Gesichtet

Ein Museum für die entartete Gesellschaft

Die Kunst hat uns längst daran gewöhnt, dass im Museum auch Platz für Absonderliches ist. Woran wir uns nicht zu gewöhnen brauchen, ist das Absonderliche, was unsere so zivile, vielfältige und offene Gesellschaft in ihre Museen einbringt.

Terrorattentate ziehen grundsätzlich Peinlichkeiten nach sich. Das Attentat von Barcelona vom 17. August z.B. generierte spontan eine ungeheure Masse, bestehend aus Schriftstücken, Plüschtieren, Blumen, Plastikblumen, Altären, Kerzenresten sowie anderweitigem, ebenfalls sentimental durchweichtem Müll.
Die Betroffenheit der Erzeuger dieses Mülls stand dabei in keinem Verhältnis zum Faktum der Peinlichkeit dieser ganzen Akkumulation. Da diese immer mehr anwuchs und so den Stadtwerken langsam zum Problem wurde, musste eine Entscheidung getroffen werden, wohin damit. Einige dieser Absonderungen der zivilen Gesellschaft wurden tatsächlich für Müll befunden und dementsprechend entsorgt bzw. wiederverwertet.

Einige Tausend Objekte jedoch wurden als Zeugnisse dieser denkwürdigen Spontanreaktion der zivilen und offenen Gesellschaft für erhaltungswürdig deklariert. Darunter fiel eine Auswahl ebenbesagter Schriftstücke, Plüschtiere und Plastikblumen. Sie sollten der Zukunft zur Mitteilung dienen, wie toll demokratisch gerührt und bewegt alle gemeinsam gegen den Terrorismus zusammenstanden unter dem Lemma: „Wir haben keine Angst.“

Demokratische Geschichtskultur musealisiert ihren Müll

Die Archivare und Konservatoren, die mit der wichtigen Aufgabe der Erhaltung dieses ganz besonders absonderlichen Teils demokratischer Geschichtskultur betraut waren, machten – wenigstens fürs Fernsehen – ihrem Namen alle Ehre: Da wurde mit Samthandschuhen angefasst, mit Pinselchen und speziellen Konservierungsmitteln zu Werke gegangen, inventarisiert, konserviert und katalogisiert, was das Zeug hält, so, als ob es darum ginge, der Nachwelt die Erhaltung unwiederbringlicher Kulturgüter zu sichern.

Der durch die demokratischen Gewissen und Geschichtskultur verklärte Abfall absonderlicher Kulthandlungen bekam eine politische und soziale Bedeutung, wie sie ehedem nur den Gebeinen und Reliquien Heiliger zukam. Und tatsächlich waren es Reliquien, welche, auf ihre wundertätigen Eigenschaften hin geprüft, Eingang fanden in die geheiligten Hallen des demokratischen kollektiven Bewusstseins.

Es sollte tatsächlich ein Museum geben, in welchem die charakteristischsten Äußerungen unserer demokratischen Gesellschaft ausgestellt werden. Anstatt einer Selbstbeweihräucherung von Zivilgesellschaft und Demokratie anhand ihres verklärten Mülls – die demokratische Selbstbeweihräucherung, d.h. das demokratische Eigenlob, stinkt übrigens genauso gewaltig, bis zum Himmel nämlich, wie der demokratische Müll – gäbe es hier freilich eine ganz andere Darstellung, und zwar eine solche, die auf die Scham und die Schande abzielt. Während der Ausstellung sollten die Leute sich nicht demokratisch beschwingt fühlen, nicht etwa gerührt sein, sondern zutiefst peinlich berührt werden, dass sie sich verschämt umschauen müssen ob all der Schande, die sie umgibt.

