Rezension

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Neulich nahm ich zum ersten Mal seit meinen Studentenjahren Die Verwirrungen des Zöglings Törleß zur Hand.

Obwohl dieser Kurzroman dem weltberühmten Autor Robert Musil wenig Achtung zu seinen Lebzeiten eintrug, erlangte das Buch nach seinem Tod seinen geeigneten Rang als hervorragendes Kunstwerk. In seinem ersten Roman untersucht Musil das Selbstbewußtsein eines halberwachsenen, aus Wien stammenden Internatsschülers. Was das Interesse daran weckt und zu zahlreichen Übersetzungen und etlichen Verfilmungen führte, ist die Erkennbarkeit des Subjekts an Orten und Zeitaltern, die weit über die schon verwehte Lebenswelt einer wohlhabenden K&K-Geschäftsfamilie um die Wende des letzten Jahrhunderts hinausgreifen. Wie die meisten sachkundigen Interpreten herausstellen, läßt sich das Werk schwer auslesen, ohne den Eindruck zu erleben, daß Musils Porträt von generationenübergreifender Bedeutung ist.

Imaginäre Zahlen und Kant

Die Handlung dreht sich um ein in der Pubertät befindliches Einzelkind, das von seinen Eltern in ein Internat irgendwo in Böhmen geschickt wurde. Der Zielpunkt der Reise trägt keine Benennung, abgesehen von der knappen Bezeichnung „Institut“. Obwohl die Schule mehrere Lehrer hat, trifft der Leser nur auf einen einzigen Artgenossen des Lehrstandes. Er ist ein angehender, in seinem Fach reichlich bewanderter Mathematiker, der Törleß zu seinem Studierzimmer einlädt, um mit ihm über imaginäre Zahlen zu sprechen. Dieser Lehrer ist gesellschaftsscheu und etwas geziert, aber bestimmt nich herrisch. Er rät Törleß, sich weiter in die Feinheiten seiner Wissenschaft zu versenken, damit er seine Fragen verstandesmäßiger angehen könne. Nebenbei macht der Lehrer seinen Zögling auf die Mathematik betreffenden Schriften seines Lieblingsphilosophen Kant aufmerksam. Er betont beschwingt, in welchem Maß er von Kant beeinflusst wurde.

Weniger hervorstechend in dem Roman ist die Steuerung der Schulbehörden, die ohne bemerkt zu werden, ihre Kontrolle leise geltend machen. Diese Behörden setzen Grundregeln fest und gewähren Urlaube, die die Jungmänner gespannt abwarten. Von dem von Franz Kafka, Musils Zeitgenossen, geschilderten bürokratischen Alptraum sind diese Behörden frappant zu unterscheiden. Sie bilden keine bedrohliche Gegenwart, die das Dasein ihrer glücklosen Untertanen miesmacht. Sie bewirtschaften den Betrieb wie ein Regelwerk, das waltet, ohne aufdringlich zu sein.

Bisexuelle Antriebe

Die zwei Thematiken des Romans sind die sadistische Beziehung von Törleß zu seinen Kommilitonen, Beineberg und Reiting, zu einem geldverschwendenden Kameraden Basini und das gequälte Innenleben des Protagonisten in dem Institut. Sonderlich unverschämt ist die Manier, nach welcher die drei mit ihrem Prügelknaben Basini umgehen. Nachdem der Versager seine Schuld nicht zurückzahlen konnte oder wollte, verhauen die anderen ihn und hämmern  ihm ein, daß er jetzt „ihr Sklave“ sei. Die Homoerotik ist dieser durchgängig sadistischen Behandlung beigemengt und Torleß kann sein Verhältnis zu Basini nicht durchdenken, ohne bei seiner überwältigenden Sinnlichkeit beschämt zu verweilen.

Ehe diese Neigung Boden gewinnt, läßt sich Törleß in eine erotische Beziehung zu einer zwielichtigen Frau in einem benachbarten Wirtshaus ein. Bei seinem Frühlingserwachen ergreifen Törleß bisexuelle Antriebe. Seine Selbstfindung entfaltet sich in einem Spannungsfeld von bipolaren Kräften. Sein Gefühlsleben und die mitunter ihm dämmernde Rationalität ringen miteinander.

Diktatorische Institutionen?

