Gesichtet

Gott macht Nationen stark!

Der indische Gelehrte, Autor und internationale Referent Vishal Mangalwadi kommt. Sein Bestseller „Das Buch der Mitte“ steht schon überall in den Bücherregalen. Darin beschreibt der große Luther-Fan die kulturprägende Kraft der Bibel für die westliche Welt.

Sein Freund Mathias Mund, Fraktionsvorsitzender der Bürger Für Frankfurt-Fraktion, einer unabhängigen Kraft im Rathaus, hat ihn zu einem Benefiz-Dinner in ein Hotel im Osten der Stadt eingeladen. Das Thema von Mangalwadis Vortrag lautet heute Abend: Die Identitätskrise des Westens – Ursachen, Wirkungen und Auswege.

Ich bin gespannt auf den Theologieprofessor aus Indien, der von seiner Frau Ruth begleitet wird. Bei Häppchen und Sekt ist das Paar ebenso neugierig auf die anderen Gäste. Ein Pegida-Aktivist wirkt im Gespräch mit Mangalwadi befangen. Er sei ja eigentlich ein Bauingenieur und sein Englisch nun wirklich nicht gut genug. Ich unterhalte mich noch kurz mit einer Vertreterin der Initiative Project Shelter, die in Pakistan Obdachlosen Zugang zu Wohnraum verschafft, dann öffnet sich auch schon die Tür zum Bankett.

An der klassisch langen Tafel sitzen 24 Gäste wie zwölf Jünger. In der Mitte die Ehepaare Mund/Mangalwadi. Fröhliche Christen überall. Meine linke Sitznachbarin, eine ältere Dame aus Rumänien, die einst vor dem neostalinistischen Diktator Ceausescu nach Deutschland floh, holt gleich zu einem intensiven Bekehrungsmonolog aus, in ihren Berichten eine göttliche Fügung nach der anderen aneinanderreihend. Gott habe mich nicht ohne Grund neben sie gesetzt, meint sie. Später wird die vom Heiligen Geist Faszinierte heilige Lieder in mein Ohr singen. – Eigentlich bin ich schon gläubig.

Der Westen verliert an biblischer Substanz

Jetzt erhebt sich Vishal Mangalwadi. Nun setzt er an. Die Grundthese seines Vortrags ist, dass Gott nicht nur Einzelpersonen aufbauen und segnen will, sondern auch Nationen groß und stark machen möchte, damit sie ein Segen für die eigenen Leute und fremde Völker und Staaten sein können. Neben den USA nennt er die starken Länder Westeuropas als Vorbild. Als größte Leuchte an der Spitze steht für ihn jedoch „das europäische Produkt“, die wahrgewordene und auf die Endzeit hinweisende Nation Israel.

Kaum biblisches Kapital dagegen würden osteuropäische Länder besitzen. Sie stünden seit jeher unter der ideologischen Herrschaft von Menschen. Mangalwadis Befürchtung geht dahin, dass die westeuropäischen Länder weiter an biblischer Substanz verlieren und zunehmend unter den Einfluss der in Hinsicht christlicher Wahrheit deutlich substanzloseren osteuropäischen Länder geraten.

Die Gradmesser seien dabei Korruption, Vertrauen und Ehrlichkeit. Der indische Philosoph hat Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass der vormoderne Westen vor 500 Jahren genauso korrupt gewesen sei wie heute Indien. Die Religion habe Korruption genährt. Erst die Reformer seien für Wahrheit eingetreten, weil sie an einen Schöpfer glaubten, der Wahrheit kennt und sie kommuniziert.

Die Liebe zur Wahrheit

Dieser einzigartige Glaube an die menschliche Fähigkeit zu lernen und Wahrheit zu kommunizieren, macht den modernen Westen für Mangalwadi, der als Student die heiligen Schriften der Weltreligionen studierte und schließlich über die Bibel zum christlichen Glauben fand, zu einer einzigartig denkenden, freien und wachsenden Gesellschaft.

Und zu dieser Welt gehört die Ukraine definitiv nicht! Der Referent macht hier ein klares Statement und sieht die marode und korrupte Ukraine nie in der EU. Aus eigener Anschauung hat er erfahren, wie geschmierte Behördenvertreter die gleichen Landrechte an mehrere Parteien vergaben, die sich anschließend bis auf das Blut bekämpften.

Auch in Deutschland gingen Vertrauen und Ehrlichkeit als Bindemittel der Gesellschaft zunehmend verloren. Dass macht Mangalwadi am bundesweit wachsenden Obst- und Gemüseklau fest, der nicht nur professionell und bandenmäßig ausgeführt wird. Die Plünderer sind oft auch Eltern, Kinder und Rentner. Ockstädter Kirschbauern müssten mittlerweile Privatdetektive einsetzen, meint er.

Der Nationalstaat als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit

Heute kommt der Unverstand wohl kaum nur aus dem Osten. Schließlich verstehen die durch Diktatur und Kommunismus sensibilisierten Ostdeutschen viel besser als die Westdeutschen, dass der Begriff Rechtspopulismus ein Kampfbegriff ist, der dazu dient, politisch Andersdenkende zu bekämpfen und nicht etwa wirkliche Verhältnisse in Deutschland beschreibt.

