Rezension

Houellebecq: Düstere Aussichten, aber schöne Literatur

Michel Houellebecq, der inzwischen ein Starautor ist, begleiten wir schon sehr lange. 2009 drehten wir über ihn ein Satire-Video. 2011 erschien von BN-Kopf Felix Menzel in der Sezession ein ausführliches Portrait. 2015 wurde gemutmaßt, Houellebecq würde sich gegen eine »Vereinnahmung« (Spiegel) wehren. Wir haben aber bis heute weder von ihm noch von seinem Anwalt oder Verlag böse Post erhalten, liebe Qualitätsjournalisten und lieber Wikipedia-Eintrag. Wenn etwas mit, über oder von Houellebecq im Fernsehen lief, schauten wir natürlich auch hin.

Schlechte Romane wie Serotonin (2019) legten wir uns zwar zu, besprachen sie aber nicht. Das heißt zugleich: Der neue Roman mit dem Titel Vernichten ist gut. Houellebecq findet zu alter Form und alten Themen zurück. Für Fans bietet der Roman somit ein Heimatgefühl.

In der Öffentlichkeit hieß es dagegen von vielen Rezensenten der Leitmedien, Houellebecq habe erstmals einen Roman mit positiven, angenehmen Gefühlen geschrieben und sei »altersmilde« geworden (Tagesspiegel, Sächsische Zeitung, Deutschlandfunk, WDR, …).

Ja, es stimmt: Man merkt dem Roman an, daß Houellebecq älter wird. Ehe- und Gesundheitsprobleme nehmen viel Platz ein. Für Menschen, die nicht gern zum Arzt gehen oder zur Hypochondrie neigen, sind die letzten 100 Seiten auch der pure Horror.

Positive Wendungen sind im Roman freilich zu finden. Trotzdem streift Vernichten auch wieder meisterhaft all die dystopischen Themen, die Houellebecq zu einem einzigartigen Schriftsteller haben werden lassen: Da ist z.B. diese asexuelle Vitalitätsverweigerung unserer Gesellschaft, die er seit der Ausweitung der Kampfzone immer wieder mit klebrigen Szenen beschreibt.

Zudem gelingt es ihm stets, Kommentare zum aktuellen Zeitgeschehen gekonnt einzuflechten. Das Fundament der französischen Demokratie wird durch ein Wanken des alten Parteiensystems erschüttert. Neue Kandidaten – scheinbar aus dem Nichts – können auf einmal Präsident werden.

Die maßgebliche Konfliktlinie der Gesellschaft verschiebt sich derweil. Es sind nicht länger die Parteien, die gegeneinander kämpfen. Vielmehr fordern Extremisten und Terroristen die Mitte heraus. Sie können zwar nur Nadelstiche setzen, aber da alternde Gesellschaften im kulturellen Niedergang besonders schmerzempfindlich sind, entfaltet das eben besondere Wirkung.

Wir haben mit diesen Andeutungen hoffentlich nicht zu viel verraten: Bitte lesen! Es lohnt sich wieder.

(Bildhintergrund: Michel Houellebecq, Fronteiras do Pensamento, flickr, CC BY-SA 2.0)

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