Anstoß

„Öffentlich-rechtliche Sender halte ich in Teilen für demokratiegefährdend.“

BN-Autor Claus Folger sprach mit PR-Profi Moritz Hunzinger über Frankfurt, den Zustand der CDU sowie das Meinungsklima in Deutschland. Viel Spaß beim Lesen!

Claus Folger: Womit verdienen Sie aktuell ihr Geld?

Moritz Hunzinger: Ich bin seit fünf Jahren CEO des Mobile-Payment-Unternehmens Cashcloud AG, der Vorstand der Holding des kleinen Automobilherstellers und Fahrzeugveredlers Gemballa SE und seit zwei Jahren Vorstand der akabenos ag, die mobile Zahlungslösungen anbietet. Seit zehn Jahren bin ich Professor für PR und Kommunikation an der Nationalen Pädogogischen Universität in Kiew mit monatlichen Lehrveranstaltungen.

Anderes Thema: Was ist eigentlich mit Frankfurt los? Wenn ich durch die Straßen von Frankfurt gehe, dann scheint es heute viel mehr Obdachlose, Dropouts und Verlorene zu geben, wie noch vor ein paar Jahren. Wie ist ihr Eindruck?

Die Union stellt den Bundesinnenminister, den Landesinnenminister und den Innendezernenten Frankfurts. Überall erlebt man Kontrollverlust. Das ist entheimatend. Zudem muss die CDU um den Verlust ihres Markenkerns Sicherheit und Ordnung fürchten.

Es gibt in der Frankfurter Stadtgesellschaft ein diffuses Unbehagen an Zustand und Nutzung der Paulskirche. Soll der Bundespräsident in Frankfurt gewählt werden, wie es der frühere Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann wollte? Wie könnte man sie besser nutzen?

Ich bin immer wieder Gast in der Paulskirche, an ihrem Zustand habe ich nichts zu bemängeln. An eine andere Nutzung als an einer würdevollen will ich nicht denken. Für eine Direktwahl des Bundespräsidenten spreche ich mich nicht aus.

Von 1559 bis 1966 führte die römisch-katholische Kirche den Index Librorum Prohibitorum („Verzeichnis der verbotenen Bücher“), das für jeden Katholiken die Bücher auflistete, deren Lektüre als schwere Sünde galt. Was ist das verbotene Wissen von heute?

Ich übersetze das in meine Sichtweise: Öffentlich-rechtliche Sender halte ich in Teilen für demokratiegefährdend. Es ist ein Unding, wie Zuschauer und Zuhörer für linkes Gedankengut von Morgenmagazin bis zu Talkshows missbraucht werden. Nicht mal mehr einen vernünftigen Tatort kriegen diese zwangsgebührenfinanzierten Anstalten hin. Als sich dem Wettbewerb stellende Wirtschaftsunternehmen wäre auch der Hessische Rundfunk längst Konkurs.

Im Juli trafen Sie sich mit dem AfD-Bundes­vor­sit­zenden Jörg Meuthen und dem Chef der hessischen Filmförderung Hans Joachim Mendig zu einem Restaurantbesuch in Frankfurt, woraufhin etwa 600 empörte Filmschaffende aus ganz Deutschland den Rücktritt von Hans Joachim Mendig erzwangen. Sind Sie ein Konterrevolutionär, der bürgerlich-liberales Gedankengut verbreiten wollte?

Seit 40 Jahren treffe ich unterschiedliche, interessante Menschen zu Gesprächen über das Zeitgeschehen bei freier Themenwahl. Dem verdanke ich auch meinen enormen Informationsvorsprung in vielen Bereichen, die unsere Gesellschaft und ihre Verhältnisse betreffen. Prof. Mendig und ich brachten unsere nach wie vor erfolgreichen Firmen 1999 an die Börse: er die Odeon Film AG, ich die infas Holding AG – vorm. Hunzinger Information AG. Es war ein fröhlicher Zufall, dass er zu meiner Verabredung mit Prof. Meuthen hinzustieß.

