Rezension

Vor der Nouvelle Droite

Das Eigentümlichste an der erneuten Rezeption des französischen Aktivisten, Historikers und Publizisten Dominique Venners, dessen Werkpflege im deutschen Sprachraum sich der Jungeuropa Verlag angenommen hat, besteht darin, daß sie sich fast ausschließlich auf das Frühwerk konzentriert.

Das Interesse an Venners Schriften betrifft also weit überwiegend diejenigen seiner aktivistischen Jugend in den 1960ern. Ein besonderes Interesse am Werk des „meditativen Historikers“ (Venner über seinen zweiten Lebensabschnitt) ist nicht festzustellen.

Diese Einseitigkeit ist deshalb relevant, weil Venners Frühwerk entstand, bevor er gemeinsam mit Alain de Benoist, im Bruch mit den damaligen nationalistischen Bewegungen Frankreichs, die Nouvelle Droite gründete, die für das nächste halbe Jahrhundert sicherlich die einflußreichste Denkschule der europäischen Rechten werden sollte.

Aktueller als der Nachfolger

Die Epoche der Nouvelle Droite ist jedoch unübersehbar vorbei und nichts zeigt dies besser als eine Lektüre des jungen Venner: Diese Schriften, sei es Für eine Positive Kritik, die Aufsätze für die Zeitschrift „Europe-Action“, vor allem aber der jetzt erstmals auf Deutsch erschienene Essay Was ist Nationalismus? könnten über weite Strecken heute verfaßt worden sein. Diese bald sechzigjährigen Texte sind weit besser gealtert, als die der Nouvelle Droite.

Noch vom Nachhall des Algerienkrieges durchdrungen, leiden sie nicht unter dem antirassistischen Kurzschluß Alain de Benoists, der später glaubte, ein Verzicht auf Wertung an sich würde die praktischen Auswirkungen der Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen negieren. Diese Illusion europäischer Rechtsintellektueller der 70er und 80er hatte im Wüstenkrieg keinen Platz gehabt und ist inzwischen von der erlebten multikulturellen Realität zerfetzt worden. Einzelne unsinnige Behauptungen über andere Kulturkreise, auf die sich Alain de Benoist in seinem distanzierenden Vorwort zur Neuauflage von Was ist Nationalismus? einschießt, fallen demgegenüber nicht ins Gewicht.

Für den heutigen Leser erstaunlicher ist, daß die Wir-Bestimmung des jungen Venners deckungsgleich mit derjenigen ist, die sich im letzten Jahrzehnt ganz von selbst herausgebildet hat. Venner spricht von „Europa“, vom „Abendland“ und den „weißen Völkern“. Dabei sind die Vereinigten Staaten und andere europäische Staatsbildungen außerhalb des alten Kontinents explizit eingeschlossen. Auch hierin steht er in schärfstem Widerspruch zur späteren Nouvelle Droite mit ihrem Antiamerikanismus und ihren Anleihen bei Dritte-Welt-Ideologien, die eine Reaktion auf die amerikanisch-sowjetische Doppelhegemonie darstellten und heute anachronistisch sind.

Europäisches Denken

Was ist Nationalismus? ist ein Aktivistenbuch und behandelt, typisch für dieses Genre, gleich drei verschiedene Themenfelder, oft wild durcheinander. Zunächst grundsätzliche Weltanschauungsfragen. Neben dem bereits Erwähnten fällt hierhin Venners Versuch, Grundzüge europäischen Denkens herauszuarbeiten. Seine Charakterisierung dieses Denkens als wissenschaftlich, positivistisch und antimetaphysisch gilt ihm als Befreiung des abendländischen Christentums von orientalischem Aberglaube. Das kann vom Standpunkt einer abendländischen Geistesgeschichte und der metaphysischen Höhe eines Hegel oder Cusanus kritisiert werden.

