Gesichtet

Ein toter Schwarzer und eine weiße Polizistin

Am 16. September 2016 wurde der schwarze Terence Crutcher auf offener Straße erschossen. Von einer weißen Polizistin. Die Zeitungen wurden nicht müde darüber zu berichten.

Die wegen Totschlags angeklagte Polizistin, Betty Shelby, wurde am 17. Mai von einem amerikanischen Gericht freigesprochen. Wieder einmal wurde ein, nachweislich unbewaffneter Schwarzer, Opfer weißer Polizeigewalt. Ist der Fall wirklich so einfach? Wenn man der überwältigenden öffentlichen Meinung Glauben schenkt, ja. Ganz so schnell darf man die Sache allerdings nicht abhaken.

Am Tag des Vorfalls wurde die Polizei von einem Zeugen verständigt, dass ein SUV mit laufendem Motor mitten auf einem Highway parkte. Die Türen waren, so der Anrufer, weit geöffnet, und der Fahrer Terence Crutcher lief über die Straße, blockierte den Verkehr und rief dabei, dass der Wagen explodieren würde. Kurz darauf erreichten zwei Polizeiwagen und ein angeforderter Helikopter die völlig unklare Situation. Darunter die spätere Schützin Betty Shelby.

Taser statt Schusswaffe?

Die eingetroffenen Polizisten forderten Crutcher auf seine Hände zu zeigen. Nach Polizeiangaben verweigerte er dies. Auf dem mitgeschnittenen Video des Helikopters kann man erkennen, dass Crutcher vorerst seine Arme hebt, danach allerdings mit erhobenen Händen zurück zu seinem Wagen „schlendert“. Die vier Polizisten folgen dem Mann, bis dieser sein Auto erreicht. Währenddessen hört man sich die beiden Beamten im Helikopter unterhalten:

„This guy’s still walking and isn’t following commands.“ „It’s time for a taser, I think.“ „I’ve got a
feeling that’s about to happen.“ „That looks like a bad dude, too, could be on something.“

(„Der Mann geht weiter und befolgt die Anweisungen nicht. – Es  ist Zeit für den Taser, glaube ich. –Ich glaube das wird auch gleich passieren. – Der sieht wie ein übler Kerl aus, der könnte was vorhaben.“)

Auf den Videos des Hubschraubers erkennt man deutlich, dass der Mann weitergeht und sich in das offene Fenster seines Wagens beugt. Er ist dabei weder hektisch, noch unüberlegt, die Situation sollte für ihn klar sein. Ebenfalls ist davon auszugehen, dass die Polizisten ihn zu diesem Zeitpunkt mehrfach aufgefordert haben stehen zu bleiben. In dem Moment, als Crutcher sich in seinen Wagen beugt, wird er von einem der Polizisten getasert. Unklar ist auf den Mitschnitten, ob der Elektroschock bereits Wirkung zeigt. Abhängig von der eingesetzten Spannung und der körperlichen Konstitution der getaserten Person, ist es durchaus möglich, dass nicht sofort eine Lähmung einsetzt.

Fall Crutcher wird zum Politikum

Unmittelbar darauf fällt ein Schuss der Polizistin Shelby und Crutcher sinkt zu Boden. Zwei Polizisten wollen sich um das Auto nähern, brechen ihren Versuch jedoch ab. Die beiden Polizisten, darunter Shelby, bleiben wie versteinert stehen, befinden sich sichtlich unter Schock. Kurze Zeit später trifft ein weiterer Polizeiwagen ein und Crutcher wird, wohlgemerkt erst nach einigen Minuten, medizinisch versorgt. Er verstirbt später im Krankenhaus.

