Gesichtet

Ist schöne Architektur schon „rechts“?

Anlässlich der Antisemitismus-Debatte rund um den Berliner Walter-Benjamin-Platz, kommentiert Georg Immanuel Nagel die vermeintliche politische Polarität der Baukunst.

Ein Trick der Vertreter der modernen Kunst ist es, richtige Kunst als zumindest „altbacken, unkreativ und rückwärtsgewandt“, wenn nicht gleich als „faschistisch“ zu brandmarken. Mit dieser Rhetorik wird die Allgemeinheit seit langem erfolgreich dazu gebracht, sich nicht zu trauen das auszusprechen, was eigentlich jeder denkt: Die moderne Architektur verschandelt die Städte und erzeugt dabei ein Gefühl von Bedrückung, Tristesse und entfremdender Ortlosigkeit.

Eine schwer zu klärende Frage ist es, ob die moderne Architektur bloß Ausdruck der Entfremdung oder mit ihre Ursache ist. Auf dem Wege des Globalismus hat sich der „internationale Stil“ mittlerweile nicht nur im Westen, sondern auch in Asien, Dubai und sonst überall ausgebreitet. Die Moderne ist der Untergang aller Kultur, der seelische Tod der Völker und Ausdruck der kapitalistischen Vereinheitlichung der Welt.

Modernisten agieren als Blockwarte

Derweil gehen die Blockwarte wieder um in Deutschland und kontrollieren die Blaupausen. Zum Stein des Anstoßes wurde jüngst eine am Walter-Benjamin-Platz in Berlin in den Boden eingelassene Platte mit einem Zitat des US-amerikanischen Dichters Ezra Pound: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein. Die Quadern wohlbehauen fugenrecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“

Das lateinische Wort „Usura“ bedeutet so viel wie Zinsnehmen, wenngleich mit stark negativer Konnotation. Tugendwächter wollen hierin eine „antisemitische Anspielung“ erkennen, obwohl im Gedicht der Begriff „Jude“ kein einziges Mal vorkommt, mithin die Verbindung zwischen den Israeliten und der Finanzwirtschaft von den Kritikern gezogen wurde und nicht von Pound selbst.

Als belastend wird auch die Gestaltung der flankierenden Gebäude des Platzes empfunden, die als „faschistisch“ kritisiert werden. Für manche sei die Angelegenheit noch zusätzlich eine Provokation, da der Namensgeber des Ortes, Walter Benjamin, ja schließlich auch ein Jude und ein Anhänger der Frankfurter Schule und „abstrakter“ Künstler wie Paul Klee und somit ästhetisch ein Vertreter des krassen Gegenteils war. Es spricht aber übrigens auch einiges dafür, Benjamin als den konservativen Revolutionär unter den Marxisten anzusehen. Aber das nur nebenbei!

Der Architekt des Ensembles, Hans Kollhoff, ist sich jedoch keiner Schuld bewusst und erkennt vermutlich in diesem Zitat lediglich das, um was es dem Poeten auch ging: Eine Kritik an der seelenlosen Moderne und der Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Die Immobilienfirma „Blackstone“ hat sich nun dem öffentlichen Druck ergeben und die Inschrift wegzensiert.

Ist traditionelle Architektur rechts?

Ausgelöst wurde die ganze Debatte durch das Fachmagazin „Arch+“, in dem der Platz auf einer Schmähliste von „rechten Räumen“ auftauchte, die als „Seismographen einer identitätspolitischen Wende“ agierten. Es sei ein „Triumphzug“ erkennbar, bei dem „die Neue Rechte als Beute die Baukultur als identitätspolitisches Programm“ mitführe. Auch die zunehmende Rekonstruktion historischer Altstädte, die im Krieg verloren gingen, wird problematisiert.

Ist schöne Architektur also „rechts“ oder gar „antisemitisch“? Der Autor dieser Zeilen hat jedenfalls nahezu religiöse Gefühle, wenn er vor vollendeten Kunstwerken wie z.B. dem „Alten Museum“ von Karl Friedrich Schinkel in Berlin verweilt.

Ein politisch liberaler Vertreter des Historismus

Einer der beliebtesten Wiener Architekten seiner Zeit war aber auch der Jude Wilhelm Stiassny (1842-1910). Neben seiner Tätigkeit als Architekt betätigte er sich auch politisch, sei es in der Israelitischen Kultusgemeinde, als Gründungsmitglied der jüdischen Loge B’nai B’rith, oder auch als Gemeinderat. Als Vertreter der Liberalen, mit Sympathie für die rote Arbeiterschaft, war er zwar ein Gegner konservativer Politik, wie sie etwa vom christlich-sozialen Bürgermeister Karl Lueger vertreten wurde, jedoch ein Anhänger konservativer Baukunst. Sein formstrenger Historismus verschönert noch heute vielerorts Österreichs Hauptstadt. Bekannt waren auch seine zierreichen Synagogen, die er in einem, dem romantischen Orientalismus entnommenen, „maurischen“ Stil, gestaltete.