Diese Kritik wäre treffend, wenn sie auf blinde Flecken oder schlichte Bildungslücken des jungen Venners verwiese. Venners Charakterisierung soll jedoch keine erschöpfende Geistesgeschichte des Abendlandes ersetzen. Seine Betonung der Wissenschaftlichkeit europäischen Denkens erfolgt einmal, weil diese ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Kulturkreisen darstellt. Wichtiger jedoch: Sie richtet sich gegen die damals beginnende Tendenz, die Sozialwissenschaften von den Naturwissenschaften abzuschotten und über weite, ideologisch vernebelte Strecken überhaupt nicht mehr mit wissenschaftlichen Methoden zu behandeln.

Das zweite Thema von Was ist Nationalismus? ist zeitgeschichtlicher Natur und betrifft uns als Beschreibung des damaligen gegen Charles de Gaulle gerichteten nationalistischen Aktivismus am wenigsten. In den am Matrizendrucker Flugblätter anfertigenden Aktivisten können sich viele wohl wiedererkennen. Doch ob zu Recht oder zu Unrecht, weder die Namen damaliger französischer Rechtspolitiker, noch die der eingekerkerten oder hingerichteten Mitglieder der Untergrundorganisation OAS (Organisation de l‘armée secrète) sagen heute noch jemandem etwas.

„Das Regime“

Von bleibendem Wert ist dagegen Venners Einsicht aus diesen Erfahrungen: Daß weder terroristische Verzweiflungstaten, noch weltanschauungsloser Populismus, der bloß an eine dumpfe Unzufriedenheit der Bevölkerung appelliert, „das Regime“ stürzen kann. „Das Regime“, das war damals das geläufige Wort für das, was heute als „das System“ bezeichnet wird. Es geht also um jene gesellschaftlichen Strukturen, die die gegenwärtige Machtlage bestimmen. Das Nebulöse des Begriffes stammt daher, daß er über die bloßen Institutionen von Staat und Regierung hinausgeht und keine Behörde mit einer Liste verbeamteter Mitarbeiter meint.

Daraus, daß das Regime nicht bloß aus der Regierung besteht, sondern aus der Gesamtheit der herrschenden gesellschaftlichen Kräfte, folgt, daß es sinnlos wäre, de Gaulle (oder Merkel) zu stürzen, wenn man eine Veränderung dieser gesellschaftlichen Kräfte nicht bewirken kann, oder nicht einmal anstrebt.

Nationale und Nationalisten

Damit sind wir beim dritten Thema angelangt: Dem Unterschied, den Venner zwischen „Nationalen“ und „Nationalisten“ zieht. Als „Nationale“ bezeichnet er jene Gefühlspatrioten, die sich, leicht erregt und leicht getäuscht, ohne Grundlage und im Herzen jeder Ordnungsstörung abhold, stets aufs Neue vom Regime düpieren lassen. Der Nationalist unterscheide sich hiervon einmal durch seine theoretische, weltanschauliche Bildung, zum anderen durch den revolutionären Geist.

Diese Unterscheidung, die Venner von Ernst von Salomon übernommen hat und die heute meist mit der Differenz zwischen „konservativ“ und „rechts“ bezeichnet wird, scheint eine politische Konstante der letzten hundert Jahre zu beschreiben. Nicht zuletzt deshalb bleibt der junge Venner aktuell.

Dominique Venner: Was ist Nationalismus? Jungeuropa. Dresden 2019. Hier bestellen!


1 Kommentar zu “Vor der Nouvelle Droite

  1. „Ritter, Tod und Teufel“

    „ … dem antirassistischen Kurzschluß Alain de Benoists, der später glaubte, ein Verzicht auf Wertung an sich würde die praktischen Auswirkungen der Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen negieren. Diese Illusion europäischer Rechtsintellektueller der 70er und 80er hatte im Wüstenkrieg keinen Platz gehabt und ist inzwischen von der erlebten multikulturellen Realität zerfetzt worden.“ („Vor der Nouvelle Droite“ von J. K. Poensgen vom 25. März 2020)

    Richtig! Das hat uns schon immer an Alain de Benoist gestört und unsere weltanschauliche Haltung fundamental von der seinen unterschieden.

