Rezension

Warum Sloterdijk Luther beschimpft

Peter Sloterdijk ist ein Philosoph für Insider. Trotz der Popularität seiner Werke dürften sie mehrheitlich ungelesen und unverstanden bleiben. Das gilt auch für „Nach Gott“.

Der Grund ist für die Nicht-Insider vor allem sein Schreibstil, der Sprache als etwas Gewordenes inszeniert. Wer aufmerksam liest und Sloterdijks Sprechweise kennt, kann ihn aus seinen Texten sprechen hören. Das bereitet wie im Falle seines neuen Werkes Nach Gott mehrheitlich Vergnügen. Auch wenn es sich bei dem Werk in wesentlichen Teilen um eine Sammlung bereits an anderer Stelle veröffentlichter Texte oder die Manuskripte gehaltener Vorträge von Sloterdijk handelt, gewinnen sie in ihrer Anordnung eine neue Präsenz.

Insgesamt erscheint Nach Gott als Sloterdijks Beitrag zum lutherbesoffenen Reformationsjubiläum. An dem Thesenanschläger von Wittenberg markiert er das Drama der menschlichen Existenz in der neurotischen Fixierung des Protestantismus auf Sünde und Buße. Folgerichtig erscheint Luther für Sloterdijk als „Neurotiker“ und „christlicher Salafist“: „Im Hinweis auf die unvertretbare, unkäufliche, unmanipulierbare Buße ist das ganze Programm der Reformation enthalten“. Der Ablasshandel, der Luther ein besonderer Dorn im Auge war, hob diese Unmanipulierbarkeit auf.

Salafist Luther

Für Luther, der sich in Rom selbst als eifriger Ablassjäger im Heilsdienst der eigenen Seele betätigte, und die ihm nachfolgenden Ideologen des Protestantismus stellte der Ablasshandel vor allem einen Wechsel der Perspektive auf Sünde und Buße dar, die plötzlich lebensbejahend wirkte. Nach Meinung von Sloterdijk wollte Luther hinter diesen, von der Kirche nach vielen Jahrhunderten erreichten Punkt eines menschlichen Daseins in der weltlichen Erlösungsmöglichkeit zurück. In der Beichte seine Sünden zu bekennen und sich durch die Absolution wieder mit Gott im Reinen zu wissen, erschien Luther als Widerspruch zum göttlichen Zwang des Menschen, ein irdisches Leben in der Erlösungsunmöglichkeit zu führen.

Hier mag einer der Gründe dafür liegen, warum die offiziellen Vertreter des Protestantismus in der konkreten Gestalt der EKD häufig die moralisierend politische Beteiligung im öffentlichen Diskurs suchen, um Sloterdijks „Menschenpark“ nach ihren Regeln zu gestalten. Es wundert dann auch nicht, dass es aus Sicht des rundum welt- und lebensbejahenden Sloterdijks für Luther reines Glück war, auf diesem die Buße verherrlichenden Konstrukt eine echte Alternative zur Kirche aufzubauen: „Luther gehört zu den seltenen Figuren der kulturellen Evolution, von denen man sagen darf, sie hatten ideengeschichtlich Glück. Vom Glück begünstigt ist man auf diesem Feld, wenn man bessere Nachfolger findet, als man verdient hat.“

Neueres Testament als Götterdämmerung der Moderne

Der Protestantismus bleibt für Sloterdijk indes nur eines der Indizien für den Weg der Menschheit in die Existenz nach Gott. Die „Assimilation an profane Weltlichkeit“, die mittlerweile auch die Kirche erreicht hat, sei durch den Protestantismus maßgeblich vorbereitet worden und stelle das Ergebnis einer „Minimalisierung des Kults“ und der Privatisierung „des Verkehrs mit dem Höchsten“ dar.

Der überzeugte Atheist Sloterdijk liest sich hier wie ein philosophischer Wiedergänger Papst Paul VI., der den „Rauch des Satans in den Tempel Gottes eingedrungen“ sah. In Die schrecklichen Kinder der Neuzeit deutete Sloterdijk bereits an, was als Ergebnis dieses Endringens menschenfeindlicher Kräfte in die moderne Gesellschaft anzusehen sei. Es ist „das von nichts aus dem Bisherigen ganz überzeugte Leben, das im experimentierenden Umgang mit sich selbst den Entschluss verwirklicht, die verblasste Tradition durch intensive Hypothesen zu ersetzen“.