Pseudologische Ableitungen und Sophismen

Was sind es nun für Objekte und Dokumente, die in so ein Museum der Scham und der Schande Aufnahme finden können? Es sind vor allem Zeugnisse für unseren Zeitgeist, die schön anschaulich dafür sind, wie tief wir gesunken sind. Sie sind so überaus zahlreich und allgegenwärtig, dass ich jeden nur dazu einladen kann mitzumachen. Auf einer Viertelstunde Fußweg von meinem Haus zu einer Universitätsbibliothek habe ich ein für den Zeitgeist ganz charakteristisches Dokument gefunden: Ein Plakat an einer Bushaltestellte, auf dem stand: „Wenn du dich an unserem Kulturerbe – meine Heimatstadt Salamanca ist Weltkulturerbe – vergreifst, vergreifst du dich an uns allen.“

Das Plakat könnte für ein Kabinettstück in des Soziologen Vilfredo Paretos Museum – d.h. seine Allgemeine Soziologie – pseudologischer Ableitungen gelten. Und tatsächlich handelt es sich um den von Pareto so genannten „Sophismus der Verteilung“, bei dem es darum geht, argumentativ zu beweisen, was sowieso schon von vornherein feststeht:

„Angenommen: ein Individuum, das ein Teil eines Kollektivs ist, und eine Handlung A begeht, die der Gesellschaft schadet. Zu beweisen: dass es, wenn es nur seinem persönlichen Interesse folgt, seinen Vorteil dabei findet, sich dieser Handlung zu enthalten. Dazu bemerkt man, da das fragliche Individuum Glied der Gesellschaft ist, wird es auch an dem dieser zugefügten Schaden beteiligt sein. Daraus schließt man dann, dass die Handlung A ihm schadet, und dass, wenn es sie dennoch vollzieht, das nur aus Unwissenheit geschehen kann. Daraus folgt das Prinzip, nach dem die Irrtümer der Menschen über das Wesen des Guten der Ursprung alles Bösen sind.“

Belehrungen und Überredungsversuche statt Strafe

Die Überlegungen, die Pareto für diesen „Sophismus der Verteilung“ angibt, gehen sämtlich davon aus, dass die Leute sich normalerweise gut betragen wollen, es aber nicht immer können, weil sie nicht entsprechend belehrt, d.h. überredet worden sind. Zum Zwecke eben dieser Überredung werden Vernunft, Moral und Nutzen durcheinandergeworfen, wobei der Eigennutz argumentativ die Oberhand behält: du tust dir selbst weh.

Der Fehler liegt darin, zu glauben, den Anfang machen, überzeugen, aufklären und auf das Gewissen von Übeltätern einreden zu müssen, wo es eigentlich um ureigenste Interessen geht, die nötigenfalls auch mit roher Gewalt durchgesetzt werden müssen. Auch haben die meisten Menschen keine Bedenken, die von einer etwaigen Moral oder Vernunft herrühren könnten, die sie daran hinderten, anderen oder der Gesellschaft Schaden zuzufügen.

Zündet z.B. ein aus irgendeinem Grunde frustrierter Moslem eine Madonnenfigur aus dem 17. Jahrhundert an – so geschehen in einem spanischen Dorf –, so kann man dergleichen Aktionen nicht durch zuvorkommende Beseitigung womöglicher Frustrationsfaktoren begegnen. Es muss von vornerein klar sein, dass, wer ein Heiligenbild, ein Kulturgut oder sonst einen hierzulande geschätzten und geschützten Gegenstand schändet, Vergeltung und Strafe zu erwarten hat. Ein Schmierfink und Kritzler, der „zufällig“ eine steinzeitliche Felsengravur auf die gleiche Weise wie sonst die Betonwand vom U-Bahnschacht malträtiert, braucht keine Belehrungen und Einreden, sondern Abschreckung.

„Einwanderung ist gut für dich“

Paretos „Sophismus der Verteilung“ gibt es freilich auch in einer positiv eigennützigen Variante: es ist gut für dich. Als Beispiel möge dafür dienen das Argument, dass Masseneinwanderung gut für einen ist. Die meisten Flüchtlinge sind gut ausgebildet und qualifiziert, beinahe schon deutsche Fachkräfte, die unserer Wirtschaft und, somit, uns allen – also vor allem mir – nützen. Wenigstens sind sie jung, es besteht Hoffnung, dass sie eines Tages in die Rentenkasse einzahlen und mir meine Rente sichern.

Überhaupt wimmelt es um den Themenkreis „Flüchtlinge“ nur so von Sophismen und Ableitungen, dass es sich lohnen würde, dafür eigens einen ganzen Museumstrakt zur Verfügung zu stellen. Apropos: „Flüchtlingen“ gutes Betragen, speziell gegenüber dem weiblichen Teil unserer Bevölkerung, beibringen zu wollen, bewegt sich übrigens auf demselben pseudologischen Niveau wie die Mitleidstour gegenüber den Schändern unserer durch die Unesco geheiligten Denkmäler.