Was 600 Filmschaffende (schöner DDR-Slang) dazu sagen, ist mir gleichgültig. Die sollen erst mal was schreiben und drehen, das sich im Kartenverkauf niederschlägt. Wenn eine grün-linke Kunstministerin nach einem Lunch mit einem Europaabgeordneten ihren Geschäftsführer feuert, versagt die gesamte schwarz-grüne Landesregierung. Das belegen auch die entsprechenden Debattenbeiträge im Hessischen Landtag. Gut, dass Prof. Mendig fürstlich abgefunden werden wird. Wer einen Lunch mit einem Europaabgeordneten dämonisiert, sollte seine Denk- und Sprechverbote in einer Diktatur ausleben.

Auf dem AfD-Parteitag 2016 sagte der AfD-Bundes­vor­sit­zenden Jörg Meuthen: „Wir wollen weg vom links-rot-grün-versifften 68er-Deutsch­land und hin zu einem fried­li­chen, wehr­haften Natio­nal­staat“, wofür er vom politischen Gegner sehr kritisiert wurde. Teilen Sie die Kritik?

Nein, ganz und gar nicht. Prof. Meuthen äußert sich durchaus drastisch. Manches muss aber auch deutlich ausgesprochen werden.

Was verstehen Sie unter einem wehrhaften Nationalstaat?

Das ist genau mein Deutschland, das es unter Helmut Kohl definitiv gab und das ich sehr vermisse. Der Kanzler sprach oft von Heimat, Vaterland, Europa. Exakt dafür habe ich mich immer eingesetzt. 1999 erhielt ich das Bundesverdienstkreuz, 2016 das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold.

Ein Zitat von Ihnen ist: „Ich kenne kein Land, wo es so verklemmt zugeht wie in Deutschland.“ In welcher Hinsicht geht es verklemmt zu bzw. was muss sich ändern?

Ich will stets den offenen Diskurs mit geöffnetem Visier. Kein politisch-korrektes Geschwurbel und keinen Mainstream-Gender-Quatsch.

Sie sagen, dass Sie aufgrund der unkontrollierten Zuwanderung „Entheimatungsängste“ haben. Was ist ihre Heimat und wie könnten Sie sie verlieren?

Unkontrollierte Zuwanderung lehne ich strikt ab. Schutzbedürftigkeit muss belegt werden, Stichwort Genf. Nulltoleranz dem, der mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Boris Johnson macht es Deutschland vor: Wer im Vereinigten Königreich arbeiten will, soll vor Ankunft Job und Englischkenntnisse nachweisen. Wenn alte deutsche Mitbürger Flaschen sammeln müssen, hat der Staat, also die Heimat, diesen Menschen zuerst zu helfen. Die Heimat ist Dein Freund. Freunde behandelt man gut.

Der Soziologe Wolfgang Streeck bilanziert: „Spätere Historiker werden versuchen müssen, das System Merkel auf seinem Höhepunkt als ebenso regierungsseitigen wie selbstauferlegten Dauertest einer demokratischen Öffentlichkeit auf ihre Fähigkeit und Bereitschaft hin zu beschreiben, unter laufender Opferung ihres Intellekts immer neue Absurditäten zu glauben oder wider besseres Wissen zu bekennen.“ Wie fällt ihr Rückblick auf die Merkel-Jahre aus?

Mich hat die Bundeskanzlerin immer gut behandelt, ich werde ihr ewig dankbar sein, denn meinen Anliegen kam sie nach. Was im Herbst 2015 geschah, ist aber Staatsversagen.

Soll Deutschland seinen Kampf gegen den globalen Klimawandel intensivieren, auch wenn es die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft noch mehr schwächt?

Der „Kampf gegen den globalen Klimawandel“ ist eine gute PR-Idee, aber bezogen auf Deutschland vollkommen übertrieben. Politik und Wissenschaft müssen zu vernünftigen Lösungen kommen. Deutschland muss aufpassen, dass Ideologie nicht die Vernunft beherrscht und wir unsere Spitzenposition verlieren.

Vieles ist eine Mogelpackung. Siehe „Atomausstieg“. Während wir lediglich aus der Produktion ausgestiegen sind, geht die Nutzung von Kernenergie im Land munter weiter. Andere Staaten freuen sich.