Die sächsische Integrations- und Gleichstellungsministerin Petra Köpping hat herausgefunden, warum das Misstrauen und die Distanz zu Demokratie und Politik in Ostdeutschland so groß ist. „Integriert doch erst mal uns!“ – Diesen Satz habe sie in Gesprächen mit Bürgern und Anhängern von Pegida immer wieder vernommen.

Mit anderen Worten: Es scheint – im Gegensatz zu den ideologisierten Westdeutschen – bei den Menschen in Ostdeutschland ein viel ausgeprägteres Bewusstsein dafür zu geben, dass ein Sozialstaat nur im Rahmen eines Nationalstaats zu haben ist. Und zu einem Staat gehört selbstredend eine definierte Bürgerschaft, die das Recht hat, Fremde aufzunehmen oder abzuweisen. „Denn die meisten Bürger wollen zuallererst einen funktionierenden Staat, der an jedem Ort im betreffenden Land seine Hoheitsrechte durchzusetzen vermag – was an den Grenzen beginnt –, und der in der Lage ist, eine solidarische Absicherung seiner Bürger gerecht zu organisieren“, argumentiert richtigerweise der Schriftsteller und Historiker Klaus-Rüdiger Mai.

Wagenknecht gegen Linke

Sehr viele der nach Angaben der Veranstalter vom Bündnis Unteilbar 240.000 Menschen, die am 3. Oktober in Berlin der sozialistischen Utopie „offener Grenzen und gegen Sozialabbau“ nachjagten, werden später von ihrer Rente nicht leben können. Die illegale Masseneinwanderung in unsere Sozialsysteme scheint sie trotzdem kein bisschen zu stören.

Leben wir in einer irren Zeit, wenn ausgerechnet die ehemalige Stalinist Sahra Wagenknecht im Prinzip die einzige Stimme aus der Politik außerhalb der AfD war, die sich öffentlich von der Kundgebung distanzierte, weil sie offene Grenzen für weltfremd hält? Beachtenswert ist zudem, dass einer der Mitveranstalter die linksextreme Organisation Die Interventionistische Linke war. Ihre Anschlussfähigkeit an das demokratische Spektrum konnte sie somit weiter vorantreiben.

Der geschasste Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, zieht den Kreis noch weiter und wirft in seiner Abschiedsrede den „linksradikalen Kräften in der SPD“ vor, rechtsextremistische Straftaten zu erfinden.

Nach diesem gedanklichen Ausflug und nachdem die Servierer ein viertes Mal ausgeschwärmt sind, lockt schließlich das Dessert: Crème brûlée mit Vanilleeis an Ananas-Kokos-Salat.

Die sehr engagierte und niemals lauwarme Heidi Mund organisierte zusammen mit ihrem Mann das Benefizdinner, um den Bau eines Gemeindehauses im indischen Vallura zu unterstützen, eines von mehreren Missionsprojekten der beiden in Indien. Sie stammt aus der DDR, studierte Pädagogik und BWL. Mit ihrer Arbeit als Pädagogin ist sie ziemlich erfolgreich. 2009 zum Beispiel wurde ihren Schülerinnen der Wilhelm-Merton-Schule in Frankfurt für ein von ihr betreutes Projekt der Integrationspreis der Bertelsmann Stiftung verliehen.

Diesen Sommer reiste sie durch die USA, um zu predigen und Vorträge zu halten. Monatelang hatte sie dafür gebetet, was dann passierte, rührte sie sehr: Auf einer Pastorenkonferenz kam unvermittelt der Vize-Präsident der Vereinigten Staaten, Mike Pence, auf die Bühne und „ermutigte uns alle, das Evangelium mit Kühnheit zu verkündigen“. Heidi Mund ist irritiert von den deutschen Medien, die nicht erkennen würden, „wie viele bibelgläubige Christen in der amerikanischen Regierung vertreten sind und wie wertschätzend die evangelikalen Christen der unterschiedlichsten Denominationen in Amerika von dieser Regierung sprechen“. Für diese dankbaren Christen sei mit der Regierung Trump aus Wertegründen eine „Gnadenzeit“ angebrochen.

Aufschwung unter Trump

Nach der Politikwissenschaftlerin Lilliana Mason werden die Republikaner und ihre Anhänger seit der Bürgerrechtsbewegung zunehmend weißer, ländlicher und religiöser. Aus einer Gruppierung von Personen mit einer ähnlichen politischen Einstellung sei eine von anderen klar getrennte soziale Gruppe geworden. Ist es da noch überraschend, wie positiv der US-Vizepräsident Mike Pence in evangelikalen Kreisen gesehen wird, obwohl dieser am 8. Oktober 2017 in die landesweiten Schlagzeilen geriet, als er während eines laufenden Football-Spiels das Stadion verließ, nachdem einige afroamerikanische Spieler während der Nationalhymne niedergekniet waren, um gegen Rassismus und Polizeigewalt gegenüber Schwarzen zu protestieren?