Überall gibt es reichlich pseudologische Weichmacher, sei es proaktiv, in Form besagten Sophismus der Verteilung, oder reaktiv, in Form rührender Gesten (Plüschtiere, Plastikblumen, Briefe, …).

Entartungen in Kunst und Gesellschaft

Der Freiheit können nicht genug Denkmäler, für die Kunst- und Kulturäußerungen unserer Gesellschaft nicht genug Museen errichtet werden. Das ganze Irrenhaus unserer Gesellschaft gehört musealisiert, jeder Mensch im Sinne von Joseph Beuys zum Künstler deklariert. Islamistische Terrorattentäter, die in der ihnen von Gutmenschen angedichteten irrigen Annahme, Opfer sozialer Schmach geworden zu sein, mehr oder minder wahllos Leute umbringen, wären dann hervorreizende Künstler, die der Opfer auf ihre eigene rührselige Weise gedenkenden Zivilgesellschafter und Demokraten aber die ausführenden Künstler.

Diejenigen Künstler, die das Ganze dann professionell weiter verarbeiten, wären dann recht eigentlich die expressionistischen Interpreten der Kunst, wie sie z.B. nach den Attentaten von Barcelona und Cambrils auch nicht gefehlt haben: bei der linken Tageszeitung El País haben sie dann auch ihre höchstkunstwerkliche Aufarbeitung der Attentate eingereicht, eine Hommage an die Opfer.

Dilettanten, die sich nicht entblöden, treffen Fachleute, die sich nicht schämen. Die Entartung in der Kunst ist der Sache nach bereits von Plato klar erkannt, dargestellt und zur Entartung (in) der Gesellschaft in Bezug gebracht worden. Er brauchte dazu nur wenige Seiten. Wir brauchen dazu ganze Museen mit Heerscharen von Personal bzw. müssen dazu eine eigene demokratische Geschichts- und Gedächtniskultur bemühen.

(Bild: Jimmy Baikovicius, flickr, CC BY-SA 2.0)

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3 Kommentare

  1. Hans-Joachim Herder

    Hallo, Archivare haben mit „Sachzeugnissen“ nicht das allergeringste zu tun, weil Archivare ausschließlich mit „Schriftgut“, also Akten und Urkunden zu tun haben. Darf man diese begriffliche Unterscheidung voraussetzen?

  2. Carlos Wefers Verástegui

    @Hans-Joachim Herder

    Vielen Dank für den Hinweis! Da unter den Materialien auch Schriftgut (siehe „Schriftstücke“) sich befand, habe ich von Archivaren gesprochen ohne die besonders von den Konservatoren zu trennen. Wäre ich Fachmann auf diesem Gebiet oder hätte ich als Hilfswissenschaft das entsprechende Studienfach zu meinem Studium hinzugezogen, ich hätte besser unterschieden. Tatsächlich waren Archivare und Konservatoren gleichermassen am Werk.

    Beste Grüsse

  3. Erzreaktionär

    @Hans-Joachim Herder

    Lassen Sie sich von einem Historiker und Archivar gesagt sein, daß die meisten Archive durchaus auch Sachzeugnisse verwahren. Wenn z.B. ein Nachlass übernommen wird, kann man ja nicht einfach alles Nicht-Schriftgut wegschmeißen oder den Nachlass auseinanderreißen. Oft finden sich dort ganz erstaunliche Dinge! Vor ein paar Jahren hat ein Archivar sogar einen menschlichen Schädel in einer Schachtel in seinem Büro entdeckt…

    Ganz allgemein gehört es natürlich zur Aufgabe von Archiven (und Museen), Schriftstücke und Gegenstände aufzubewahren, und das möglichst umfassend und vorurteilsfrei. Was die Forschung kommender Jahrhunderte daraus macht und wie sie sie interpretieren wird, können wir heute nicht wissen und deshalb sollten selbst die lächerlichsten Ausdrucksformen von „Betroffenheit“ festgehalten werden.

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