So ganz eindeutig ist Stiassny jedoch politisch doch nicht zuzuordnen. Wenngleich er, was die österreichische Innenpolitik betrifft, liberal war, so sehr war er doch auch national, nämlich als Vertreter des Zionismus. Es handelt sich hierbei um eine in diesem Milieu häufig anzutreffende Kombination, die verdeutlicht, wie unzureichend die übersimplifizierenden Kategorien „links“ und „rechts“ sind.

In seiner Funktion als Präsident des Jüdischen Kolonisationsvereins arbeitete Stiassny umfangreiche Pläne für die Neugestaltung Israels aus und konzipierte auch einen Stadtplan für Tel Aviv.

Ist moderne Architektur jüdisch?

Man darf davon ausgehen, dass Stiassny das heutige Tel Aviv grässlich fände, denn die Metropole gilt als „Bauhaus-Hauptstadt der Welt“, also als Hort glatt-moderner Hässlichkeit. Als größte Sehenswürdigkeit gilt dort die „Weiße Stadt“, wobei es sich um etwa viertausend Häuser im Bauhaus-Stil handelt, die überwiegend von jüdischen Auswanderern aus Deutschland entworfen wurden. Der Begründer der Bauhaus-Schule selbst, Walter Adolph Gropius, war jedoch kein Jude, wenngleich er zwei Mal eine Jüdin ehelichte und in jüdisch-intellektuellen Zirkeln verkehrte.

Einen starken Hang mosaischer Architekten zur modernen Kunst sieht auch das Jüdische Museum Berlin: „Anfang des 20. Jahrhunderts lebten und arbeiteten über 500 jüdische Architekt*innen in Deutschland, die meisten davon in Berlin. Sie hatten sich oft der Moderne und dem Neuen Bauen verschrieben, ihre Gebäude waren mutige Beispiele dieser neuen Bauaufgaben und ihrer Ästhetik.“ An der Theorie, dass jüdische Baumeister überproportional die Moderne beförderten, scheint also etwas dran zu sein. Ob man deshalb, so wie Yuri Slezkine in seinem gleichnamigen Buch, von einem „jüdischen Jahrhundert“ sprechen kann, wird an dieser Stelle nicht erläutert.

Le Corbusier, ein Plattenbau-Faschist?

Den Juden alleine die Verschandelung der Welt vorzuwerfen, wäre jedenfalls eine Ungerechtigkeit, derer ich mich nicht schuldig machen will. Einer der berühmtesten künstlerischen Verbrecher der Moderne ist der Schweizer Charles-Édouard Jeanneret, der heute vor allem unter seinem Pseudonym „Le Corbusier“ bekannt ist.

Sein einflussreichstes Werk ist mit Gewissheit die „Unité d’Habitation“, ein potthässliches Gebäude, das als Archetyp des Plattenbaus gelten kann, der ikonisch für die Wohnbau-Ghettos des späten Ostblocks wurde. In der Anfangszeit hatte noch der „Sozialistische Klassizismus“ vorgeherrscht, der den faschistischen Bauten an Bombast um nichts nachstand.

Weder war Le Corbusier ein Jude, noch hielt er viel auf sie. Anno 1940 schrieb er über diese in einem Brief an seine Mutter: „Es erscheint so, als hätte ihre blinde Lust nach Geld das Land verdorben.“ Zur Zeit der deutschen Besatzung hatte der vielleicht einflussreichste Architekt des 20. Jahrhunderts sein Büro extra nach Vichy verlegt, um sich bei den neuen Machthabern rund um Marschall Pétain mit aller Kraft anzubiedern.

In Mussolinis Italien durfte Le Corbusier Vorlesungen halten. Gleichwohl war der umjubelte Star-Architekt nach dem Krieg auch in Israel hoch im Kurs. Der „profunde Antisemit“ war „der am meisten verehrte Architekt des Landes“, doch der „Zionismus interessierte ihn nur insofern, als er hier eine Gelegenheit zur Umsetzung seiner Planungskonzepte hatte“, urteilt die israelische Zeitung „Haaretz“.

Ist der faschistische Stil modern?

Jetzt wird wohl der eine oder andere verwundert sein, dass Le Corbusier in faschistischen Kreisen verkehrte. Aber eigentlich ist das gar nicht überraschend, wenn man sich die faschistische Architektur und gewisse intellektuelle Strömungen des faschistischen Umfeldes einmal näher ansieht. Die Einordnung eines Bauwerkes in dieses Genre ist nämlich oft sehr willkürlich. Zuweilen entscheiden nur das Datum und der Ort und gar nicht so sehr die Formensprache selbst, ob etwas als „faschistisch“ gelten soll oder nicht.

