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Maximen und Reflexionen (II): Liberalität

Es hat bisweilen etwas heilsames zu wissen, dass gewisse Probleme nicht neu sind und schon den Altmeister Goethe vor 180 Jahren bedrückten. Lassen wir ihn für uns sprechen:

 

Man muß sein Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit wiederholen, aussprechen, was man billigt, was man verdammt; der Gegenteil läßt’s ja auch nicht daran fehlen.

 

Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen, denn sie ruht ja auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil kann, darf und muß man wiederholt aussprechen.

 

Wenn ich von liberalen Ideen reden höre, so verwundere ich mich immer, wie die Menschen sich gern mit leeren Wortschällen hinhalten: Eine Idee darf nicht liberal sein! Kräftig sei sie, tüchtig, in sich selbst abgeschlossen, damit sie den göttlichen Auftrag, produktiv zu sein, erfülle. Noch weniger darf der Begriff liberal sein; denn der hat einen ganz andern Auftrag.

Wo man die Liberalität aber suchen muß, das ist in den Gesinnungen, und diese sind das lebendige Gemüt.

Gesinnungen aber sind selten liberal, weil die Gesinnung unmittelbar aus der Person, ihren nächsten Beziehungen und Bedürfnissen hervorgeht.

Weiter schreiben wir nicht; an diesem Maßstab halte man, was man tagtäglich hört!

[Goethe, Maximen und Reflexionen, 1821/1824]

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5 Kommentare zu “Maximen und Reflexionen (II): Liberalität

  1. Der Beginn erinnert mich an eine ähnliche Aussage Goethes:

    »Man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns herum immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse.«

  2. Nietzsche hat über den Liberalismus dieses gesagt/ geschrieben:

    »Toleranz ist ein Beweis des Mißtrauens gegen das eigene Ideal.«

    Und Moeller van den Bruck hat seinem Aufsatz `An Liberalismus gehen die Völker zugrunde´, der im Sammelwerk `Die Neue Front´ enthalten ist, dieses Zitat von Goethe über den Liberalismus vorangestellt:

    »Wenn ich von liberalen Ideen reden höre, so verwundere ich mich immer, wie die Menschen sich gerne mit leeren Wortschällen hinhalten. Eine Idee darf nicht liberal sein. Kräftig sei sie, tüchtig, in sich selbst abgeschlossen, damit sie den göttlichen Auftrag, produktiv zu sein, erfülle.«

    Alles richtig. Trotzdem muß gesagt werden, dass beide Aussagen eigentlich mehr oder weniger Allgemeinplätze sind.

    Eine diesbezügliche tiefergehende Frage müßte diese sein:

    Wie muß eine Idee in Form und Inhalt beschaffen sein, um a) Massentauglichkeit zu gewinnen und b) um sich effektiv gegen innere und äußere liberale Zersetzungskräfte zu schützen?

    Eine gute Idee, die ihrem Inhalt nach wahr, rein, richtig und lebensgesetzlich ist, kann effektiv nur wirksam sein, wenn sie tief und breit in Seele und Bewußtsein der Masse vergeistigt wurde/ist und dort fest ankert.

    Und ebenso notwendig ist es, dass eine Idee, die derart verwurzelt ist, sich auch dauerhaft gegen alle liberalen Auflösungs- und Durchseuchungsversuche von außen und innen zu verteidigen weiß. Die Idee an sich bedarf also eines eigenen Selbstbehauptungswillens, um einerseits den Kampf gegen fremde Gegenideen, die zu ihr in den Konkurrenz um die Masse treten, überhaupt führen zu wollen und andererseits um zeitweilige Phasen der Demotivation und Glaubensmüdigkeit seitens der Gläubigen, die schließlich menschlich sind, zu überbrücken und ihnen entgegenzuwirken.

    Und das bedeutet, anders formuliert, dass eine inhaltlich richtige Idee ihr eigenes `psychologisches Waffenarsenal´ benötigt, um ihre Glaubenanhänger über die Generationen hinweg zu motivieren, durchzuhalten und notfalls Glaubenskriege gegen Fremdideen zu führen.

    Nur eine solche Idee verfügt über die Vorraussetzungen, ihre Macht, ihr dogmatisches Wollen und ihre Glaubenssätze dauerhaft rein und unverfälscht im Dasein zu erhalten.

  3. Marco Reese

    Ersatzreligion führt ins Unglück. Nach wie vor. Und zu Recht.

  4. Wir befinden uns ohnehin schon im tiefsten Unglück.

    Nächstenliebelnde Geißelbrüder und pazifistische Betschwestern werden Europa nicht retten.

    Ein neue Gott muß her. Die Idee muß an einen offenbarenden jenseitigen Gott gebunden werden. Nur ein personifiziert gedachter `allmächtiger´ Gott, der jenseitig lohnend oder strafend wirkt, vermag die (Willens-)energien von Menschen/Massen/Völkern effektiv auf eine bestimmte Idee zu richten bzw. zu konzentrieren. Nur über Gott und die Gottesvorstellung im Einzelnen können Ideen seelisch-willensmäßig `vergeistigt´ (d.h. gebunden, verankert) werden.

    Ohne Gott kann es – mikroperspektifisch sowie auch metapolitisch gesehen – keine Verschiebungen der Willensenergien hin zu `unserer´ Idee geben. Und ohne Gott auch kein Jenseitsglauben. Und ohne Jenseitsglauben kein Märtyrertum.

  5. Marco Reese

    Dieses offen zur Schau gestellte Nützlichkeitsdenken widert mich so was von an. Und zur Information: es GIBT diesen offenbarenden Gott, es gab Ihn, gibt Ihn, wird Ihn geben, Er war niemals tot, stets lebendig, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er ist Wirklichkeit und Wahrheit, und nicht Projektion reiner Machtgier. Und es waren »nächstenliebende Geißelbrüder« und »pazifistische Betschwestern«, die große Märtyrer wurden, aber für etwas, woran sie wirklich glaubten, und das sie nicht zu erfinden brauchten.

    »Ein neuer Gott muß her«. »Wir befinden uns schon im tiefsten Unglück.«

    Daß Menschen nach erster Aussage gehandelt haben und handeln, hat dazu geführt, daß die zweite wahrheitsgemäß geäußert werden kann.

    »Ein neuer Gott muß her«, das ist krank, abartig, GOTTLOS und verachtungswürdig, unheilsträchtig.

    Mehr sage ich dazu nicht mehr, ich habe diese unsinnigen Diskussionen über einen solchen größenwahnsinnigen Schwachsinn hier zu oft geführt.

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