Rezension

Walter Flex und die Aufgabe der Deutschen

Vor über 100 Jahren erschien die autobiographische Novelle „Wanderer zwischen beiden Welten“ von Walter Flex.

Flex schildert seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg und die Kameradschaft mit dem idealisierten Soldaten Ernst Wurche. Nach ihren Erlebnissen an der Westfront im Jahr 1915 werden die beiden Soldaten zu Leutnants befördert und an die Ostfront befohlen. Auf einige schöne Sommertage folgen die ersten ernsthaften Kämpfe gegen die Russen. Grabenkämpfe in Sümpfen, Vormärsche, Sturmangriffe – schließlich stirbt Ernst Wurche und Walter Flex verliert seinen teuren Freund.

Zwischen den Welten und zwischen Jünger und Remarque

So ähnlich könnte man die Handlung des „Wanderers“ lieblos zusammenfassen. Das lediglich 100 Seiten dicke Bändchen lebt nicht von einer rasanten Entwicklung, sondern von den liebevoll beschriebenen Episoden des Krieges und nimmt damit einen Platz zwischen Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues und Ernst Jüngers In Stahlgewittern ein. Weder ähnelt Flexens Buch dem heroischen Nihilismus Jüngers, der mit glasklarem Blick die Schrecken und die Schönheit des Krieges beschreibt, noch ist der „Wanderer“ ein phlegmatisches Ausharren auf den Tod wie in Remarques Erzählung.

Flexens Erzählung liegt auf einer anderen Ebene – ist im gewissen Sinne keine richtige Kriegslektüre, sondern wirkt wie antike Erzählung über Werte, Schönheit, Trauer, Kameradschaft und Erhabenheit. Sicher, der Krieg wird beschrieben, ein wenig bewertet und bildet den Rahmen des Wanderers, aber der eigentliche Inhalt der Geschichte, das Leben und Erleben Ernst Wurches, hätte im 30-Jährigen Krieg oder sogar im Krieg der Sterne stattfinden können. Das Bild bliebe das gleiche.

Damit erinnert Flexens Erzählung an Friedrich Georg Jünger, dem man allzu häufig eine literarische Distanz zum Krieg nachsagte. Man könne in seinen Erzählungen nicht einmal erkennen, ob es sich um den Ersten oder den Zweiten Weltkrieg handele, so Kritiker. Ganz so distanziert ist Flexens Wanderer nicht, aber man bemerkt den unterschiedlichen Brennpunkt. Ernst Wurche, das ist ein junger Leutnant, der bei einer Aufklärung im Jahr 1916 sein Leben ließ. Ob es ihn so gegeben hat, wie Flex seinen Freund beschreibt? Wurche bildet den Idealtyp des deutschen Offiziers. Dabei hat er stets drei Bücher: Das Neue Testament, Goethe und Nietzsches Zarathustra, die sich nach eigenen Angaben in keiner Weise widersprechen, aus deren Fundus er aber reichlich schöpft und in mannigfaltigen Situationen seine Weisheit einsetzt.

Bedeutungslosigkeit im Stahlgewitter

Dazu kommt ein reiner Geist, eine Liebe zum Schönen und Guten, ein Einsetzen für den „kleinen Soldaten“. Wurche ist perfekt – und stirbt. Aufgerieben im Kriegsgeschehen. Beinahe banal erfährt Flex vom Tod seines Kameraden und wird vollkommen aus der Bahn geworfen. Die letzten Seiten beschreiben auf tragischste Weise sein Umgehen – von wirklicher Verarbeitung kann keine Rede sein – mit dem gefallenen Freund. Der Krieg rückt noch weiter in den Hintergrund. Flex durchläuft die Szenerie wie ein Komparse, nimmt nicht mehr teil, lebt nicht und greift gewissermaßen auf seinen eigenen Tod vor, der sich bereits in seinen Aufzeichnungen düster abzeichnet. Flex stirbt zwei Jahre nach Ernst Wurche 1917 auf einer estnischen Insel.

