während man in Deutschland krampfhaft die eigene Schuld betont, fallen die Bewertungen der Hintergründe beider Weltkriege bei den ehemaligen Kriegsgegnern zuweilen überraschend vielseitig aus. Doch sind solche Sonderheiten keine Überraschung, wenn sich die Eliten eines Landes hauptsächlich über Schuld und Niederlage des eigenen Volkes identifizieren und legitimieren. Was für die Vereinigten Staaten der Unabhängigkeitskampf gegen die britische Krone, was für Frankreich die Revolution gegen das Ancien Régime, das ist heute für die Bundesrepublik Auschwitz.

Außer Zweifel steht trotzdem, dass die Bundesrepublik zumindest in ihrer frühen Phase geleitet war von ehrlichem nationalem Anliegen. Doch natürlich konnte sich das Bemühen um Deutschland im Anschluss an die totale Niederlage nur in den engen Korridoren bewegen, die das Regiment der Besatzer offen gelassen hatte. Ein Ende der Demontagen, die Heimkehr der Gefangenen, die Wiedererlangung rudimentärer Souveränität – um viel mehr  konnte es zunächst nicht gehen. Im schroffen Gegensatz dazu steht nun die heutige Situation, in der die politischen Eliten des Landes selber Sachwalter der Niederlage sind.

Armin Mohler: Von der Läuterung zur Manipulation

Armin Mohler beschrieb bereits in den 1960er Jahren die Praxis der damals aufbegehrenden Linken, den permanenten Verweis auf die nationalsozialistische Vergangenheit als Grundlage des eigenen Macht- und Gestaltungsanspruch zu nutzen. Für sich selbst beanspruchte sie die Rolle als Erbe der Opfer, ihre Gegner – also praktisch jeden, der aus ihrer Sicht den bürgerlich-konservativen Status quo verkörperte – drängte sie in die Rolle als Erben der Täter.

Derselbe suggestive Kniff macht es heute jenem Komplex aus politischen, sozialen und medialen Eliten möglich, den eigenen Machtanspruch durch die Inbesitznahme jenes »Gedenkens« gegen Kritik und Gegenbewegungen abzusichern. Keinesfalls verfolgt all dies das Ziel, einer Heilung der Erfahrung des »Dritten Reiches« im Sinne eines aufrechten geschichtlichen Fortschreitens zuzuarbeiten, sondern die historisch-moralische Niederlage des deutschen Volkes für alle Zeiten festzuschreiben und gewinnbringend zu verwalten.

Man darf erwarten, dass derartige Exzesse an der geistigen Verfasstheit eines Volkes ihre Spuren hinterlassen, und tatsächlich findet diese Erwartung schnelle Bestätigung. So hat die »Vergangenheitsbewältigung« als Fortsetzung der alliierten Reeducation mit anderen Mitteln längst einen neuen Typus des »anständigen Deutschen« hervorgebracht – den Nachtreter, der überall hinlangt, wo deutscher Geist heute noch die Kraft und den Mut zu substanzieller Selbstbehauptung aufbringt.

Seit wann sind die Deutschen böse? Seit Luther oder schon seit Arminius?

Wer einige Zeit lang den politischen und öffentlichen Betrieb der Bundesrepublik verfolgt, vermag sich schnell die wichtigsten Namen der hiesigen Bewältigungs-Elite einzuprägen. Schaurige Geßler-Hüte, bis ins Knochenmark neurotisierte Moralisten, deren Groll jeder auf sich lädt, der Fragen stellt oder Zweifel äußert. Stets umtriebig darauf bedacht, dass kein Tag vergehe, an dem der Deutsche nicht auf Hitler zurückgeworfen wird, immerzu besorgt, die Beschattung des »Volkes der Täter« durch das Ausland könnte nachlassen.

Ihr Eifer gilt der Frage, wo genau die immer beschworene teutonische Schlechtigkeit ihren Anfang nahm – bei Bismarck, bei Friedrich, bei Luther oder doch schon bei Arminius? Die Festlegung derartiger Entwicklungslinien ist dabei so willkürlich, wie aus diesem Taschenspielertrick abgeleitete politische Forderungen – Verzicht auf nationale Identifikation, offene Grenzen, massenhafte sowie unkontrollierte Einwanderung und schließlich die Transformation des Landes der Deutschen zum multiethnischen Biotop. Immer wittern sie sogleich Gefahr und Verführung, wenn andere Aspekte der deutschen Geschichte ins Zentrum der Betrachtung rücken. Sei es die mehr als acht Jahrhunderte währende Reichstradition, die Befreiungskriege oder die geistigen, kulturellen, wissenschaftlichen und technischen Leistungen dieses Volkes – all dies soll nach ihrem Willen nur noch durch das Tor von Auschwitz betrachtet werden, als Vorlauf zur Barbarei.

Das Volk soll von der Geschichte getrennt werden

Die deutsche Geschichte insgesamt verfällt in dieser mentalen Konstellation der Kriminalisierung, gerät zum widerlegten Irrtum, zur Chronologie von Wahn und Verirrung, sodass jede positive Anknüpfung daran unmöglich wird. Aber was bedeutet es, ein Volk von seiner Geschichte zu trennen? Für jedes Volk bildet das Bewusstsein um die eigene Geschichtlichkeit ein Born, aus dem es immer aufs Neue Kraft zu schöpfen vermag. Diese ist sein inniges Geheimnis, das allen Feinden, Eroberern und Verfolgern verschlossen bleibt.

Kein fremdes Schwert kann es ihm entreißen. Vielmehr sind es gerade materielle Entbehrung und der Druck äußerer Kräfte, die ein Volk dazu verleiten, sich auf sein inneres Selbst zu beziehen. Verliert ein Volk den Bezug zur eigenen Geschichte, so schwindet auch sein Vermögen, sich als geschlossene Einheit zu erhalten. Es kann dann leicht im Kontext fremder Ordnungskonzepte aufgehoben werden, dem eigenen Wesen vollends entfremdet.

Ein Volk, das die Deutungshoheit über die eigene Geschichte verliert, hat für seine Zukunft solange nichts zu hoffen, wie es nicht zur Wiedererlangung dieser Deutungshoheit fähig ist. Diese ist die Voraussetzung für seine Rückkehr zu sich selbst, zur geistigen und in letzter Konsequenz auch politischen sowie existenziellen Selbstbehauptung. Für Deutschland streiten, das heißt heute, sich dieser Suggestion und dem Geifer ihrer Hohepriester und Nutznießer entgegenzustellen.

(Bild: Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer)


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