Nach der Veröffentlichung des Falles Crutcher gab es erneute Diskussionen über Polizeigewalt gegenüber Schwarzen. Der Fall wurde zu einem Politikum. Demonstrationen, Solidaritätsbekundungen und Proteste fanden überall in den Vereinigten Staaten statt. Anhänger der Unschuld Crutchers, die Shelby des Mordes bezichtigten, äußerten sich ebenso wie die gegenüberliegende Seite, die die texanische Polizei in Schutz nahm und das Vorgehen der Beamten verteidigten.

Wie umgehen mit Drogenkonsumenten?

Shelby wurde neun Monate später von der Jury freigesprochen. Eine der Gründe für diese Entscheidung war der Zustand Crutchers zum Zeitpunkt des Geschehens. Die Polizei fand im Wagen des Opfers die Droge „PCP“ (Engelsstaub), ein starkes Halluzinogen. Die Wirkung von PCP wird wie folgt beschrieben:

„In Verbindung mit der Anwendung von Phencyclidin konnten insbesondere Benommenheit, Schläfrigkeit, Amnesie, Wahrnehmungsstörungen, Sprach- und Koordinationsstörungen, Störungen der Motorik (insbesondere Augenrollen, Gangstörungen), Speichelfluss, Halluzinationen und Aggressivität bis hin zu Tobsuchtsanfällen mit Eigen- und Fremdgefährdung bei gleichzeitiger Schmerzunempfindlichkeit beobachtet werden.“

Später gab Crutchers Vater bekannt, dass sein Sohn bereits früher PCP konsumiert hatte. Bei der durchgeführten Autopsie an Crutchers Leiche fand man, neben einem weiteren Halluzinogen, 96 Nanogramm PCP pro Milliliter. Shelby gab später bekannt, dass sie aufgrund der Verhaltensweise Crutchers bereits annahm, dass dieser unter Drogeneinfluss stand. Da PCP ebenfalls eine schmerzstillende Wirkung haben kann, ist es durchaus möglich, dass Crutcher nicht auf die Elektroschocks reagierte. Anders als nachvollziehbar kann man das Verhalten der Polizisten nicht nennen. Ein Afroamerikaner, der sich offensichtlich stark berauscht den Anweisungen von Polizisten wiedersetzt, und sich in sein Auto beugt.

Schwarze in den USA begehen sechsmal so viele Morde wie Weiße

Was hat der „Afroamerikaner“ damit zu tun? Insbesondere schwarze US-Amerikaner sind deutlich krimineller als andere Ethnien. In den offiziellen Statistiken des FBI begingen im Jahr 2013 Weiße 3.000 Morde. Afroamerikaner töteten im gleichen Zeitraum 2.500 Menschen. Also sind Weiße doch krimineller? Nein, denn diese totalen Zahlen, die häufig zur Verschleierung von Schnelllesern und in politisch korrekten Redaktionsstuben verwendet werden, muss man auf die proportionale Verteilung der Ethnie umrechnen. Afroamerikaner sind eine US-amerikanische Minderheit mit ca. 13% der Gesamtbevölkerung, dementsprechend ungefähr sechsmal häufiger für Morde verantwortlich als Weiße.

Auch bei den Tötungen von Polizisten im Einsatz sind Schwarze deutlich häufiger vertreten. Zwischen 1980 und 2013 gingen 41% der Straftaten auf das Konto der Afroamerikaner. 51% auf das von Weißen. Vergleicht man diese Zahlen wiederum mit der Zusammensetzung der Bevölkerung, bekommt man eine ähnliche Quote, wie bei den Gesamtzahlen der Morde.