Auf dem jüngsten CDU-Parteitag beklatschen die Delegierten nach dem x-ten Wahldesaster stehend wie nordkoreanische Aufziehmännchen Merkel, bevor sie überhaupt ein Wort sagte. Auf dem jüngsten SPD-Parteitag stehen die Delegierten nach dem x-ten Wahlfiasko Schlange, um den bekennenden Sozialisten Kevin Kühnert, der zuvor mit seinen Sozialismus-Thesen die Genossen auf neue Umfragetiefs schickte, zur Wahl als stellvertretendem Parteivorsitzenden zu gratulieren. Waren Parteitage der beiden Volksparteien in der alten Bundesrepublik ähnlich skurril?

„Nordkoreanische Aufziehmännchen“ ist aber böse! Parteitage haben ihre eigene Choreografie zur Motivation der Delegierten. Diese sind weit überwiegend Mandatsträger, und leben quasi von der Partei. Das gehört dazu, das braucht es auch. Ich habe mir das alles angesehen; als Bundesschatzmeister sanierte ich die CDU-Sozialausschüsse, CDA.

Kann es sein, dass CDU/SPD-Parteitagsdelegierte nur ein Abbild der Menschen in Westdeutschland sind, die im Gegensatz zu den Ostdeutschen überhaupt kein kritisches Bewusstsein mehr besitzen und im Prinzip über jedes Stöckchen springen, das man ihnen hinhält?

Die sich ihre Mandate (Jobs!) erhaltenden Verliererkoalitionäre sind immer Ziel meiner Kritik. Die CDU etwa hat entweder allein zu regieren oder bürgerliche Koalitionen zu bilden. Wenn CDU-Politiker von Sozialdemokraten oder Grünen abhängig sind, gehen sie immer Kompromisse ein und machen keine CDU-Politik. Das Mehr an Mut der Menschen in Ostdeutschland ist vorbildlich.

Der französische Staatspräsident Macron hält große Stücke auf den ungarischen Ministerpräsidenten. Orbáns politischer Diskurs trage kulturelle und zivilisatorische Lebenskraft in sich, Ungarn sei unter Orbán zu einem Pfadfinder in Zeiten radikalen Wandels geworden, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern. – Auf der anderen Seite sehen viele Deutsche in Angela Merkel einen sicheren Anker in unsicheren rechtspopulistischen Zeiten. Wer hat recht?

Orbáns Staatskunst schätze ich hoch. Er wirkt so grimmig, dass ihn viele falsch einschätzen. Das internationale Ansehen unserer Kanzlerin ist aber tatsächlich grandios. Rechtspopulistisch? Mit diesem Begriff kann ich nicht viel anfangen.

Wie würden Sie denn Orbáns Staatskunst beschreiben?

Im Rahmen der Visegrád-Gruppe (Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei) und aufgrund wachsender Vernetzung mit anderen Ländern in Ostmitteleuropa wurde Ungarn durch Viktor Orbán zu einem gestaltenden Akteur in Europa. Mit Kompromissfähigkeit, Berechenbarkeit und – ja – Staatskunst baute er seinen Einfluss aus. Längst ist er neben der Kanzlerin der Erfahrenste in der europäischen Politik, trat in die Fußstapfen Helmut Kohls. In Brüssel trifft man also jetzt den „neuen“ Orbán, der viel gestaltet und weniger provoziert.

1984 sang die DDR-Rockband Puhdys: „Denke ich an Deutschland, fallen mir Gedichte ein, klingen große Namen raus aus totem Stein und in mir ist Schweigen wie nie gekannt. Hier bin ich geboren, das ist mein Land.“ Wie sind ihre Liedzeilen, wenn Sie an Deutschland denken?

Einigkeit und Recht und Freiheit.

„Auffällig oft begeben sich derzeit Autorinnen und Autoren auf eine persönliche Spurensuche zurück in die alte Bundesrepublik“, konstatiert Deutschlandfunk Kultur und unterstellt eine Art Westalgie oder die Erinnerung an ein abhanden gekommenes Land. Ist ihr Rückblick 30 Jahre nach dem Mauerfall auch von Nostalgie geprägt?

Ja, die Zeit als Deutschland wiedervereint wurde, rührt mich bis heute.

Was können Männer besser als Frauen?

Nichts, aber Frauen können Anmut haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bild: www.hunzinger.de


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