Zugegebenermaßen hat Donald Trump den Turnaround der amerikanischen Wirtschaft mit einer Kombination von Nachfrage- und Angebotspolitik hinbekommen. Die USA glänzen mit traumhaften Zahlen wie in Europa sonst nur Orbans Ungarn leuchtet. Die Wirtschaft wächst derzeit real mit über vier Prozent, während die Arbeitslosenrate auf das niedrigste Niveau seit 1969 gesunken ist. Selbst die Arbeitslosenquoten der afro- und latino-amerikanischen Bürger erreichen Allzeittiefs, wie die FAZ schreibt.

Und weiter: „Das Stimmungsbarometer der National Federation of Indepedent Business verzeichnet den höchsten Wert seit 1983 und neue noch nie erreichte Höchstwerte bei Neueinstellungen und offenen Stellen kleinerer und mittelständischer Unternehmen.“ Wie es also aussieht, werden die Amerikaner den meist als Fiesling des Jahrhunderts karikierten Trump wiederwählen. Wer hätte das gedacht? Die Süddeutsche Zeitung fragt die Professorin für Internationale Finanzsysteme in Harvard, Carmen Reinhart, die als eine der einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftlerinnen der Welt gilt:

Wie finden Sie die Politik von Donald Trump, als Wissenschaftlerin und als Immigrantin?

„Das ist aber eine sehr umfassende Frage. Als Einwanderin fände ich eine offenere Haltung in der Migrationsfrage besser, das ist kein Geheimnis. Als Wissenschaftlerin muss ich feststellen, dass Trump genau das macht, was er vor der Wahl angekündigt hat. Das konnte sich bloß keiner vorstellen.“

Collage:
Links: Petra Köpping (Dr. Bernd GrossCC BY-SA 3.0 de)
Mitte: Trump, gemeinfrei
Rechts: Vishal Mangalwadi (DerbrauniCC BY-SA 4.0)

Verwandte Themen

Apokalypse auf halbem Weg In seinem neuesten Buch sieht Michael Lüders den Orient am Abgrund. Und spiegelt dabei deutsche Dämonen. „Armageddon im Orient – wie die Saudi-Conn...
Bekenntnisse von Christen in der AfD „Ja, die AfD vertritt christliche Positionen und ja, Christen können AfD wählen, auch wenn viele Kirchenvertreter ständig und mit wachsender Vehemenz ...
Im Gespräch mit Ingo Langner Seit 40 Jahren ist Ingo Langner als Dramaturg, Fernsehregisseur, Produzent und Publizist tätig. Wir haben mit ihm über seinen neuen Kriminalroman „Der...

1 Kommentar zu “Gott macht Nationen stark!

  1. Gott macht Nationen stark!

    Bei uns glänzt er dann seit längerem durch Abwesenheit. Oder kann er uns nur nicht leiden, weil wir uns selbst nicht mögen?

    „Ein Volk, das noch an sich selbst glaubt, hat auch noch seinen eignen Gott. In ihm verehrt es die Bedingungen, durch die es obenauf ist, seine Tugenden, – es projiziert seine Lust an sich, sein Machtgefühl in ein Wesen, dem man dafür danken kann. Wer reich ist, will abgeben; ein stolzes Volk braucht einen Gott, um zu opfern …. Religion, innerhalb solcher Voraussetzungen, ist eine Form der Dankbarkeit. Man ist für sich selber dankbar: dazu braucht man einen Gott. – Ein solcher Gott muß nützen und schaden können, muß Freund und Feind sein können – man bewundert ihn im Guten wie im Schlimmen.
    Die widernatürliche Kastration eines Gottes zu einem Gotte bloß des Guten läge hier außerhalb aller Wünschbarkeit. Man hat den bösen Gott so nötig als den guten: man verdankt ja die eigne Existenz nicht gerade der Toleranz, der Menschenfreundlichkeit …. Was läge an einem Gotte, der nicht Zorn, Rache, Neid, Hohn, List, Gewalttat kennte? dem vielleicht nicht einmal die entzückenden ardeurs des Siegs und der Vernichtung bekannt wären? Man würde einen solchen Gott nicht verstehn: wozu sollte man ihn haben? – Freilich: wenn ein Volk zugrunde geht; wenn es den Glauben an Zukunft, seine Hoffnung auf Freiheit endgültig schwinden fühlt; wenn ihm die Unterwerfung als erste Nützlichkeit, die Tugenden der Unterworfenen als Erhaltungsbedingungen ins Bewußtsein treten, dann muß sich auch sein Gott verändern. Er wird jetzt Duckmäuser, furchtsam, bescheiden, rät zum »Frieden der Seele«, zum Nicht-mehr-hassen, zur Nachsicht, zur »Liebe« selbst gegen Freund und Feind. Er moralisiert beständig, er kriecht in die Höhle jeder Privattugend, wird Gott für jedermann, wird Privatmann, wird Kosmopolit …. Ehemals stellte er ein Volk, die Stärke eines Volkes, alles Aggressive und Machtdurstige aus der Seele eines Volkes dar: jetzt ist er bloß noch der gute Gott.“
    Friedrich Nietzsche

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo