Rezension

Anatomie einer Denunzianten-Republik

Günter Scholdt, promovierter Historiker im Ruhestand, legt nach der „Literarischen Musterung“ ein weiteres Buch vor: „Anatomie einer Denunzianten-Republik“ heißt das rund 200-seitige Werk, in dem Scholdt, der sich in seinem letzten Buch, der „Literarischen Musterung“, um die theoretische Deutungshoheit der Klassiker gekümmert hat, jetzt Klartext spricht.

Im Kampf für die Meinungsfreiheit jeglicher Couleur reduziert Scholdt die Gegner der Freiheit auf einige Grundtypen. Eine Aufgabe, die ihm unangenehm aufstößt, da wieder einmal deutlich wird, dass unser „Gemeinwesen vom Denunzianten geprägt ist“.

Dazu zählt Scholdt den „entarteten Gutmensch“ in all seinen Unterformen, die Vertreter der moralapostolischen Dienstleistungsbranche, die „Schmuddelkinder“ oder die „Saubermänner“ und zeichnet eine unterhaltsame und äußert bissige Typologie der Deutschen, die sich zum dritten Mal innerhalb eines Jahrhunderts als Feinde der Freiheit entpuppen. Nach dem nationalsozialistischen Dritten Reich, der sozialistischen DDR dauerte es kaum zwanzig Jahre, bis die totalitären Internationalsozialisten beginnen, ihre Feinde zu sondieren und gesellschaftlich als auch wirtschaftlich anzugreifen, auszugrenzen und schließlich mundtot zu machen.

Tugendterror

Bestechend an Scholdts Analyse ist, dass er es schafft von der soziologischen Kategorie auf die „kleinste Praxis“ zu schließen. Der entartete Gutmensch beispielsweise sei derjenige, der Tugenden von seinen Mitmenschen abverlangt. Als Maß gilt natürlich seine eigene Tugend, die vom peniblen Mülltrennen bis zum Befürworter der Zigarettenschachtel-Schockbilder reicht. „Man kann das aber nicht alles über einen Kamm scheren“, werden seine Kritiker sagen.

Selbstverständlich nicht, aber: Es ist erschreckend, wie oft seine Beispiele greifen und einen ganzen Menschenschlag charakterisieren. Wer kennt nicht den naserümpfenden Anti-Tabakmilitaristen und den „Grün-Befürworter“, der aber gleichzeitig zwei gehobene Mittelklassewagen sein Eigen nennt? Im Politischen treibt diese Grundeinstellung Blüten, die bis zum „Säubern“ reicht, freilich auf die „bösen Nazis“ bezogen.

Aber ist eine solche Grundhaltung nicht gerade eine Einstellung, die man bei den echten Nazis eingeordnet hatte? Unterstützung erhält diese Stoßtruppe von ihren Kumpanen, den „wissenschaftlichen Hof- und Schoßhunden“, die – und damit nimmt er Anleihen bei Ernst Jünger – betonen, „die öffentliche Meinung auszudrücken“. Man trage die „elitären Weisheiten“ vor, wenngleich sie schon morgen in den Leitartikeln stehen.

Trüffelschweine

Eine dritte interessante Kategorie, die Scholdt ebenfalls klassifiziert und auch bei Jünger ausleiht, sind die „Edelratten“ oder „Trüffelschweine“. Sie gelten als „Intellektuellen-Spezies“, die der Macht zuarbeiten. Sie fahnden akribisch nach Gedankenverbrechern und haben eine feine Witterung für eigentlich simple Formulierungen. Als Beispiel wählt Scholdt die Bezeichnung des 8. Mai 1945 als „Untergang“. Sofort schlagen die Alarmglocken der „Edelratten“. Schließlich sei der anerkannte Terminus technicus der Bundesrepublik „Befreiung“. Darunter falle auch die historisch hergeleitete Bezeichnung als „Reichskristallnacht“. Typisches Habitat der Edelratte – auch der wissenschaftlichen Schoßhunde – sind die Universitäten.

Ein besonderes Kapitel widmet Scholdt dem AfD-Politiker Björn Höcke. Verleger André Lichtschlag schrieb schon im Januar 2015, dass wenn man in der Zukunft einmal nachschauen wolle, wie eine Einzelperson von einer Pressemeute fertiggemacht wurde, brauche man nur „Björn Höcke“ nachzuschlagen. Scholdt betont, dass Höcke natürlich kein Politiker ohne Fehl sei, die mediale Hetzkampagne gegen den thüringischen AfD-Politiker sei jedoch nichts anderes als das deutsche Gegenstück zu Donald Trump.

Über Trump, so eine kürzlich erschienene Studie, berichteten 98 Prozent der deutschen Medien negativ – und damit noch schlechter als die US-amerikanische Presse. „Wer einen Unbequemen Tag für Tag zu einem fast schon mystischen Bösewicht stempelt, nimmt Übergriffe zum Teil mit in Kauf“, schließt Scholdt.

Wir leben schon lange nicht mehr im freiesten Deutschland aller Zeiten

Man kann zusammenfassend sagen: Das Buch lohnt sich. In kurzen und vor allem kurzweiligen Kapiteln reitet Scholdt durch die Typologien und Vorgänge der „Denunzianten-Republik“, die dem Leser einmal mehr klar werden lässt: Wir leben schon lange nicht mehr im freiesten Deutschland aller Zeiten. Einen besonderen Ertrag liefert das Buch für die eigenen Werturteile. Denn jeder kennt die Edelratten, die Halbdenker, die Saubermänner und die Denunzianten – kennt die Hetzjagden gegen Andersdenkende, egal ob Promi oder Nachbar.

So kann man zumindest spöttisch denken, wenn jemand dieses oder jenes Verhalten an den Tag gelegt hat: Aha, mal wieder eine Edelratte. Mit ein wenig Humor muss man Scholdts Buch und die Denunzianten-Republik definitiv nehmen. Anders ist das erschreckende Bild, dass der emeritierte Literaturprofessor von unserer Heimat zeichnet, schwerlich zu ertragen.


4 Kommentare zu “Anatomie einer Denunzianten-Republik

  1. Robert Wagner

    Eine arg holzschnittartige, allzu schematische Vereinfachung unserer Gesellschaft und der Debatten in dieser, verfeinert mit einer gehörigen Portion Geringschätzung und Verleumdung Andersdenkender. Aber solche Vergröberungen und Argumente ad hominen scheinen ja eine Spezialität Scholdts zu sein, wie Historiker ihm bezüglich seines Hauptwerks »Autoren über Hitler«, bei aller akademischen Hochachtung, bescheinigen (https://de.m.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Scholdt).

    Dass ausgerechnet jemand wie Scholdt, der Leute mit abweichender Meinung in Nazi-Manier als »entartete(!) Gutmenschen« bezeichnet und sie in entmenschlichender Weise mit Ratten, Schweinen und Hunden vergleicht, behauptet, wir würden im dritten totalitären System nach Drittem Reich und DDR leben, ist auf eine groteske Weise abwegig – entspricht aber voll und ganz der »neurechten« Strategie, unsere liberale Demokratie zu diffamieren. Die in einer Demokratie notwendige Abgrenzung gegenüber antidemokratischen Kräften, die Menschenrechte als Ausdruck eines völkerzerstörenden »Globalismus« ablehnen oder von der Herkunft des Einzelnen abhängig machen wollen, mit politischen Säuberungen gleichzusetzen, ist gerade für einen Historiker schon ziemlich unverantwortlich und im höchsten Maße dumm. Scholdt scheint sich mit seinem Gerede vom »Internationalsozialismus« und vermeintlich verfolgten »Gedankenverbrechern« von der seriösen Wissenschaft längst verabschiedet zu haben.

    Ich stelle auch hier die Frage: Dröhnt einem beim Schreiben eines solchen Textes vor lauter kognitiven Dissonanzen nicht der Kopf?

  2. De. Daniel Kiecol

    Ja, ich muss zugeben, dass ich schon bei der Bezeichnung ‚entarteter Gutmensch‘ keine Lust mehr habe, noch viel weiter in die offenbar sehr gestörte Gedankenwelt dieses Menschen vorzustoßen.
    Das hat jetzt weniger damit zu tun, dass ich selbst promovierter Historiker bin und ich deshalb als besonderen Affront gegen den Anstand und den Intellekt empfinde, aus peinlich-plump kalkulierter PC-Verletzung einen solch kontaminierten Terminus zu nutzen.
    Vielmehr sollte es jedem Demokraten heute ein Anliegen sein, einen solchen als hyper-demokratisch verbrämten faschistoiden Gedankenquark als solchen kenntlich zu machen.

    Widerlich.

