Rezension

Rom im Zweiten Weltkrieg

Die Rolle Pius XII. im Zweiten Weltkrieg ist mindestens umstritten. Ulrich Nersinger zeigt in einer bewegenden Reportage: Der Papst hat seine Kinder geliebt und viele von ihnen gerettet.

Dunkle Wolken über Rom handelt vom Krieg. Der Zweite Weltkrieg hat Rom erreicht. Mit ihm gekommen sind nicht nur die Bomben, sondern auch die deutschen Besatzer. Gemeinsam mit italienischen Faschisten treiben sie in der ewigen Stadt ihr Unwesen. Rom ist gefallen. Während viele fliehen, hält der Papst die Stellung. Nach dem ersten Bombenangriff der Alliierten am 19. Juli 1943 auf Rom verlässt er sofort den Vatikan, um den Opfern zu helfen. Viel kann er nicht tun, aber die weiße Gestalt, deren Soutane schnell vom Blut der Opfer befleckt ist, macht den Menschen Mut.

Pius XII. verteilt Zuspruch und Geld. Gegenüber den Alliierten lässt er erklären, dass er sich bei einem erneuten Angriff sofort zu der bombardierten Stelle begeben werde. Als gebürtiger Römer und Bischof von Rom will Eugenio Pacelli bei seinen Kindern sein. Das hält die Alliierten nicht davon ab, Rom erneut zu bombardieren. Am 13. August 1943 ist es soweit und als die ersten Bomben fallen, verlässt Pius XII. unverzüglich den Vatikan. Wie durch ein Wunder wird sein Auto, das in den zerbombten Straßen nur mühsam vorankommt, nicht getroffen. Die Menschen, die den Papst erkennen, jubeln ihm zu. Schließlich sind es so viele, die ihn umringen, dass der Papst anhalten muss. Er segnet die Menschen, tröstet die Verletzten und spricht ihnen Mut zu.

Ein menschliches Bild Pius XII.

In seiner bereits 2010 erschienenen Audio-Dokumentation zeichnet Nersinger ein sehr menschliches Bild von Pius XII. Das beschränkt sich nicht nur auf die Hilfe des römischen Bischofs für die Bombenopfer. Ein weitaus größerer Teil der Dokumentation ist der päpstlichen Hilfe für die politisch und rassisch Verfolgten gewidmet. Diese kann der Papst nicht direkt leisten. Die deutsche Besatzungsmacht in Rom hatte ihn eindringlich davor gewarnt, öffentlich das gewaltsame Vorgehen gegen Juden und Politische anzuprangern. Es würde dann sehr viel Blut fließen. Die Hilfe des Pontifex erfolgt deshalb diskret, was ihren Rang nicht schmälert.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der Salvatorianerpater Pankratius Pfeiffer, der als Generaloberer seines Ordens in Rom wirkt. Als „Römischer Schindler“ verhilft er vielen Juden und politisch Verfolgten zur Flucht. Um Kontakt zu den Besatzern zu halten, nutzt Pius XII. ihn als Mittelsmann. In dieser wichtigen Funktion kann Pfeiffer immer wieder kleine Erfolge erzielen und das Leben vieler Menschen retten. Direkt verhandelt er mit den Besatzern die Freilassung von Gefangenen. Die Dokumentation Nersingers würdigt diese bedeutende Gestalt an mehreren Stellen. Diese Würdigung wird auch von den Italienern geteilt. Als einzigem Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg widmeten sie ihm mit der Via Pfeiffer eine Straße am internationalen Sitz des Salvatorianerordens.

Ein Papst, der seine Kinder retten will

Der persönliche Einsatz des Papstes beschränkt sich indes nicht nur auf Fahrten durch den Bombenhagel. Um die Zufluchtsmöglichkeiten für die von den deutschen Besatzern und den italienischen Faschisten Verfolgten zu erhöhen, stellt er alle kirchlichen Einrichtungen unter den Schutz des Vatikans. Damit ist die Neutralität auch für diejenigen Klöster, Kirchen, Seminare und andere Gebäude gewährleistet, die sich nicht auf dem eigentlichen vatikanischen Staatsgebiet befinden. Die Frauenklöster erhalten vom Papst zudem die Erlaubnis, Männer aufzunehmen und den Männerklöstern wird durch päpstlichen Erlass gestattet, Frauen zu beherbergen.

Obwohl die Neutralität von den Besatzern nicht immer geachtet wird und viele Razzien auch in kirchlichen Einrichtungen stattfinden, hat der Heilige Stuhl „mehr getan, den Juden zu helfen, als jede andere Organisation des Westens, einschließlich des Roten Kreuzes. Pius XII. hat während des Krieges direkt oder indirekt das Leben von etwa 860.000 Juden gerettet.“

Zu diesem Urteil kam der jüdische Theologe und Religionswissenschaftler Pinchas Lapide bereits in seinem 1967 erschienenen Buch Rom und die Juden. Und auch wenn die wesentlichen Akten, die den Einsatz Pius XII. für die Juden und alle anderen Verfolgten während der 1940er Jahre dokumentieren, noch nicht durch den Vatikan freigegeben worden sind, gelingt es Nersinger in seiner Dokumentation, das Bild des Papstes, der seine Kinder retten will, zu bestätigen.