Polizisten müssen schnell abwägen, ob Täter bewaffnet sein könnte

Hier wird deutlich, auf welchen Seiten die Medien stehen, und wie die Realität aussieht. Man kann sich bei den bekannten Zeitungen umschauen, egal ob amerikanische oder deutsche, wie diese über den Fall Crutcher berichtet haben. Angehörige werden zitiert, die beschreiben, dass der „big-bad-guy“ regelmäßig in der Kirche gesungen hat (Daily Mail), „Gott liebte“ (Huffington Post), dass „die Richter korrupt seien“ (NBCNews) und ein Teil der Jury Tränen in den Augen hatte. Die toxikologischen Befunde, sowie die Schusswaffendelikte durch Schwarze werden selten oder gar nicht erwähnt. Stattdessen wird in jeder zweiten Überschrift betont, dass Crutcher unbewaffnet war. Dass die Polizisten in einer solch grotesken Situation mit einem berauschten, halluzinierenden Mann davon ausgehen müssen, dass der Auffällige durchaus bewaffnet sein könnte, wird nicht erwähnt.

Doch gab es auch Fehler auf Seiten der Polizei. Die Polizistin Shelby wusste vor dem Einsatz nicht, um welche Situation es sich handelte, und wie sich der Mann gebärdete. Die Aussagen der Anrufer in der Zentrale wurden nicht an die Einsatzkräfte weitergegeben. Auch sprachen beide Zeugen von einem leeren Wagen und einem Mann. Natürlich kann man sein Leben nicht auf eine solche Aussage stützen, aber der Hergang wäre womöglich anders verlaufen, hätten die eintreffenden Beamten gewusst, dass eine Gefahr nur von Crutcher ausgehen könnte. Im Video wird deutlich, dass die Polizisten sehr zögerlich agieren, da sie erst den Tatort absichern.

Polizisten müssen schießen dürfen

Auch die medizinische Hilfe für Crutcher kam zu spät. Erst nach einigen Minuten, in denen Crutcher bereits regungslos am Boden lag, wurde er versorgt. Bei aller Kritik und Handlungsanweisungen gegenüber der Polizei sollte man sich aber gerade als Journalist, Politiker oder generell Unwissender zurückhalten und die Entscheidungen den Fachleuten überlassen. Der Fall war eine Mischung aus verschiedenen Elementen: Einem drogeninduzierten Mann im Straßenverkehr, einer überproportional kriminellen Ethnie, einer gesellschaftlichen Spaltung zwischen Schwarzen und Weißen, eines zu liberalen Waffengesetzes und sichtlich überforderten Polizisten.

Ob Betty Shelby anders hätte handeln können?  Möglicherweise. Auch Terence Crutcher wäre dann noch am Leben. Ob sie anders hätte handeln müssen? Nein, beschloss die Jury. In einer solch unüberschaubaren Situation darf ein Polizist von seiner Waffe Gebrauch machen.

(Bild: Tulsa Police Department)

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1 Kommentar

  1. Carlos Wefers Verástegui

    Rein sachlich ist ja nichts einzuwenden. Leider wird der Eindruck vermittelt, dass gerade die Sachlichkeit bei Mass Media die Oberhand behalten müsse. Sachlichkeit verkauft sich aber nicht wirklich, die Leute wollen Blut, vor allem in den USA ist das wichtig: dass den Leuten auch was geboten wird. Und wenn dazu noch die Mär vom armen schwarzen Mann eingepflochten wird, der von faschistoiden Polizeikräften auf offener Strasse hingerichtet wird, kommt es zum gewollten medialen Blutrausch. Die Medien wollen gar nicht sachlich und verantwortungsvoll mit Fakten umgehen. Das angemessenste Mittel gegen solche Kampagnen ist eine Konterung auf der gleichen Ebene: Agressivität, Unsachlichkeit und Hetze, nur unter anderem Vorzeichen, wie das wohl dort drüber auch so gehandhabt wird. Ich halte mich bei solchen Dingen wie bei den Massregeln für den Gemüsegarten: wenn der Spargel unter die Möhren geraten ist, und unterm Kohl der Rettich wächst, sind diese Gemüse am falschen Platz und müssen umgesetzt werden. So auch die Sachlichkeit und das Verantwortungsbewusstsein, wenn sie unter ganz anderes gearteten Umständen eingesetzt werden.

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