Gesichtet

Zu Besuch bei der Frankfurter Tafel

Die deutschen Tafeln sammeln überschüssige, aber qualitativ einwandfreie Lebensmittel und verteilen diese an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte. Sie unterstützen regelmäßig bis zu 1,5 Millionen bedürftige Personen.

Die Politik sorgt dafür, dass es durch einen unfassbaren Niedriglohnsektor, eine unzureichende Grundsicherung und eine unausgegorene Zuwanderungspolitik immer mehr werden. Dazu die Niedrig- und Minuszinspolitik der EZB, die viele Rentner in die Armut treibt.

Über 10.000 neue Hilfsbedürftige

Die Frankfurter Tafel hilft aktuell jeden Monat über 23.700 Mitmenschen mit Lebensmitteln. Vor zehn Jahren waren es ungefähr 12.000 Hilfsbedürftige. Die Tafel hat elf Ausgabestellen im Stadtgebiet. Bezeichnenderweise ist diejenige im gentrifizierten Frankfurter Nordend die größte. Sie allein versorgt alle zwei Wochen 360 Familien.

Mein Besuch dort ist angemeldet. Mir fehlt aber die Orientierung, denn die Menschen im Vorraum der Christuskirche, aus der die Tafel später die morgens angelieferten Lebensmittel verteilen wird, sehen sich so ähnlich. Sind es nun Mitarbeiter oder Bedürftige? In dem Moment, wo ich fragend eine Frau anspreche, die ich fälschlicherweise für eine Organisatorin halte, kullert ihr eine Träne die Wange herunter.

Hartz-IV-Empfänger, die anderen Bedürftigen helfen

Eine Zweiklassengesellschaft gibt es hier also nicht. Was das Ganze vielmehr zu einem Projekt macht, liegt auch daran, dass knapp ein Drittel der Ehrenamtlichen, die hier größtenteils helfen, Hartz-IV-Empfänger sind bzw. Bedürftige, die aus Dankbarkeit auf der anderen Seite mithelfen. Schön finde ich, dass die Helfer die Lebensmitteltüten – abgesehen von der Grundaufteilung in Obst, Gemüse, Milch und Fleisch – teilweise auch nach individuellen Wünschen für die Bedürftigen zusammenstellen.

Im Gegensatz zu anderen Tafeln im Land, wo die Bedürftigen manchmal um Reste ringen müssen, werden die Kunden in Frankfurt gar nicht erst zu den Kisten mit Lebensmitteln vorgelassen. Sie nehmen die Tüten am Eingang von Mitarbeitern in Empfang, wo ein etwa zwei Meter langer Tisch bereitsteht, welcher als Theke für die Lebensmittelausgabe genutzt wird.

Bei Rentenerhöhung keine Hilfe mehr von der Tafel

Ein kleines Kind im Supermanpullover bekommt gleich eine ganze Tüte voller Süßigkeiten in die Hand gedrückt. Wow, so viel Schokolade! Manchmal freuen sich die Kunden auch über Blumen und wenn jemand eine Laktoseunverträglichkeit anmeldet, wird auch das berücksichtigt. Wenn das kein Service ist! Das soziale Miteinander – „ich hätte gerne geschnittenes Schwarzbrot“ – ist ein Grundsatz der Frankfurter Tafel. Nicht jeder Kunde rauscht danach direkt mit seinen Gaben ab. Manche tauschen unerwünschte Lebensmittel noch um mit anderen Kunden.

So eine volle Tasche langt pro Person schon für eine ganze Woche, wie man mir erzählt und nicht jeder würde eine Rentenerhöhung begrüßen, die einem aus der Hilfe der Frankfurter Tafel herausfallen ließe. Denn der Platz vor der Christuskirche ist für viele auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt, wo man seine Freunde trifft.

Die Folgen des Asylandrangs

Angesprochen auf Schamgefühl, das ich in vergleichbarer Situation mit Sicherheit hätte, antwortet mir eine Rentnerin, die seit 2005 dabei ist, dass es ohne Selbstvertrauen nicht geht, mit voller Tasche durch die Straßen zu laufen. Aber das Selbstvertrauen hat sie. „Ich liebe dich wie ein Stern schlafloser Nächte“, schäkert sie mit Helfer Aydin Aslan. Rentner Michael Honisch spricht von den ersten zwei, drei Mal, wo es schwierig ist. Aber jetzt, zusammen mit seinen Leuten, sei es in Ordnung. Die junge deutsche Familie mit dem Superman-Kind hat gute Laune. Sie lebt am Existenzminimum und ist dankbar für das Angebot der Tafel. Das mit dem Schamgefühl regeln Vater und Mutter so, dass „die Lebensmittel ja sonst weggeworfen würden.“

Die Frau, die weinte, hat übrigens ihren Bescheid für sich und ihren Sohn verloren, den sie aber braucht, da heute der Tag ist, an dem einmal im Jahr die Registrierung mit sämtlichen Unterlagen – Sozialbescheid bzw. Rentenbescheid, Personalausweis, Frankfurt Pass und Tafelausweis – überprüft wird. Gaby Walther, die freundliche und resolute Leiterin der Ausgabestelle, kennt sie aber: Glück gehabt! Andere, die nicht alle Dokumente dabeihaben, müssen noch einmal wiederkommen.