Der Coup von Nach Gott besteht nun darin, diesen Ersatz in einem neueren Testament zu identifizieren, das als eine Art Götterdämmerung der Moderne erscheint: „Wir leben in großer Mehrheit bereits so, als sei das Neue Testament durch ein Neueres Testament abgelöst. Es gehört zum Wesen dieses Testaments, dass es sich religiös bedeckt hält und allenfalls von Menschenrechten, von Wissenschaften, von Künsten spricht, ohne eine Kirche bilden zu wollen, es sei denn die Gemeinschaft der Lernbereiten.“

Die Welt ist grundsätzlich bejahbar

An dieser Stelle scheint Sloterdijks in Du musst Dein Leben ändern formulierter Anspruch des Menschen als ein mit einem anthropotechnischen Immunsystem ausgerüstetes Subjekt durch. Dieser wird erweitert durch eine metaphysische Begründungsdimension, der ihr Urheber abhandengekommen ist. Das Dasein als ein Hingehalten-Sein in das Nichts im Sinne von Heidegger zeigt sich für Sloterdijk deshalb in aller dramatischen Tiefe.

So ist es ihm aus existenziellen Gründen ein besonderes Anliegen, die Notwendigkeit aufzuzeigen, mit der sich der Mensch in diesem Nichts einrichten muss, um seine Existenz erfolgreich zu bewältigen. Der Mensch kommt also gar nicht umhin, sich in der Moderne ganz auf sich selbst zu verlassen und als Lernbereiter zum Lerngeübten zu werden, der sich durch ständiges Training am Leben hält. Als Ausgangspunkt für dieses Training markiert Sloterdijk in Nach Gott die grundsätzliche Bejahbarkeit der Welt.

Als Antwort auf eine atheistische Theodizee-Frage, ob die Welt bejahbar sei, formuliert er eine Unverneinbarkeit der Welt aufgrund ihrer Faktizität: „Das Faktum der Welt kommt jeder Verneinung immer schon zuvor. Die These, dass etwas ist, kann von keiner Gegenthese entkräftet werden.“ Für einen Atheisten oder aus anderen Gründen Gottlosen gibt es zu dieser Weltbejahung keine Alternative. Gottgläubige können indes aus dieser Perspektive eine Bereicherung ihres Glaubensstandpunktes erfahren und Impulse gewinnen, wie sich das Dasein als Sache des Einzelnen bewältigen lässt. Denn ob mit Gott oder ohne führt doch an der Realität kein Weg vorbei.

Peter Sloterdijk (2017): Nach Gott. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a. M. 364 Seiten. 28 Euro.

(Bildhintergrund: Fronteiras do PensamentoCC BY-SA 2.0)

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Jahrgang 1986, hat Soziologie und Politikwissenschaft studiert und lebt als selbständiger Autor in Köln. Für die Schriftenreihe BN-Anstoß hat er bereits zwei Bände beigesteuert: Geopolitik. Das Spiel nationaler Interessen zwischen Krieg und Frieden (2015). Sowie: Die ganze Wahrheit. Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument (2016).

3 Kommentare

  1. Matthes

    Alles schon gedacht und geschrieben. Man siehe Thomas von Aquin oder andere Scholastiker, die das paradoxe Feld Natur-Mensch-Heilsgeschehen-Gott hinreichend auszuleuchten versuchten. Dies alles andere als hermetische Ergebnis des damaligen Denkens ließe sich durchaus durch moderne Erkenntnis ergänzend denken und war auch dazu angelegt. Für den guten Katholiken ergeben sich solche Einseitigkeitsproblemchen daher gar nicht. Aber wahrscheinlich nie schlecht wenn es wiederholt wird. Insofern Daumen hoch, Herr Sloterdijk.

  2. Graf Jürgen

    Ein guter Artikel. Besonders gelungen fand ich Sloterdijks Charakterisierung Luthers als eines „christlichen Salafisten“. Dieser Ausdruck würde auf Calvin noch besser passen.

  3. Adalbert

    „Dies alles andere als hermetische Ergebnis des damaligen Denkens ließe sich durchaus durch moderne Erkenntnis ergänzend denken und war auch dazu angelegt.“

    Lieber Matthes,

    Damit das ginge, müsste sich die Moderne zuerst ihrer Wissenschaft entledigen. Dann hätte das Christentum endlich gewonnen und das „Heilsgeschehen Gottes“ hätte sein Endziel erreicht. Überlassen wir daher lieber den Theologen und Philosophen ihre Parawelten und Metawesen und kümmern uns um faktische Dinge.

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