  3. MORALHYPERTROPHIE

    „Der berühmte, in Oxford lebende Physikochemiker Michael Polanyi (1891-1976; Anm. d. K.) hat in einer kleinen philosophischen Schrift „Jenseits des Nihilismus“ (1961) zuerst von einer leidenschaftlichen Hinwendung zur Moral gesprochen, die ,in unserer Zeit sich übersteigert hat in ihren maßlosen Forderungen´, und er hat behauptet, daß ,das Bedürfnis unserer Zeit umgekehrt darin besteht, unsere maßlosen moralischen Forderungen einzuschränken, unter denen wir moralisch absinken müssen.´“ (Arnold Gehlen „Moral und Hypermoral“ S. 141, Frankfurt/Main 2004)

    Zum polemischen Begriff des „Gutmenschen“ -
    Im besten Falle: Menschen, die subjektiv das Gute wollen, objektiv aber dennoch Böses schaffen. Im schlechtesten Falle: Menschen, die lediglich vorgeben Gutes zu wollen, stattdessen aber durchaus Böses im Schilde führen. Die in einem vorstehenden Kommentar inkriminierte Formulierung zum Begriff des „Gutmenschen“ zielt unserer Meinung nach auf die erste Möglichkeit, und unterstellt damit also noch nicht zwingend die böse Absicht als solche.
    Einige einschlägige Fälle dürfen wohl zwischen diesen beiden Definitionen ein und desselben Begriffs moralisch zu verorten sein – die menschliche Psychologie ist nun einmal elementar widersprüchlich. Wir neigen trotzdem schon länger eher zur zweiten Ansicht in diesen Dingen. So mancherlei Missverständnisse im bezug auf Bücher wie die von Thilo Sarrazin und Günter Scholdt, um hier nur zwei Autoren beispielhaft zu nennen, sind unserer Meinung nach auf linker Seite einfach zu oft auf Vorsatz zurückzuführen; wobei die sogenannte Political Correctness, die gerade von denen, die sie durchzusetzen suchen, gerne öffentlich bespöttelt oder gar geleugnet wird, ohnehin das öffentliche Meinungsklima schon lange nachhaltig vergiftet. Diejenigen, die nach „Scheiterhaufen“ für wirkliche oder vermeintliche Ketzer rufen fühlten sich, das liegt gewissermaßen in der Natur der Sache, schon immer besonders im moralischen Recht. Zur „Hexenjagd“ fühlte sich dann auch nicht nur die katholische Inquisition der Vergangenheit berufen; obgleich oder sogar weil es weiterhin zumeist um Glaubensfragen ging. Aber wehe, wenn der „Tugendterror“ („Der Schrecken ist kein besonderes Prinzip für sich, sondern nur der Ausfluss der Tugend.“ Robespierre) schließlich vor der eigenen Tür steht. Dantons Tod 1794 sei uns hier mahnende Erinnerung.

    Postscriptum: Diese Ausführungen machen wir unabhängig vom infrage stehenden Buch, das wir aber gelesen haben. Zum Schluss noch ein historisches Zitat: „Von unserem Standpunkte aus werden wir fort und fort daran erinnern, daß es eben nicht im Begriffe des natürlichen Kampfes ums Dasein liegt, daß die Sieger immer die physiologisch und menschlich überragenden, die moralisch würdigeren seien.“ Oskar Schmidt, 1878 (nach R. P. Sieferle „Die Krise der menschlichen Natur“ S. 208, Frankfurt/Main 1989)

  4. »Widerlich« Das lächerliche Lieblingswort, unserer ständig empörten Gutmenschen. Ich vermute, dass sie sich gar nicht so sehr für die größeren Fragen und Zusammenhänge interessieren und es ihnen vor allem um soziale Anerkennung im eigenen Umfeld geht. Ihr Intellekt reicht auf dieser Ebene immerhin weit genug um zu erkennen, was sie von sich geben müssen, um sich von dieser Seite Anerkennung und Beifall sicher sein zu können. Die hypermoralisch-selbstgerechten wie feigen SJW, die, volltrunken von ihrer eigenen Gutmenschlichkeit, bis zu ihrem Ende nicht fähig oder willens sind, den fatalen, letztendlich selbstmörderischen Irrtum auch nur sich selbst gegenüber einzugestehen. Der Verstand der Leute, die sich in solchen geistigen Spasmen winden, blutet aus vielen Wunden, freilich ohne daß sie es bemerken würden, liefert doch die herrschende Ideologie die entsprechenden giftigen Sedativa mit. Doch am Schluß, müssen alle die Rechnung bezahlen. Widerlich, aber wahr! 😉

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