Viele Tafeln im Land reagierten mit dem Aufrufen von Nummernkärtchen auf das Chaos nach dem Asylandrang. Die Frankfurter Tafel koordiniert die Kunden von Anfang an durch Einzelaufrufe. Zudem werden sie in drei Gruppen eingeteilt, die zeitlich versetzt drankommen. Aydin Aslan sagt: „Die erste Gruppe bekommt ein rotes Ticket, das sind Leute über 80 Jahre und Menschen mit Behinderung. Alleinerziehende Väter und Mütter sind in der gelben Gruppe. Das blaue Ticket ist für die Alleinstehenden bzw. alle anderen.“

Fleisch gegen Geld

Ich treffe Joshua (18). Er geht in die elfte Klasse der Waldorfschule in Frankfurt Eckenheim und macht bei der Tafel sein vierwöchiges Berufspraktikum. Er hält es für „Wahnsinn, wie viel Arbeit dahinter steckt“. Es sei nicht nur Kisten schleppen. Die Zeit bei der Frankfurter Tafel hat ihm den Impuls gegeben, nach der Schulzeit vielleicht einen sozialen Beruf zu ergreifen. Angesprochen auf das Verhalten der Bedürftigen bezeichnet er die meisten als höflich und zurückhaltend. „Natürlich gibt es auch welche, die querschießen.“

Die genauen Prozentzahlen hat Gaby Walther: „95% sind dankbar, in Ordnung, freuen sich und sind sehr freundlich, 2% sind permanente Nörgler und 3% versuchen zu schummeln, wo sie schummeln können. Das sind diejenigen, die überhaupt kein Geld haben. Ein Beispiel: Wenn wir große Hähnchenteile kriegen oder ganze Hühner, dann gehen sie damit zum Supermarkt, beschweren sich über das fast abgelaufene Haltbarkeitsdatum und möchten Geld zurückhaben.“

Ob es im konkreten Fall Migranten oder Deutsche sind, kann Gaby Walther nicht sagen, im Allgemeinen würden Deutsche aber genauso ihre Ellbogen einsetzen wie Migranten. Da widerspricht Rentner Michael Honisch. Für ihn sind es „unsere Migranten“, die im Supermarkt Fleisch gegen Geld eintauschen wollen.

Undankbare Flüchtlinge

Es war nicht immer so. Aber die Frankfurter Tafel ist jetzt besser organisiert: Um Mehrfachabholungen zu verhindern, müssen die Kunden seit einer Woche bei jeder Essensausgabe den Frankfurt Pass vorzeigen, der zur besseren Zuordnung ja ein Foto hat. Voraussetzung für den Frankfurt Pass ist wiederum ein fester Wohnsitz.

Chaos herrschte dagegen nach dem Asylansturm 2015/2016, obwohl es doch eigentlich klar war, dass Flüchtlinge in ihren Unterkünften mit Essen ausreichend versorgt waren. Gaby Walther: „Am Anfang haben wir noch allen Flüchtlingen etwas gegeben. Die schmissen es aber weg, weil sie es nicht kannten. Später haben wir nur noch die aufgenommen, die eine feste Wohnung hatten.“

Zum Schluss treffe ich noch Benafsha Rahmani (31). Die Journalistin floh im Mai 2015 mit ihrer Familie aus Afghanistan. Sie ist sichtlich stolz auf das, was sie in ihrem Leben schon erreichte. Ich soll ihren Namen unbedingt googeln. Man könne so viel über sie erfahren. Ihr Problem ist, dass es „in Frankfurt keinen Beruf gibt und in Afghanistan keine Sicherheit“. Sie war schon bei der Tafel, als Flüchtlinge noch das Essen wegwarfen. Im Gegensatz zur Leiterin der Ausgabestelle entschuldigt sie das Verhalten dieser Personengruppe nicht. Sie hält es vielmehr für einen Skandal!

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2 Kommentare zu “Zu Besuch bei der Frankfurter Tafel

  1. Tortuga

    Das ganze Projekt Tafel ist, für ein Land wie die BRd, ein einziges Armutszeugnis. Aber paßt ja hervorragend zu dem Land in dem das Rentenniveau 51% beträgt, während es im Nachbarland Niederlande 100,6% sind und sich auch Portugiesen und Italiener über 90% gönnen. EU Durchschnitt sind übrigens 70%. Der Bürger der bunten Republik ist eben vor allem alt, feige und vermeidet den Konflikt. Hat dafür aber für alles Verständnis und Toleranz. Der perfekte Untertan, leider wirklich eine deutsche Konstante. Aber immer dran denken, »DIE DEUTSCHEN« sind die Gewinner der Globalisierung, die von Bertelsmann müssen das ja schließlich wissen.

  2. Erzreaktionär

    Der eigentliche Skandal ist ja, daß staatliche Stellen (Sozialämter, Ausländerbehörden etc.) Flüchtlinge aktiv an die Tafeln verweisen, um sich dort mit Lebensmitteln zu versorgen. Bei denen, die noch nicht ganz so lange hier leben, muss dann praktisch der falsche Eindruck entstehen (woher sollten sie es auch besser wissen?), es handle sich bei den Tafeln um staatliche Einrichtungen, auf deren Leistungen sie Anspruch hätten. Tatsächlich sind es aber ja private Initiativen, die das freiwillig machen. Wenn es den Helfern zu blöd wird, wird der Laden halt dicht gemacht.

    Unlängst wurde in einer Dokumentation auch erklärt, daß der ursprüngliche Gedanke hinter der Tafel-Bewegung auch nicht (primär) die Versorgung Bedürftiger gewesen sei, sondern zu verhindern, daß fast abgelaufene, aber einwandfreie Lebensmittel weggeworfen werden. Durch die Fortschritte in der modernen Logistik entstünden mittlerweile aber in den meisten Supermärkten immer weniger derartige Überschüsse, so daß es für viele Tafeln zunehmend schwer werde, an genügend Lebensmittel für eine immer größere Zahl von Bedürftigen zu kommen…

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