    „Venner spricht von „Europa“, vom „Abendland“ und den „weißen Völkern“. Dabei sind die Vereinigten Staaten und andere europäische Staatsbildungen außerhalb des alten Kontinents explizit eingeschlossen. Auch hierin steht er in schärfstem Widerspruch zur späteren Nouvelle Droite mit ihrem Antiamerikanismus und ihren Anleihen bei Dritte-Welt-Ideologien, die eine Reaktion auf die amerikanisch-sowjetische Doppelhegemonie darstellten und heute anachronistisch sind.“

    Richtig! Alain de Benoist geriet dabei unseres Erachtens geradezu schon in leninistisches Fahrwasser (Imperialismustheorie). Bei Julius Evola („Menschen inmitten von Ruinen“) konnte man dagegen schon damals lesen, daß sich Europa sowohl gegen Amerika wie auch und vor allem Russland zu behaupten hätte; so ja auch später Hans-Dietrich Sander („Nationaler Imperativ“). Das gilt ja in gewisser Weise immer noch. Aber es geht inzwischen längst ums Ganze. Nordamerika ist da sicherlich – gerade mit Blick auf die neoliberale Globalisierung – viel vorzuwerfen; aber was ist mit Europa? – eine ehrliche Selbstkritik sollte hierbei nicht unterbleiben.

    „Seine Betonung der Wissenschaftlichkeit europäischen Denkens erfolgt einmal, weil diese ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Kulturkreisen darstellt. Wichtiger jedoch: Sie richtet sich gegen die damals beginnende Tendenz, die Sozialwissenschaften von den Naturwissenschaften abzuschotten und über weite, ideologisch vernebelte Strecken überhaupt nicht mehr mit wissenschaftlichen Methoden zu behandeln.“

    Eine „Wissenschaft“, die sich von den Naturwissenschaften emanzipiert ist keine Wissenschaft mehr. Insofern erleben wir gerade heute einen sukzessiven Verfall der Wissenschaftlichkeit. Was einige, um nicht zu sagen: immer mehr, deutsche Sozialwissenschaftler und Philosophen mittlerweile öffentlich so von sich geben, grenzt tatsächlich schon an Verblödung.

    „Von bleibendem Wert ist dagegen Venners Einsicht aus diesen Erfahrungen: Daß weder terroristische Verzweiflungstaten, noch weltanschauungsloser Populismus, der bloß an eine dumpfe Unzufriedenheit der Bevölkerung appelliert, „das Regime“ stürzen kann. „Das Regime“, das war damals das geläufige Wort für das, was heute als „das System“ bezeichnet wird. Es geht also um jene gesellschaftlichen Strukturen, die die gegenwärtige Machtlage bestimmen. Das Nebulöse des Begriffes stammt daher, daß er über die bloßen Institutionen von Staat und Regierung hinausgeht und keine Behörde mit einer Liste verbeamteter Mitarbeiter meint.
    Daraus, daß das Regime nicht bloß aus der Regierung besteht, sondern aus der Gesamtheit der herrschenden gesellschaftlichen Kräfte, folgt, daß es sinnlos wäre, de Gaulle (oder Merkel) zu stürzen, wenn man eine Veränderung dieser gesellschaftlichen Kräfte nicht bewirken kann, oder nicht einmal anstrebt.“

    Kann gar nicht genug betont werden.

    Und wie selbstvergessen diese „gesellschaftlichen Kräfte“ hierzulande sind, hat der französische Historiker Dominique Venner ebenfalls gut auf den Punkt gebracht:

    „Wenn man denjenigen, die sich anmaßen, im Namen der Europäer zu sprechen, glauben wollte, so sind die Europäer Menschen ohne Vergangenheit, ohne Wurzeln, ohne Schicksal. Sie wären demnach einfach gar nichts.“
    Dominique Venner „Ein Samurai aus Europa“ Seite 28, Thule-Bibliothek, Bad Wildungen 2014

    Worauf wir mit Nietzsche ewig antworten: Wir wissen, wer wir sind!

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