Das Herzstück des Werkes befaßt sich mit den Träumen und dem Sinnieren des Protagonisten, als er vor sich hindämmert oder in seinem Bett schlummert. Man muß dazu wissen, daß Musil (der seines Zeichens Ingenieur war) auf seine Schriftstellerei sich verlegte, als Freud im selben Land die erotischen Motive unserer Traumbilder und -erzählungen bloßlegte. Die Ausforschung von sexuellen Antrieben und deren Nachwirkung auf unsere Verhaltensweise bildeten ein führendes Thema der damaligen Kultur. Beispiel dafür liefern Freud, Frank Wedekind, Otto Weininger, und sogar in Ansätzen Schopenhauer und Nietzsche. Musil war also bei weitem kein Pfadfinder in diesem Ideengestrüpp.

Wegen der unverkennbaren Stichpunkte des Romans muß der Leser mit Erstaunen in Wikpedia erfahren: „Mit Hilfe der psychologischen Darstellung der Pubertät von vier Schülern spiegelt der Roman modellhaft autoritäre Gesellschaftsstrukturen wider, indem er einen Zusammenhang zwischen psychischer Disposition und diktatorischer Institution herstellt.“ Ein unbefangener Erforscher dürfte den Band wochenlang aufarbeiten, ohne diese sonderbare Auffassung festzustellen. Basini steht seinen sadistischen Kollegen zur Verfügung und findet an seiner Selbsterniedrigung ein abartiges Vergnügen. Er handelt so aus eigenen Trieben, nicht weil eine „autoritäre Gesellschaftsstruktur“ ihn dazu antreibt.

Als Erwachsener treibt Törleß eine abgesonderte schöngeistige Existenz mit wenig zwischenmenschlichen Kontakten. Doch seine homoerotischen Erinnerungen lassen ihn nie völlig los, auch wenn er bestrebt ist, über sie mit Gelassenheit nachzusinnen. Als er seiner Lehrer am Institute gedenkt, zaubert er weltferne Wesen hervor, „die hinter ihren Brillen harmlos wie Schäfchen weideten, als sei das Leben nichts als ein Feld von Blumen ernster Erbaulichkeit“. Obwohl die arglosen Gelehrten Törleß zu seiner aufgewallten Pubertät bestimmt nicht zurüsteten, wäre es lächerlich, sie als „autoritär“ einzustufen. Die angeführte Behauptung aus Wikipedia gewährt keinen Einblick in die Gedankenwelt von Torleß oder Basini.

Geisteskrank?

Auch nicht Wasser auf die Mühle des Wikipedia-Rezensenten ist die Szene im letzten Kapitel, als der Institut-Vorstand Basini ausweist und die Eltern von Törleß anweist, sich mit dem Sohn nach Hause zu begeben. Das erdrückende, abgelegte Zeugnis von Basinis Verkehrtheit, wie übertrieben und auf Indizienbeweisen beruhend es auch sein mag, erweist sich als ausschlaggebend. Es ist nicht einmal vorstellbar, daß irgendwelche Lernanstalten wo auch immer zu dieser Zeit einem Studenten seine Laster erlassen hätten, wenn derlei Belastungsmaterial erbracht worden wäre.

Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wird Törleß zum Verhör Basinis als Augenzeuge herbeigeholt. Ohne Zweifel wäre er ungeschoren davongekommen, wäre er nicht arg ausgerutscht. Statt die ihm gestellten Fragen anzugehen, fantasiert er über sein seinsphilosophisches Erwachen, worin seine Beschäftigung mit „imaginären Zahlen“ eingewoben ist. Die Zuhörer rechnen diese Ergüsse einer Törleß überfallenden Geisteskrankheit an und fordern die Eltern auf, den rasenden Sohn persönlich zu betreuen.

Schwer wäre es im Hinblick auf seine Geisteslage, den Jungmann fortzubilden. Aus dem Standpunkt Wikipedias mag man schlußfolgern, daß der Vorstand nicht genug Verständnis zeigte. Bei alldem mutet Törleß’ „lautgewordenes Denken“ so abgehoben an, daß die nachträglichen Ratschläge begründet vorkommen. Nach seinen Abschweifungen über „etwas Dunkles in mir, unter allen Gedanken, das ich mit dem Gedanken ausmessen kann“, würde ich zustimmen, daß der Befragte „eine sorgsamere Überwachung seiner geistigen Nahrung“ braucht. Ebenso angesagt wäre ein gut dosiertes Valium.

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