Der Faschismus und der Nationalsozialismus sind ideengeschichtlich moderne Ideologien und auch der faschistische Baustil ist streng genommen mehr modern, als er klassisch ist. Oft wird der Fehler gemacht, auch die zahlreichen „klassisch-klassizistischen“ Werke dieser Zeit pauschal dem Faschismus zuzurechnen. Ich würde jedoch nur einen originären Stil auch neu benennen.

Die Strömung des Futurismus war im italienischen Faschismus einflussreich. Filippo Tommaso Marinetti wandte sich in seinem programmatischen „Manifest des Futurismus“ von der Tradition ab: „Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen. […] Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, […] ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.“

Kalt und ohne Verzierung

In seiner Schrift „Der faschistische Stil“ benennt Armin Mohler eine deutliche „Kälte“ als zentrales Merkmal der neuen Formensprache. Diese hat ihren ikonischen Vertreter im „Palast der italienischen Zivilisation“, der anlässlich der Weltausstellung 1938 in Rom errichtet wurde. Auch die anderen Gebäude der Schau sind typisch. Beispielsweise sieht der „Palazzo dell’ Istituto Nazionale Assicurazioni“ den Häusern von Kollhoff am Walter-Benjamin-Platz tatsächlich etwas ähnlich, wenngleich bei Kollhoff die antiken Elemente noch weiter wegreduziert wurden. Die Kolonnaden, vor allem die darin hängenden Laternen, verweisen mutmaßlich an die von Marcello Piacentini entworfenen Gebäude an der Via Roma in Turin. Der faschistische Stil ist eine Verbindung von klotziger Wuchtigkeit mit einer minimalistischen Linie, die aber die althergebrachte Formensprache noch einhält. So gesehen war der faschistische Stil das letzte wirklich europäische Genre der Architektur.

Die richtige Moderne geht dann weiter über zur totalen Formlosigkeit, sprich zur „brutalistischen“ Hässlichkeit. Ein einflussreicher Wegbereiter dieser Entwicklung war der (nicht-jüdische) Kalksburger Adolf Loos, der sich in einem 1908 veröffentlichten Pamphlet namens „Ornament und Verbrechen“ für glatte Wände aussprach: „Evolution der Kultur ist gleichbedeutend mit dem Entfernen des Ornamentes aus dem Gebrauchsgegenstande“, proklamierte Loos, denn dieses sei „vergeudete Arbeitskraft und dadurch vergeudete Gesundheit. So war es immer. Heute bedeutet es aber auch vergeudetes Material, und beides bedeutet vergeudetes Kapital.“

Nur die Schönheit zählt

Die Reduzierung der Architektur auf ihre ökonomische Form war auch der Leitgedanke von Le Corbusiers „Wohneinheit“. Hier schließt sich der Kreis zu Ezra Pounds Gedicht. Waren am Anfang der Moderne, vielleicht noch pseudokünstlerische und pseudophilosophische Theorien die Motivation für die Errichtung der „Diktatur der Hässlichkeit“ (Walter Marinovic), geht es heute vor allem auch um das Geld, zumindest, was die Massenbauten betrifft. Besondere Gebäude, die mitunter teurer sind als traditionelle Architektur, haben jedoch auch einen metapolitischen Kampfauftrag, der Zersetzung des Eigenen, wenngleich den Konstrukteuren dies selbst vielleicht gar nicht bewusst sein mag.

Das Fazit der Untersuchung ist also eindeutig: Bei allen tatsächlich vorhandenen Tendenzen ist die politische Gesinnung oder ethnoreligiöse Zugehörigkeit nicht automatisch mit einer geschmacklichen Orientierung im Reich der Musen gleichzusetzen. Anstatt darüber zu sinnieren, ob ein Kunstwerk nun „faschistisch“ sei oder nicht, muss man also vielmehr die eine alles entscheidende und einzig relevante Frage stellen, die in der Moderne aber so gar keine Rolle mehr zu spielen scheint: Ist es schön und erbaulich oder nicht?

Der kürzlich verstorbene englische Philosoph Roger Scruton kämpfte Zeit seines Lebens für eine Renaissance der Ästhetik: „Schönheit ist wichtig. Sie ist nicht nur eine subjektive Sache, sondern ein universelles Bedürfnis menschlicher Wesen. Wenn wir dieses Bedürfnis ignorieren, finden wir uns selbst in einer spirituellen Wüste wieder.“

(Bild: Augusto De Lucahttps://www.flickr.com/photos/57005853@N07/8694434899/sizes/l/in/photostream/CC BY-SA 2.0)


Jahrgang 1986, aus Wien, Studium der Philosophie, begreift sich als Vertreter der deutschen Alt-Right (Alternative Rechte) und ist seit 2014 als Journalist bei diversen Medien tätig und veröffentlichte mehrere Bücher. Maßgeblich war er beteiligt an PEGIDA in Österreich. Zudem ist er Gründer und Obmann von "OKZIDENT - Verein zur Förderung von Rechtsstaatlichkeit". - www.georgimmanuelnagel.at

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