Zu wenig getan?

Dafür greift er nicht nur auf die bereits zugänglichen offiziellen Dokumente zurück, sondern bindet auch vielfältige Augenzeugenberichte mit ein. In diesen wird beispielsweise geschildert, wie der Papst die Tore seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo für alle Verfolgten öffnet und seine dortigen Privatgemächer werdenden Müttern zur Verfügung stellt. Zudem finanziert er aus seinem Privatvermögen die Einrichtung einer dortigen Küche und die Versorgung mit Lebensmitteln. Bis zu 16.000 Menschen finden hier Zuflucht.

Dass die Alliierten die Neutralität dieses Zufluchtsortes nicht zu schätzen wissen, zeigen sie am 1. und 10. Februar 1944, als sie die Sommerresidenz bombardieren. Mehr als 500 Menschen verlieren dabei ihr Leben. Wer die Bombenangriffe überlebt hat, kann aber wenigstens sicher sein, nicht den deutschen Besatzern oder den italienischen Faschisten in die Hände zu fallen. Sie werden alle dank des Papstes gerettet. So wirkt die sehr hörenswerte Dokumentation Nersingers ein Stück weit daran mit, das Bild eines Papstes zu korrigieren, der in den Augen seiner Kritiker trotz vielfältigem persönlichen Einsatz angeblich immer noch zu wenig getan hat, um Menschen vor Tod und Verfolgung zu retten.

Ulrich Nersinger (2010): Dunkle Wolken über Rom: Pius XII. und die ewige Stadt 1943-1944. Audio CD. 13,90 Euro.

Nachtrag: Laut neuesten Forschungen gelang es Papst Pius XII. durch sein Engagement, zwei Drittel aller römischen Juden zu retten. Mehr dazu hier.

Verwandte Themen

Solowjows Antichrist Der folgende Text entstand am Fuße des Berges Athos im Norden Griechenlands. Es waren Mönche aus einem der orthodoxen Klöster der mythischen Mönchsrep...
Ein Apostel für Deutschland Am 5. Juni war nicht nur Pfingstmontag, sondern auch ein anderes hohes kirchliches Fest. Zumindest für Katholiken in Deutschland. Es war das Fest des ...
„Ich glaube der Tagesschau kein Wort mehr!“ „Wir treffen uns im Hof vor der Madonna.“ Der bekannte Frankfurter Ordenspriester Bruder Paulus hätte keinen einleuchtenderen Treffpunkt auswählen kön...

Jahrgang 1986, hat Soziologie und Politikwissenschaft studiert und lebt als selbständiger Autor in Köln. Für die Schriftenreihe BN-Anstoß hat er bereits zwei Bände beigesteuert: Geopolitik. Das Spiel nationaler Interessen zwischen Krieg und Frieden (2015). Sowie: Die ganze Wahrheit. Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument (2016).

4 Kommentare

  1. Jürgen Graf

    Dieser Artikel hebt sich wohltuend von der Hetze ab, die von vielen bis heute gegen diesen Papst betrieben wird. Pius XII. war übrigens deutschfreundlich; er war der deutschen Sprache nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Deutschland vollkommen mächtig. Er hat im Krieg nachgewiesene Verbrechen beider Seiten angeprangert, zu unbewiesenen Behauptungen über Verbrechen hingegen geschwiegen, auch nach dem Krieg. Man lese hierzu Robert Faurisson, „Der Revisionismus Pius XII.“, der Text lässt sich leicht im Internet zu finden.

  2. Martin Schiller

    Ein Jahrhundertpapst, ein wirklicher, eine Schande, dass er noch nicht heiliggesprochen worden ist, zwei seiner Nachfolger aber schon.

  3. Daniel Schuster

    Es fehlt hier etwas der Gesamtkontext um die Story einzuordnen. Auch das Wort Mussolini fällt in keinem Wort. Erst durch die Lateranverträge mit Mussolini 1929 gewinnt der Vatikan seine politische Unabhängigkeit zurück. Die Verträge geben der Katholischen Kirche nicht nur die Hoheit über die heutige Vatikanstadt sondern auch über die Kirchen auf dem Boden Italiens. Im Gegenzug unterstützt er Mussolini. Im Vatikan steht seinerzeit die größte Munitionsfabrik Italiens. Damit beliefert der Vatikan Mussolini. Die Nähe der Katholischen Kirche und der italienischen Faschisten wird heute gern geleugnet und vertuscht. Vor der französischen Revolution gehört ganz Mittelitalien dem Vatikan. Er gleicht mehr einem Adelshaus und einer militärischen Organisation als einer gemeinnützigen. Das Vermögen dieser Kapitalgesellschaft ist irrwitzig und ist es noch heute.

  4. Carlos Wefers Verástegui

    @ Daniel Schuster

    Sie haben ihrerseits vergessen, den sektiererischen Antiklerikalismus der Freimaurer und Liberalen zu erwähnen. Kennt man nämlich diese Details, so ist leicht zu erklären, warum die Kirche es eher mit dem Faschismus hielt. Wie fanatisch antiklerikal die Freimauerer und Liberalen waren weiss heute kaum jemand mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.