Der Wanderer zwischen den Welten ist ein beeindruckendes Buch, das realistische Einblicke in die Welt des Ersten Weltkrieges liefert. Wohl realistischer als Jünger und Remarque es taten. Gleichzeitig ist das Buch von einem geistigen Heroismus Wurches durchzogen, der stellvertretend für eine junge Generation von Deutschen stand, die im Ersten Weltkrieg verfeuert wurden. Bedrückend schwer ist es zu lesen, dass ein Mann vom Formate Wurches, mit seiner kindlichen, natürlichen Weisheit und seiner Güte von der gleichen Kugel getötet wird wie ein jeder andere.

Ideale im Zeichen des Krieges

Der Tod des Autors ließ einen „Hype“ entstehen, die Auflage ging durch die Decke. Bereits 1918, also zwei Jahre nach Erscheinen, kratzte die Auflage des Buches an einer halben Million Exemplare. Im Dritten Reich versuchten die Nationalsozialisten die Erzählung als Propagandawerk zu interpretieren. Sicher, das Deutschtum wurde von Flex glorifiziert, auch Kameradschaft und Treue lassen sich mit dem Wanderer herleiten.

Blinder Gehorsam, unsinnige Aufopferung eines Volkes, kann man mit dem Erfolgsbuch allerdings schwerlich stützen. Was sich hingegen vom Wanderer ableiten lässt, ist der Weg zur eigenen Verbesserung, zum Streben ein guter Mensch zu werden, mit Nachsicht, Gelassenheit und Liebe dem Umfeld und auch den Feinden zu begegnen.

Vorleben – bis zum Volksende?

Dieses „Ideal“ wird, im Zuge seiner eigenen Pflichterfüllung, dem Dienst am Vaterland, sich selbst geopfert. Ernst Wurche funktioniert nicht ohne Krieg, der deutsche Offizier funktioniert nicht ohne preußischen, bürgerlichen, deutschen Idealismus. So navigierte sich der deutsche Geist in gewissem Sinne in eine idealistische Kriegszwickmühle, aus der man nicht entkommen kann. „Leutnantsdienst tun, heißt seinen Leuten vorsterben“, so das geflügelte Wort des Ersten Weltkrieges. Ernst Wurche betonte dies auch. Das kann man freilich nur, wenn man bereit ist zu sterben.

Häufig erkennt man die Parallelen Leutnant Wurches zu Deutschland. Ob diese zufällig, besser gesagt natürlich, entstanden sind oder Flex bewusst als einer der ersten auf seine sterbende Nation in Form Wurches Personifizierung hindeutet, weiß nur der Autor alleine.  Flex zitiert Gottfried Kellers Fähnlein der sieben Aufrechten:

„Wenn dann mitten in dem Frühling bunter Bilder Meister Kellers nachdenkliches und geruhiges Wort vom Tode der Völker aufklang, dann war’s, als ob eine dunkle tiefe Glocke in der Stille zu tönen anhöbe und unsere Herzen schwangen in dem Ewigkeitsklange mit: ‚Wie es dem Manne geziemt, in kräftiger Lebensmitte zuweilen an den Tod zu denken, so mag er auch in beschaulicher Stunde das sichere Ende seines Vaterlandes ins Auge fassen, damit er die Gegenwart des Selben umso inbrünstiger liebe; denn alles ist vergänglich und dem Wechsel unterworfen auf dieser Erde. Oder sind nicht noch viel größere Nationen untergegangen, als wir sind?  […] Ist die Aufgabe eines Volkes gelöst, so kommt es auf einige Tage längerer oder kürzerer Dauer nicht mehr an, neue Erscheinungen harren schon an der Pforte ihrer Zeit.‘“

Walter Flex: Wanderer zwischen beiden Welten, antiquarisch ab zwei Euro.

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